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Motorroller-Sharing : Auch im Sitzen lässt es sich elektrisch rollen

Mit dem Elektroroller durch Berlin Bild: dpa

Alle reden über E-Tretroller: Doch auch das Angebot für E-Motorroller-Sharing wächst rasant. Der Berliner E-Rollerhersteller Unu will daran jetzt teilhaben.

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          In Berlin heißen sie „Emmy“ oder „Coup“, in Frankfurt „Frank-E“: Ausleihsysteme für elektrisch angetriebene Roller, auf denen der Fahrer im Gegensatz zu den seit Sommer verfügbaren E-Scootern nicht steht, sondern wie auf einem Motorroller hockt. Ob nun mit Elektro- oder Verbrennungsmotor – auch das Angebot für diese Variante der Rollerkurzzeitmiete ist zuletzt stark gewachsen, wie eine Analyse des Berliner Elektrorollerherstellers Unu zeigt.

          Demnach startete der Ausleihmarkt für die Sitzroller vor sieben Jahren ziemlich bescheiden. Die Zahl der rund um die Welt verfügbaren Gefährte betrug im Jahr 2012 gerade einmal 40 Stück, die allesamt ein einziger Anbieter in einer Stadt stellte. Vor allem innerhalb der vergangenen drei Jahre hat sich die Menge der Fahrzeuge aber rasant erhöht. Gab es im Jahr 2016 global schon rund 2000 Roller zu leihen, waren es ein Jahr später 10.000 Stück. Heute beträgt die Menge der Sharing-Roller 66.000. 70 Prozent davon sind elektrisch angetrieben, der Rest fährt mit Benzin. Ausleihen kann sie in der Regel, wer über einen Autoführerschein der Klassen 3 beziehungsweise B verfügt. Ebenso ist die Zahl der Anbieter stark gestiegen. Inzwischen agieren 54 Ausleihsysteme in 88 Städten rund um die Welt.

          Viele dieser Anbieter suchen ihr Glück in Ländern, in denen Motorroller im Privatbesitz schon weit verbreitet sind. Fast 27.000 Roller und damit 40 Prozent aller Leihfahrzeuge stehen in Spanien, Frankreich und Italien. Rund 4200 Leihroller bringen Deutschland derzeit Rang fünf in der Länderrangliste ein. Hierzulande ist die Zahl der verfügbaren Roller binnen eines Jahres um 47 Prozent gestiegen. Global betrug die Wachstumsrate mehr als 160 Prozent, wie sich aus der Unu-Analyse ergibt.

          Ausweitung des Geschäftsmodells

          An dieser Entwicklung will nun auch der Rollerhersteller selbst teilhaben. Seine zweite Fahrzeuggeneration, die von der nächsten Woche an produziert werden soll, will Unu deshalb nun auch an Mobilitätsdienstleister verkaufen. Für das Unternehmen mit rund 120 Mitarbeitern bedeutet das eine Abkehr vom bisherigen Geschäftsmodell. Bislang hat Unu seinen in China gefertigten Elektroroller ausschließlich im Direktvertrieb an Endkunden veräußert. Nach Angaben des Mitgründers und Geschäftsführers Pascal Blum hat Unu bis Ende des vergangenen Jahres auf diese Weise mehr als 10.000 Roller verkauft, die meisten davon in Deutschland.

          Schon kurz nach der Gründung vor sechs Jahren sei Unu jedoch auch von Sharing-Anbietern angesprochen worden, die den ersten Roller des Unternehmens in ihre Ausleihsysteme integrieren wollten, berichtet Blum. Allerdings sei dieses Fahrzeug noch nicht auf eine Kurzzeitmiete ausgelegt gewesen. Das werde sich mit der zweiten Rollergeneration nun ändern. So seien die neuen Fahrzeuge wartungsärmer und ließen sich schneller reparieren, sagt Unu. Zudem sollen sich die neuen Roller zum Beispiel per Smartphone-Anwendung aufschließen lassen. Und in das Gepäckfach passen zwei Helme hinein. Dass der Roller ohne physischen Schlüssel geöffnet und dann nicht nur von Alleinfahrern genutzt werden kann, macht ihn interessanter für Mobilitätsdienstleister.

          Keine Sorge vor Käuferverlust

          Wer künftig zu den Firmenkunden zählt, will das Unternehmen noch nicht verraten. Laut Felix Jakobsen, dem Unu-Verantwortlichen für Mobilitätsdienste, können die gewerblichen Abnehmer aber aus verschiedenen Richtungen kommen. „Die Partner können einerseits etablierte Sharing-Dienstleister sein, die ihr Angebot um Elektroroller erweitern wollen“, sagt Jakobsen. „Da wir aber nicht nur die Fahrzeuge anbieten, sondern auch für die Vernetzung der Roller sorgen oder die Software für das Flottenmanagement bereitstellen, ist unser Angebot andererseits gerade auch für Unternehmen interessant, die neu in den Markt einsteigen wollen.“

          Geschäftsführer Blum sieht derweil keine Gefahr, dass Unu mit dem Zugehen auf Verleihanbieter private Käufer verlieren könnte. „Derzeit wachsen sowohl das Endkundengeschäft als auch der Sharing-Markt stark“, sagt er. „Und die beiden Marktsegmente befruchten sich aus unserer Sicht sogar gegenseitig. Deshalb haben wir auch keine Sorge, uns selbst zu kannibalisieren.“ Künftig sollen rund 30 Prozent des eigenen Absatzes auf Mobilitätsdienstleister entfallen, der Rest auf Einzelkäufer, sagt Blum.

          Mit der Ausweitung der Kundenbasis versucht Unu freilich auch, der Gewinnschwelle näherzukommen. Bisher finanzieren den Rollerhersteller Investoren, die rund 25 Millionen Euro an Wagniskapital bereitgestellt haben. Laut Bundesanzeiger standen in den Jahren 2016 und 2017 derweil Jahresfehlbeträge von rund 2,8 und 3,1 Millionen Euro zu Buche. Aktuell ist Unu laut Geschäftsführer Blum weiter unprofitabel, weil es sich darauf konzentriere, zu wachsen.

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