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Mobilfunkunternehmen : O2, die Börse und der Schuldenberg

Die Vorbereitungen laufen: O2 soll noch dieses Jahr an die Börse Bild: dapd

Der Mobilfunker O2 geht an die Börse. Die Preisspanne liegt zwischen 5,25 und 6,50 Euro. Das kommt der Muttergesellschaft Telefónica zugute, nicht jedoch den Expansionsplänen des Unternehmens.

          Die Vorbereitungen für einen der spektakulärsten Börsengänge des Jahres laufen auf vollen Touren. Am Dienstagmorgen wurde die Preisspanne von 5,25 und 6,50 Euro für die Aktie des Mobilfunkunternehmens O2 bekanntgegeben. Die von der spanischen Muttergesellschaft Telefónica beauftragten Konsortialführer UBS und JP Morgan Chase sollen mit einem Emissionserlös von 1,52 Milliarden Euro für 23,17 Prozent der Aktien kalkulieren. Telefónica Germany wird auf 6 bis 8 Milliarden Euro taxiert. Die Offerte läuft vom 17. bis zum 29. Oktober. Ein Tag später, am 30. Oktober, ist die Erstnotierung an der Frankfurter Börse geplant.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          O2 wird kein Schwergewicht auf dem Parkett sein, aber der Börse eine bekannte Marke bescheren. Und umgekehrt wird eine Notierung der O2-Aktie die deutsche Tochtergesellschaft des spanischen Telekommunikationskonzerns Telefónica ins Licht der Finanzöffentlichkeit rücken. Telefónica-Deutschland-Chef René Schuster darf sich höherer Aufmerksamkeit gewiss sein.

          Hoch verschuldet

          Derzeit richtet sich die Aufmerksamkeit mehr auf Madrid statt auf München. Kritiker werfen dem spanischen Eigentümer vor, seine deutsche Mobilfunkmarke eher aus Verzweiflung denn mit strategischem Weitblick an den Kapitalmarkt zu bringen. Tatsächlich ist die Telefónica SA mit mehr als 58 Milliarden Euro verschuldet; sie sucht händeringend nach frischem Kapital. Erst vor wenigen Tagen hat der Vorstandsvorsitzende César Alierta Izuel den Verkauf seiner Callcenter-Gesellschaft Atento mit ihren gut 15000 Mitarbeitern bekanntgegeben. Auch für Atento hatte Alierta zunächst Börsenpläne, jetzt dient der Verkauf an den Investor Bain Capital dem schnellen Schuldenabbau, um einer Ratingherabstufung zu entgehen. Allein aus diesem Grund überwies Telefónica Germany Mitte September schon eine Dividende von 4,3 Milliarden Euro an den Mutterkonzern.

          Dass die Tochtergesellschaft mit Sitz in München auch nur über einen kleinen Teil des eigenen Emissionserlöses verfügen wird, darf ausgeschlossen werden. Das kann den hiesigen Statthaltern der Spanier nicht gefallen, stehen doch gerade in Deutschland teure Vorhaben auf der Tagesordnung. In den kommenden Monaten muss das Unternehmen erhebliche Summen in die Aufrüstung des Mobilfunknetzes investieren. Es geht um den neuen Standard LTE („Long Term Evolution“), der mittel- bis langfristig das heutige UMTS ablösen soll.

          Mobile Datendienste als Kerngeschäft der Zukunft

          Die drei Buchstaben klingen nicht nur in den Ohren der O2-Manager wie eine Verheißung. Auch die Konkurrenten, allen voran die beiden Marktführer Vodafone und Deutsche Telekom, finden beim Kürzel LTE nur schwärmerische Worte. Der neue Standard markiere den Beginn einer neuen Wachstumskurve für die Branche, heißt es, und überhaupt werde 2012 „das LTE-Jahr“. Und selbst der bislang zögerliche Anbieter E-Plus, eine Tochtergesellschaft des niederländischen Telekomkonzerns KPN, zeigt sich überzeugt: „Neben der Breitbandtechnologie HSPA wird der neue Funkstandard LTE langfristig eine bedeutende Rolle in der mobilen Internetnutzung spielen.“

          Es sind vor allem zwei Aspekte, die LTE für die Mobilfunker so attraktiv machen. Zum einen schrumpft das Geschäft mit den traditionellen Diensten. Heute machen Unternehmen wie Vodafone rund zwei Drittel ihrer Umsätze mit Sprache und Kurznachrichten (SMS). Dieses Verhältnis, schätzt Geschäftsführer Jens Schulte-Bockum, werde sich binnen fünf Jahren umkehren. „Dann werden mobile Datendienste der Kern unseres Geschäfts sein.“ Schon heute wächst das Datenvolumen parallel zur stark zunehmenden Zahl der Smartphones und Tabletcomputer exorbitant. Nach Schätzungen des Netzwerkausrüsters Cisco steigt der mobile Datenverkehr auf der Welt zwischen 2011 und 2016 um das Achtzehnfache. Mit dem UMTS-Nachfolger LTE wollen die Netzbetreiber den Boom bewältigen und gleichzeitig den Abwärtstrend umkehren. Für den deutlich schnelleren Mobilfunkstandard, der sogar das kabelgebundene Hochgeschwindigkeits-Internet über DSL in den Schatten stellt, sollen die Kunden bitteschön auch mehr bezahlen. Derzeit gehen die Anbieter von einem Aufschlag in einer Größenordnung von zehn Euro pro Monat aus.

          Teurer Ausbau

          Ähnlich wie zur Jahrtausendwende kein Mobilfunker an UMTS vorbeigehen wollte und für viele Milliarden die Lizenzen vom Bund kaufte, ist die Situation heute bei LTE. Zwar mussten die Unternehmen diesmal für die Lizenzen deutlich weniger ausgeben als seinerzeit und auch der Ausbau kommt aus technischen Gründen bei weitem nicht so teuer wie der UMTS-Ausbau - doch auch LTE kostet Geld. Zahlen nennen die Unternehmen ungern. Von Vodafone ist zu hören, dass der gesamte LTE-Ausbau „einen Milliardenbetrag“ kosten dürfte - zusätzlich zu den 1,4 Milliarden Euro, die für Frequenzen an den Bund zu zahlen waren.

          Auch O2 kann den Ausbau nicht aus der Portokasse begleichen - und dazu ist das Unternehmen mit knapp 19 Millionen Kunden im Vergleich zu den beiden Marktführern (jeweils rund 35 Millionen Kunden) deutlich kleiner. In München gibt man sich dennoch gelassen, auch wenn der Börsengang für das operative Geschäft nichts bringt. „Wir haben 2010 die LTE-Frequenz auch ohne die Börsenpläne erhalten“, sagt ein Unternehmenssprecher. Sämtliche Investitionen finanziere man aus den Finanzmittelüberschüssen. Tatsächlich ist Telefónica Germany profitabel. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen bei einem Umsatz von 5 Milliarden Euro ein Betriebsergebnis vor Abschreibungen von 1,1 Milliarden Euro.

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