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Moscheebau in Algerien : Ein Minarett aus Deutschland

Der Architekt Jürgen Engel
Der Architekt Jürgen Engel : Bild: Rainer Schulze

Die Moschee soll das Wahrzeichen der Hauptstadt werden. Für Urlauber ist Algerien aber ein weißer Fleck auf der Landkarte. Der Tourismus ist nach dem Bürgerkrieg in den neunziger Jahren praktisch zum Erliegen gekommen. Das rohstoffreiche Land ist auf die Einnahmen aus dieser Quelle bislang auch nicht angewiesen. Es gibt keine touristische Infrastruktur, kaum Hotels, und die herrliche Altstadt, die Kasbah aus dem 16. Jahrhundert, verkümmert. Azaiz glaubt, dass der Tourismus wiederkommt. Noch beruhen mehr als 90 Prozent der Exporte auf Öl und Erdgas. Aber über kurz oder lang müsse sich die algerische Wirtschaft breiter aufstellen. „Die Reserven sind endlich.“

Für den Staat hat die Moschee im Moment höchste Priorität. „Es ist ein großes Projekt für Algerien, sichtbar über die Landesgrenzen hinweg“, sagt Bauherr Hamdi. Anderen ist das Bauvolumen zu gewaltig: Adlène Meddi, Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung „El Watan Weekend“, erinnert das Projekt an die überdimensionierten Bauten in den Golfstaaten. Zwar stehe die Große Moschee von Algier für einen liberalen, modernen Islam. Aber die Zeitung hat kürzlich eine Karikatur von Präsident Bouteflika als Kleinkind abgedruckt: Er baut aus Bauklötzen seine Moschee.

Das Minarett wird 265 Meter hoch
Das Minarett wird 265 Meter hoch : Bild: KSP

Fragt man die Leute auf der Straße, so hört man oft, dass das Geld auch gut für den Bau von Krankenhäusern hätte verwendet werden können. Im quirligen Viertel Bab el Oued steht der Friseur Ainouche Mehenni auf der Straße neben einem Karton voller Fernbedienungen und wartet auf Kundschaft. „Wir Muslime lieben Moscheen. Aber wir brauchen auch andere Dinge wie Krankenhäuser, Schulen und Wohnungen.“ Der Präsident wolle sich ein Denkmal setzen, meint Zeno, ein junger Mann, ein paar Schritte weiter. Zeno hat keinen festen Job. Heute leistet er einem Kumpel Gesellschaft, der Erdnüsse in kleinen Papiertüten verkauft. Zeno ist 21 Jahre alt und weiß nicht, was er in fünf Jahren anfangen wird. Die Jugendarbeitslosigkeit schätzen Experten auf mehr als 50 Prozent. Auf der Moscheebaustelle entstehen Tausende Arbeitsplätze. Aber die chinesische Baufirma bringt ihre eigenen Arbeiter mit. Einige Algerier arbeiten im Büro des Bauherrn. Andere putzen in der Kantine und chauffieren die Auftraggeber vom Flughafen zur Baustelle. Aber die meisten anspruchsvollen Jobs erledigen Chinesen, Kanadier, Deutsche. Es mangelt schlicht an gut ausgebildeten algerischen Fachkräften. Architekt Engel hat eine Idee, wie man das ändern kann: eine Schule für Steinmetze und Schreiner für die vielen Ornamente der Moschee.

Auf der Baustelle stoßen die deutschen Architekten und Ingenieure an Grenzen. „Das Projekt wurde auf einem Niveau geplant, das in Algerien schwierig umzusetzen ist“, sagt Wolfgang Käbberich, fester Vertreter der deutschen Architekten vor Ort. Im Moment fehlt Sand – und das in einem Land, das zu 85 Prozent von der Sahara bedeckt ist. Aber der feine Wüstensand eignet sich nicht für hochfesten Beton. Auch feuerfeste, zertifizierte Steine gibt es nicht. Viele Baumaterialien werden deshalb importiert: Der Kalkstein für die Fassade kommt aus der Türkei und aus Italien. Die 680 Stützenelemente aus Schleuderbeton werden in Deutschland gefertigt und per Schiff angeliefert. Das soll mit dem Sand nicht auch noch passieren. Im Moment ruhen die Betonarbeiten, so lange wird nach einem geeigneten Steinbruch gesucht.

2015 soll die Moschee eigentlich fertig sein. „Wir haben ein wenig Verspätung“, sagt Bauherr Hamdi und korrigiert auf Juni 2016. Auch das dürfte knapp werden. Dass die drittgrößte Moschee der Welt zur Bauruine wird, ist jedoch nicht zu erwarten. Aber das hängt am Ende auch an der Politik. Am 17. April wird ein neuer Präsident gewählt, es wird wohl der alte sein: Bouteflika tritt wieder an. Doch der 77 Jahre alte Präsident ist gesundheitlich schwer angeschlagen. Er sorgt bisher für Stabilität. „Ohne politische Flankierung auf allerhöchster Ebene bekommt man so ein großes Projekt nicht hin“, sagt Azaiz von der Handelskammer.

Engel glaubt, dass Architektur eine Gesellschaft verändern kann, ob in Deutschland, China oder Algerien. „Öffentliche Bauten emanzipieren die Länder. Irgendwann werden sie Demokratien.“

Hinweis der Redaktion: Der Artikel wurde gegenüber der gedruckten Fassung um ein missverständliches Zitat gekürzt.

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