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Möbelhäuser : Sofas zum Schleuderpreis

Fast geschenkt, aber nicht unbedingt billig Bild: Claus Setzer

Die Prospekte der Möbelhäuser flattern momentan besonders zahlreich ins Haus - die Anbieter überbieten sich mit Rabatten. Doch die Industrie sieht darin eine Irreführung der Kunden: Zuerst werde der Listenpreis kräftig erhöht, danach wieder ein saftiger Rabatt eingeräumt.

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          Die Prospekte der Möbelhäuser flattern momentan besonders zahlreich ins Haus - und versprechen in grellen Farben hohe Rabatte. Mit dem „größten Preissturz aller Zeiten im Winterschlussverkauf“ wirbt die österreichische Lutz-Gruppe, die Nummer drei am deutschen Markt nach Ikea und Höffner (Möbel Kraft; Möbel Walther): Ihre Mann-Mobilia-XXL-Märkte reduzieren die Preise um bis zu 77 Prozent. Porta, die Nummer vier, gewährt auf bestimmte Marken bis zu 50 Prozent Rabatt und zudem bis zum Beginn der Kölner Möbelmesse am 19. Januar einen „Extra Messe-Rabatt“ von 10 Prozent. „35 Prozent Markenrabatt“ gibt es bei Segmüller, dem fünftgrößten Anbieter mit Sitz in Friedberg bei Augsburg. Mit solchen Angeboten versuchen die großen Handelsketten die Verbraucher in den traditionell verkaufsstarken Tagen zum Jahresbeginn in ihre Filialen zu locken.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          Unter den Möbelherstellern sind die ausufernden Rabattaktionen seit langem ein Reizthema. So nimmt Dirk-Uwe Klaas, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Deutschen Möbelindustrie (VDM), kein Blatt vor den Mund. „Ich halte das Ganze für eine Irreführung der Verbraucher“, sagt Klaas im Gespräch mit der F.A.Z. „Wenn mit Rabatten von 60 oder 70 Prozent geworben wird, dann wird mit einer zuvor erhöhten Kalkulationsbasis gerechnet.“ Der Handel setzt also seine offiziellen Listenpreise hoch, um dann großzügig Nachlass einzuräumen. Diese Mondpreis-Praxis verunsichere die Verbraucher, klagt Klaas. Im schlechtesten Fall könnten sie sich dann gar nicht für einen Möbelkauf entscheiden.

          Die Preise zu vergleichen ist schwierig

          Diese Behauptungen seien nicht zutreffend, widerspricht André Kunz, Geschäftsführer des Bundesverbands des Deutschen Möbel-, Küchen- und Einrichtungsfachhandels (BVDM): „In den Einkaufsverhandlungen werden mit den Herstellern bestimmte Kontingente und Sonderkonditionen vereinbart und die Preisvorteile an die Kunden weitergegeben.“ Dies sei ein probates Mittel zur Absatzsteigerung. Von den Händlern selbst ist zu diesem Thema kaum eine Auskunft zu bekommen.

          Ob der Möbelhandel tatsächlich mit Mondpreisen arbeitet, sei wegen des zu großen Aufwands nicht nachzuvollziehen, sagt Georg Tryba, Sprecher der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Den Kunden falle es bei Möbeln zumindest schwerer, die Preise zu vergleichen, als bei anderen Produkten. Während sich für einen Fernseher mit der Preissuchmaschine im Internet eine Art Marktpreis ermitteln lässt, ist das bei Möbeln meist nicht möglich. Zum einen wegen der Variantenvielfalt, etwa bei individuell zusammenstellbaren Regalwänden oder Sofalandschaften. Vor allem aber, weil die Hersteller oft nicht angegeben werden. Auch die Modellnamen der Sofas, Betten und Esstische helfen dann nicht weiter, weil sie meist von den Händlern erdacht werden. „Ein identisches Produkt bei der Konkurrenz zu finden ist oft nicht möglich“, sagt Tryba. Eine Ausnahme bilden die wenigen deutschen Marken wie Rolf Benz, Hülsta, Interlübke, Poggenpohl oder Siematic.

