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Zukunft der Möbelindustrie : Ikea drängt in die Innenstädte

Urbanes Einkaufen: Ikea hat im Frühjahr ein Geschäft im Herzen von Paris eröffnet – zwischen den Plätzen Madeleine und Concorde. Bild: Reuters

Ikea will näher ran an die Kunden. In Paris gibt es schon ein Geschäft des Möbelhändlers in der Innenstadt, in Wien entsteht eines. Denn: Auf die grüne Wiese zieht es immer weniger Käufer und auch der Onlinehandel wächst kräftig.

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          Die Suche nach geeigneten Standorten in der Berliner Innenstadt läuft derzeit auf Hochtouren: Möglichst schon im kommenden Jahr, spätestens aber 2021 will der Möbelhändler Ikea erste Filialen in zentraler Lage der Hauptstadt eröffnen. Ziel sei es, näher an die Kunden zu rücken, sagte Deutschland-Geschäftsführer Dennis Balslev am Mittwoch anlässlich der Vorlage des Geschäftsberichts.

          Christine Scharrenbroch
          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          Geplant ist ein sogenannter XS-Store, der mit einer Verkaufsfläche von 10.000 Quadratmetern deutlich kleiner ausfällt als die angestammten, 25000 Quadratmeter großen Ikea-Möbelhäuser. Anders als die Standorte auf der Grünen Wiese wird die Mini-Filiale nicht über eine Selbstbedienungshalle verfügen, in der die Kunden ihre Ware direkt mitnehmen können. Die Möbel werden vielmehr nach Hause geliefert.

          Fahrt zu Möbelpalästen kommt außer Mode

          Zudem sind in Berlin bis zu sieben Planungsstudios vorgesehen, die jeweils auf Konzepte für einzelne Einrichtungssegmente wie Küche, Arbeitszimmer oder Wohnraum spezialisiert sind. Bislang verfügt Ikea im Großraum Berlin über vier Möbelhäuser, die weit außerhalb des Stadtzentrums liegen.

          Seine Expansionspläne auf der Grünen Wiese hat Ikea längst gestoppt. Stattdessen strebt die Nummer eins im globalen Möbelhandel mit neuen, innerstädtischen Ladenkonzepten in 30 Metropolen auf der Welt, darunter Berlin als vorerst einziger Stadt in Deutschland. In Paris wurde im Sommer ein City-Einrichtungshaus in Betrieb genommen direkt neben einer Metro-Station.

          Auch am Wiener Westbahnhof entsteht eine Filiale. Der Strategieschwenk zeigt die massiven Umbrüche in der Branche. Immer mehr Menschen ziehen in die Großstädte, viele verzichten dort auf ein Auto. Die Fahrt zu den abseits gelegenen Möbelpalästen kommt zunehmend aus der Mode. Im Gegenzug nehmen die Onlinekäufe zu. Mit den zentral gelegenen Filialen verfolgt Ikea den Plan, weiterhin für die Kunden präsent zu sein und den Einkauf bequemer zu gestalten, sei es zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

          Die jüngsten Zahlen von Ikea Deutschland belegen das veränderte Kundenverhalten: Im Geschäftsjahr 2018/19 (31. August) sank die Zahl der Käufer in den 53 Einrichtungshäusern um 5 Prozent auf 50,3 Millionen. Allerdings erhöhte sich deren Durchschnittsbon um 11 Prozent auf knapp 100 Euro. Gleichzeitig kletterte die Zahl der Onlinekunden, die im Durchschnitt 163 Euro ausgeben, um 50 Prozent auf 3 Millionen. Inzwischen macht der Onlinehandel 9,4 Prozent des Umsatzes aus und damit zwei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.

          Insgesamt zog der Konzernumsatz um 5,5 Prozent auf 5,3 Milliarden Euro an. Vor allem die Nachfrage nach Küchen, Wohnzimmermöbeln und Arbeitsplatzausstattungen legte zu, wie Balslev berichtete. Künftig will er das Thema Schlafen forcieren. Jüngst wurden die Schlafzimmerabteilungen in den Möbelhäusern umgebaut. Mit einem Marktanteil von 8,4 Prozent liegt Ikea im deutschen Möbelhandel auf Rang eins vor der österreichischen XXX-Lutz-Gruppe, der Höffner-Gruppe aus Berlin und dem Versandhändler Otto. Für den in 30 Ländern vertretenen Ikea-Konzern ist Deutschland der wichtigste Markt vor den Vereinigten Staaten und Frankreich.

          Zur Forcierung des Onlinehandels nahm Ikea im vergangenen Jahr ein neues Distributionszentrum im niedersächsischen Elsdorf in Betrieb, das speziell für die Direktbelieferung der Onlinekunden konzipiert ist. Ein weiteres Warenverteilzentrum soll in Rüsselsheim entstehen, wo ein Teil des Opel-Geländes als Logistikfläche erworben wurde. Allerdings gibt es in der Stadt Bedenken, unter anderem hinsichtlich der Lärmentwicklung.

          Die Pläne für Neuansiedlungen abseits der Städte sind weitestgehend zu den Akten gelegt, etwa für Bottrop und Castrop-Rauxel. In Karlsruhe eröffnet im Sommer das vor geraumer Zeit initiierte 54. Möbelhaus. Zu einst geplanten Vorhaben in München-Eching, Nürnberg und Essen gab es keine Neuigkeiten. Derzeit gelte alle Konzentration den Projekten in Berlin, hieß es. Die vor fünf Jahren eröffnete Filiale in Hamburg-Altona – damals als neues City-Konzept gepriesen – taugt unterdessen nicht als Vorbild. Mit 18.000 Quadratmetern Verkaufsfläche und vier Parkdecks gilt es schon nicht mehr als zeitgemäß.

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