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Modekette : Primark forciert die Expansion in Deutschland

Begehrt, aber nicht unumstritten: Textilien will Primark bald in mehr Filialen in Deutschland verkaufen. Bild: Cunitz, Sebastian

Das Geschäft mit Bekleidung zu Niedrigstpreisen floriert – trotz Negativschlagzeilen über die Herstellungsbedingungen. In der Bundesrepublik treibt der Konzern nun sein Wachstum voran – jede Stadt mit mehr als 200.000 Einwohnern gilt als potentieller Standort.

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          Die irische Modekette Primark will in Deutschland das Expansionstempo forcieren. „Jede deutsche Stadt ab rund 200.000 Einwohnern ist für uns potentiell ein interessanter Standort“, sagte George Weston, der Vorstandschef des Primark-Eigentümers AB Foods, in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Gemessen an diesem Kriterium, kommen für den Billiganbieter hierzulande rund 40 Städte in Betracht. Primark ist mit seinem Geschäftsmodell, modische Kleidung zu extrem niedrigen Preisen anzubieten, in den vergangenen Jahren in Europa sehr erfolgreich gewesen. Damenhosen für 10 Euro, Jeans für 21 Euro und Stiefel für 17 Euro – mit solchen Angeboten lockt Primark die Kunden in seine Geschäfte und macht Konkurrenten wie C&A und Esprit das Leben schwer.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Wir haben in Deutschland einen sehr guten Start erlebt“, sagte Weston, viereinhalb Jahre nachdem Primark in Bremen seine erste deutsche Filiale eröffnet hat. In den am Dienstag veröffentlichten Zahlen zum Geschäftsjahr 2012/2013, das Mitte September zu Ende ging, verweist der Eigentümer AB Foods auf eine „starke Umsatzentwicklung“ von Primark in der Region Nordeuropa, die vor allem von Deutschland getragen wird. Neu eröffnete Primark-Geschäfte hätten schneller als erwartet zufriedenstellende Gewinnmargen erreicht. Insgesamt betreibt die Modekette rund 250 Filialen in neun europäischen Ländern und hat im zurückliegenden Jahr ihren Umsatz um 22 Prozent auf 4,273 Milliarden Euro und den Betriebsgewinn um 44 Prozent auf 514 Millionen Euro gesteigert. Primark ist damit noch deutlich kleiner als Konkurrenten wie Hennes & Mauritz („H&M“) und Inditex („Zara“).

          „Wir haben 161 britische Filialen, aber erst zehn deutsche Geschäfte“

          In Deutschland will Primark sein Wachstumstempo nun erhöhen. „Wir haben 161 britische Filialen, aber erst zehn deutsche Geschäfte, und das obwohl Deutschland größer ist als Großbritannien“, rechnete Weston vor. Bis Ende 2014 sollen fünf weitere Standorte folgen: Die nächste Neueröffnung steht im Dezember in Düsseldorf an. Danach sollen eine zweite Filiale in Berlin sowie weitere in Köln, Braunschweig und Krefeld eröffnet werden. „Aber ich denke, in Zukunft werden wir den Ausbau in Deutschland schneller vorantreiben und mehr als fünf neue Standorte im Jahr hinzufügen“, kündigte Weston an. Spekuliert wird unter anderem über Filialen in München und Dresden. Die Suche ist aber wegen der benötigten großen Flächen oft schwierig. Insgesamt will Primark im laufenden Geschäftsjahr in Europa neue Verkaufsflächen von rund 110.000 Quadratmeter schaffen. Vergangenes Jahr waren es knapp 900.000 Quadratmeter. Unter anderem hat der Händler gerade sein erstes französisches Geschäft in Marseille eröffnet.

