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Moscheebau in Algerien : Ein Minarett aus Deutschland

Das Minarett wird 265 Meter hoch Bild: KSP

In Algier entsteht derzeit die drittgrößte Moschee der Welt. Es ist ein Heiligtum der Superlative. Seine Architekten sind Deutsche, die Arbeiter kommen aus China.

          5 Min.

          Der blaue Renault verlässt das Zentrum von Algier und fährt neun Kilometer in Richtung Mekka. Links rauscht die neue Strandpromenade vorbei, vor der Bucht von Algier liegen ein paar Tanker. Es geht durch das Niemandsland der Vorstadt: Wohnhäuser, Gewerbehallen, Park- und Fußballplätze. Der Wagen taucht unter einer Schnellstraße hindurch, dann kommt in Blau und Weiß, den Farben der Stadt, der Bauzaun, darauf drei Reihen Stacheldraht. Chinesische Bauarbeiter in Blaumännern ziehen schleppenden Schritts zu ihren Unterkünften. Die orangefarbenen Helme wippen in der Sonne. Es ist Mittagspause, von elf bis 13 Uhr.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hinter dem Bauzaun hört man Englisch, Französisch, Arabisch, Deutsch und sehr viel Chinesisch. Tausende Chinesen bauen hier, in der Peripherie der Hauptstadt, im Auftrag des algerischen Religionsministeriums ein islamisches Heiligtum der Superlative. Die „Große Moschee von Algier“ ist viel mehr als nur eine Moschee. Sie ist ein neuer Stadtteil mit Kulturzentrum, Park, Kinosälen, Boutiquen, Teehäusern, Hochschule, Bibliothek, Studentenwohnheim und dem höchsten Gebäude Afrikas: Das Minarett misst 265 Meter und ist eigentlich ein Hochhaus, in dem ein Museum und Forschungseinrichtungen untergebracht sind.

          Die Moschee wird ein Stück deutsche Wertarbeit: Vom Frankfurter Architekturbüro KSP Jürgen Engel stammt der Entwurf für die maghrebinische Hallenmoschee mit Einflüssen der Klassischen Moderne. Gemeinsam mit dem Darmstädter Ingenieurbüro Krebs und Kiefer kümmert es sich auch um die Bauleitung. Christen planen eine Moschee? Für den Generaldirektor des Bauherrn Anargema ist das kein Widerspruch: „Beim Bauen geht es um Technik, nicht um Religion“, sagt Belkacem Hamdi.

          So soll die Moschee in Algier einmal aussehen. Der Gebetssaal ist größer als der Petersdom. Er ist 45 Meter hoch und fasst bis zu 35.000 Gläubige

          Auf der Baustelle steht der Architekt Jürgen Engel und staunt. Seit seinem letzten Besuch vor ein paar Wochen ist die Moschee schon wieder gewachsen, mittlerweile ist sie zu einem Viertel fertig. Der Sockel des Gebetssaals ist schon zu erkennen. Er soll einmal 35.000 Gläubige fassen, der Petersdom würde hineinpassen. Die Bibliothek und das Studentenwohnheim stehen schon im Rohbau, die Pfeiler des Minaretts gehen 45 Meter in die Tiefe. Es muss erdbebensicher stehen, alle paar Jahre schwankt hier die Erde. Ein Lastwagen fährt Erdreich ab. Engel lässt den Blick über das riesige Areal schweifen. „Es ist schon ein Abenteuer“, sagt er. „Wir planen für hundert Jahre und mehr.“ Im Hintergrund ruft ein Muezzin.

          Zwischen den Baracken wäscht Shan Feng an einem langen Waschbecken ein Stück Schafslunge, die Kollegen spülen ihr Geschirr. Der Baggerfahrer aus dem chinesischen Jiangsu lebt schon seit zwei Jahren auf der Baustelle, einmal im Jahr reist er für 45 Tage in die ferne Heimat. Dass er in Nordafrika die Djamaa El Djazair, die drittgrößte Moschee der Welt, baut, macht ihn stolz. Es ist das größte Projekt seines Arbeitgebers, des staatlichen Baukonzerns „China State“, hierzulande. Schon der Flughafen von Algier, Krankenhäuser, ein Hotel und eine Autobahn sind von Chinesen gemacht.

          Die Moschee soll ein Motor für die Stadtentwicklung sein. In der Umgebung sind Wohnviertel geplant, eine Straßenbahn soll zum Zentrum führen. Algier ist dringend auf solche Projekte angewiesen, die Stadt ertrinkt im Autoverkehr. Der Bauherr der Moschee setzt dabei auf typisch deutsche Tugenden: Pünktlichkeit, Genauigkeit, Sorgfalt. „So abgedroschen es klingt. Es ist das Bild, das man von uns hat“, sagt Projektleiter Wolfgang Heine.

          In der Bucht von Algier ist der Sockel des Gebetssaals schon gut zu erkennen

          Etwa hundert deutsche Unternehmen suchen in Algerien derzeit das Abenteuer. Viele lockt das 280 Milliarden Euro schwere Investitionsprogramm der Regierung: „Hier gibt es Projekte, die man in Europa nicht mehr findet. Neue Eisenbahnlinien etwa oder die Umsiedlung eines Hafens“, sagt Eric Fischer von Krebs und Kiefer, die für die Tragwerksplanung der Moschee zuständig sind. Die Wirtschaft wächst, für das Jahr 2014 rechnen Experten mit einem Plus von 3,6 Prozent. Dass staatliche Großprojekte verwirklicht werden, ist wahrscheinlicher geworden. Die Frage ist nur: „Wie kriegt man die PS auf die Straße?“, sagt Engel.

          Das an Erdöl und Erdgas reiche und von Präsident Abd al-Aziz Bouteflika autoritär geführte Land setzt bei seinen Bauvorhaben auf Hilfe von außen. „Man holt sich das Know-how ins Land, will aber verhindern, dass das Geld abgezogen wird“, sagt Karim Azaiz, der die Deutsch-Algerische Industrie- und Handelskammer leitet. Die Öffnung hat daher enge Grenzen. Seit 2009 benötigen ausländische Unternehmen, die eine Niederlassung gründen, einen algerischen Partner. Das schreckt viele ab.

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