          „Die Branche hat sich noch nicht gesundgeschrumpft“

          Auf Rabattaktionen kann kaum ein Anbieter verzichten, wie Handelsfachmann Uwe Krüger von der Unternehmensberatung BBE Retail Experts aus Köln feststellt. Es sei denn, man besitze ein Alleinstellungsmerkmal wie Marktführer Ikea. „Im Möbelhandel ist der Preis das einzige Verkaufsargument“, sagt Krüger. Alle anderen Aspekte gingen unter. „Es ist zu befürchten, dass das Rabatt-Argument weiter forciert wird.“ Der Verdrängungswettbewerb im deutschen Möbelhandel sei unvermindert hart. „Die Branche hat sich noch nicht gesundgeschrumpft“, beschreibt er die Wettbewerbssituation. Zwar ist die Zahl der Möbelhäuser gesunken, die Verkaufsfläche hat wegen der Tendenz zur Großfläche aber zugenommen. Einen hohen Preisdruck für die Lieferanten beklagt Elmar Duffner, VDM-Präsident und Geschäftsführer des Küchenherstellers Poggenpohl. Den Möbelherstellern falle es schwerer als in den Vorjahren, Preissteigerungen beim Handel durchzusetzen, der bekanntlich dank seiner Einkaufsverbünde eine erhebliche Marktmacht besitzt. Das ist noch zurückhaltend formuliert, sind doch laut VDM die Herstellerabgabepreise an den Handel im vergangenen Jahr deutlich gesunken.

          Während es dem Möbelhandel 2009 mit einem Umsatzplus von 2 Prozent auf knapp 30 Milliarden Euro recht gut ergangen ist, hat die Möbelindustrie ein schwieriges Jahr hinter sich. „Wir hoffen, dass wir mit einem Umsatzminus von 10 Prozent davonkommen“, sagt Klaas. Er schließt aber auch Einbußen von 12 Prozent nicht aus. Neben einer schwächeren Nachfrage aus dem Ausland haben auch die gestiegenen Importe, vor allem aus China, zu dem Umsatzrückgang der heimischen Produzenten beigetragen. In der Branche gilt es als offenes Geheimnis, dass gerade die Billigware aus China oft für Lockangebote eingesetzt wird.

          Das Image leidet

          Das Image des Produkts Möbel leide unter den Rabatten, beklagt Duffner. Ihre Wertigkeit werde nicht angemessen widergespiegelt. „Es gibt eine Riesenlücke in der Wahrnehmung von Möbeln und der von Autos oder Elektroartikeln.“ Solchen Branchen gelinge es, durch die Produkteigenschaften und das Design Begehrlichkeiten zu wecken. Dagegen würden Möbel zu sehr in die Rabatt-Ecke gedrängt. Angesichts der starken Rabattwerbung sei es nicht möglich, andere Werte herauszustellen. „Ein phantasieloseres Marketing als über den Preis kann es gar nicht geben“, moniert VDM-Geschäftsführer Klaas.

          Den Kunden rät Duffner, sich nicht blind leiten zu lassen. Nur auf Rabatte hin zu agieren sei zu kurz gedacht. Auch appelliert er, auf Aspekte wie Langlebigkeit, Nachhaltigkeit oder Serviceleistungen zu achten. „Vor dem Kauf sollte man seinen eigenen Bedarf genau prüfen“, lautet die Empfehlung von Verbraucherschützer Tryba. Ratsam sei es, sich dann in mehreren Möbelhäusern einen Überblick über das Angebot zu verschaffen und - im Fall von Markenprodukten - die Preise zu vergleichen. Und zwar netto, abzüglich aller Rabatte.

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