          Primark verkauft seine Textilien billiger als Konkurrenten wie H&M, Zara und Esprit. Dennoch gelten die Produkte der Kette bei Käufern als schicker als Ware von Discountern wie Takko und Kik. Aus Sicht von Weston gibt es für Primark drei Erfolgsfaktoren: Eine schlankere und deshalb kostengünstigere Verwaltung sei ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz. „Außerdem haben wir uns getraut, mit sehr niedrigen Marge zu kalkulieren“, sagte er. Primark verdient am einzelnen Kleidungsstück zwar weniger, doch der dadurch mögliche günstigere Preis kurbelt den Verkauf so stark an, dass am Ende mehr in der Kasse landet. Als dritten Punkt nennt er einen fast vollständigen Verzicht auf Werbung etwa in Zeitschriften und auf Plakatwänden. „Das spart uns sehr viel Geld“, sagte Weston.

          Auch die skandalösen Bedingungen, unter denen Primark und andere Textilketten ihre Ware von Lieferanten herstellen lassen, haben dem Erfolg bisher nicht geschadet (siehe Kasten unten). Im Frühjahr machte der Einsturz einer baufälligen Textilfabrik in Bangladesch international Schlagzeilen. Bei dem Unfall starben 1100 Menschen, rund 2500 wurden verletzt. Primark zählte zu den Kunden des Fabrikbetreibers. Im Oktober kündigte das Unternehmen an, langfristige Entschädigungszahlungen für Opfer und Hinterbliebene zu leisten. Zudem will Primark die Geschäftspraktiken seiner Lieferanten besser überwachen als bisher.

          Löhne der Textilarbeiterinnen sollen Armutsgrenze erreichen

          Bangladesch versucht, das Schicksal seiner Textilarbeiterinnen zu mildern. Ein von der Regierung eingesetztes Komitee hat entschieden, den Mindestlohn in den Fabriken um fast 80 Prozent anzuheben. Allerdings erreicht er damit erst eine Höhe, die knapp oberhalb der Armutsgrenze liegt. Von derzeit 3000 Taka (28,12 Euro) im Monat soll der Lohn für das Heer der Arbeiterinnen auf 5600 Taka (52,49 Euro) angehoben werden. Dies sind 70 Dollar monatlich für oft zehn Stunden Arbeit am Tag, in den meisten Fällen ohne soziale Absicherung und unter großem Druck bis hin zur sexuellen Ausbeutung. Die internationale Armutsgrenze liegt bei 2 Dollar täglich. Die Arbeiter des zweitgrößten Textilexportlandes hatten einen Lohn von mindestens 8000 Taka im Monat gefordert. Ihre Demonstrationen waren teilweise gewalttätig. Zuvor war es zu einer Reihe schwerer Industrieunfälle gekommen, bei denen mehr als tausend Arbeiterinnen ihr Leben ließen.

          Nun muss die Regierung dem neuen Lohnabkommen noch zustimmen. „Die Fabrikbesitzer haben schon erklärt, dieser Wert liege über ihren Möglichkeiten“, sagte Mikail Shiper, der Arbeitsminister von Bangladesch. Der Arbeitgeberverband hat die Verhandlungen angeblich verlassen, ohne die Vereinbarung zu unterzeichnen. Nach einer früheren Aufstellung des Hemdenschneiders van Laack – der nicht in Bangladesch fertigen lässt – entfallen vom Ladenpreis von 130 Euro nur 6 Euro auf die Lohn- und Prozesskosten der Produktion. Einige der in Bangladesch tätigen Textilkonzerne haben sich für besser Bedingungen der Arbeiterinnen eingesetzt. So forderte Karl-Johan Persson, der Vorstandsvorsitzende von Hennes & Mauritz, schon im vergangenen Jahr eine Anhebung der Mindestlöhne. H&M beschäftigt rund eine halbe Million Näherinnen im südasiatischen Land.

          Die Textilfertigung trägt etwa 80 Prozent zur Ausfuhr Bangladeschs bei. Gut vier Millionen Menschen, 80 Prozent von ihnen Mädchen und Frauen, erwirtschafteten in etwa 5000 Fabriken einen Produktionswert von 21,5 Milliarden Dollar im vergangenen Fiskaljahr (30. Juni). Die Katastrophen und der Verlust an Ansehen im Westen treiben einige Betriebe inzwischen ins Ausland. So interessieren sich immer mehr Investoren für den Aufbau von Fertigungen in Burma (Myanmar).

          (che.)

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