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Andechser Molkerei-Chefin : „Wir müssen Lebensmittel wieder mehr wertschätzen“

Das Wachstum und ihre Baupläne brockten Scheitz allerdings abermals Ärger mit den Mönchen auf dem heiligen Berg ein. Der Grund: Sie hat ein Faible für den österreichischen Architekten und Umweltschützer Hundertwasser. Nach dessen Philosophie wollte sie die neue Zentrale als eine Art Hügelhaus errichten – mit einem 36 Meter hohen Turm.

Problem nur: So hoch ist auch der Kirchturm des Dorfes, Ärger war also programmiert. Letztlich gab Scheitz klein bei. Die Turmpläne wurden beerdigt, und statt des Hügelhauses fungiert jetzt ein Erdwall als Lärmschutz. Das Hochlager mit den Büros und einem begrünten Dach hat sie trotzdem schweinchenrosa streichen lassen. „Wir wollen Mut machen, dass man auch beim Bauen mal etwas Neues wagen kann“, sagt sie. Nach viel Kritik im Vorfeld fänden es jetzt alle schön.

1,49 Euro statt 49 Cent

Die 54 Jahre alte Unternehmerin kennt die Befindlichkeiten der lokalen Bevölkerung. 2003 hat sie die Geschäftsführung der Molkerei von ihrem Vater übernommen. Vorher hat sie im Betrieb das Molkereihandwerk gelernt und später BWL studiert. Stationen bei Molkereien im Norden Deutschlands und in Frankreich waren nie auf Dauer angelegt. „Wer jung ist, soll hinaus in die Welt und schauen, fragen, lernen. Wer zurückkommt, kann seine Erkenntnisse dann vorteilhaft im Familienunternehmen einsetzen“, sagt sie. Ihre Schwester kümmert sich um den Online-Versand. Der Bruder ist Ziegenbauer und fungiert als Milchlieferant. Jeden Tag schaut auch der mittlerweile 80 Jahre alte Georg Scheitz in der Zentrale vorbei.

Langweilig dürfte ihm dabei nicht werden, denn der deutsche Biomarkt wächst stetig. 2018 wurde mit Bio-Lebensmitteln ein Umsatz von 10,9 Milliarden Euro erzielt. Die Zahl relativiert sich beim Blick auf den Gesamtmarkt, der stolze 200 Milliarden Euro groß ist. „Der Biomarkt steht in der Entwicklung noch am Anfang“, sagt Scheitz.

Wenn man sich für die Umwelt einsetze, gehöre der Kauf von Bio-Produkten aber einfach dazu. „Wir müssen Lebensmittel wieder mehr wertschätzen“, sagt sie. Der Verbraucher sollte wissen, wie sie hergestellt werden, denn letztlich bestimme er die Form der Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion. Ein 500-Gramm-Glas Joghurt von Andechser kostet 1,49 Euro, das Produkt der Bio-Eigenmarke von Rewe gibt es dagegen für 99 Cent, konventionellen Joghurt sogar schon für 49 Cent.

„Wir wollen den Markt in Deutschland weiterhin anführen“

Die Konkurrenz um die Bauern im Alpenvorland ist groß. „Die Bedingungen für Milchwirtschaft sind in unserer Region ideal“ sagt Scheitz. Entsprechend viele Molkereien gibt es. Nur 160 Kilometer von Erling entfernt sitzt mit den Milchwerken Berchtesgadener Land ein großer Konkurrent. Die Andechser sind allerdings die einzige reine Bio-Molkerei in Bayern.

Alle zwei Monate verhandelt die Chefin mit den Bauern den Milchpreis. Während der Preis für einen Liter konventionell erzeugte Kuhmilch im Juli bei rund 33 Cent lag, zahlte Scheitz 51,48 Cent je Liter. Wer alle seine Kühe mindestens zwei Monate lang ganztägig auf der Weide hält, bekommt einen Zuschlag. Insgesamt geben gut 22.000 Kühe und 16.000 Ziegen Milch für die Molkerei.

Schwieriger als die Bauernakquise gestaltet sich die Suche nach Auszubildenden. „Berufe wie Milchtechnologe sind bei jungen Leuten kaum bekannt“, sagt Scheitz. Kürzlich habe man es daher mit Job-Speeddating versucht: Interessierte konnten ohne Anmeldung vorbeikommen und sich einen Eindruck verschaffen. Ehrgeizige Ziele hat sie in jedem Fall: „Wir wollen den Markt in Deutschland weiterhin anführen.“ Die Chancen stehen gut, und mittlerweile gibt es ihren Käse sogar wieder am Kloster. Zwar nur im verpachteten Gasthof und nicht im „Braustüberl“ der Mönche. Aber damit können wohl alle leben.

Das Unternehmen & die Unternehmerin

Die Andechser Molkerei Scheitz GmbH ging 1976 aus der 1908 gegründeten Käserei der Familie hervor. 1980 wurde erstmals Bio-Kuhmilch verarbeitet, seit 1994 Ziegenmilch. 2009 folgte die Umstellung auf ein reines Bio-Sortiment. Mit der Marke Andechser Natur ist die Molkerei auch in Frankreich, Rumänien, Italien und Griechenland präsent. Von 1999 bis Oktober 2015 war der französische Konzern Savencia mit 24,8 Prozent beteiligt. Nach dessen Übernahme der Bio-Molkerei Söbbeke leitete das Kartellamt ein Entflechtungsverfahren ein. Es folgte der Rückkauf der Anteile.

Barbara Scheitz lernte schon als Jugendliche die Arbeit in der Molkerei kennen, später studierte sie in Augsburg Betriebswirtschaftslehre. Nach Stationen bei Molkereien in Norddeutschland und Frankreich übernahm die heute 54-Jährige im Jahr 2003 die Geschäftsführung von ihrem Vater Georg Scheitz. Um Anlieferung, Herstellung und Auslieferung zu bündeln, wurde der Unternehmenssitz im Ortsteil Erling unter ihrer Leitung erweitert. Bis dahin wurden die Produkte vor dem Versand an die Kunden nach München transportiert.

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