https://www.faz.net/-gqe-7bh6d

Mobilfunknetze : Ein Trio löst das Quartett ab

  • -Aktualisiert am

Stimmen die Kartellwächter zu, wird O2-Eigentümer Telefónica mit E-Plus zum kundenstärksten deutschen Anbieter Bild: REUTERS

Schadet die Übernahme von E-Plus dem Telekom-Wettbewerb? Das Gegenteil dürfte der Fall sein. Eine Analyse.

          Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, befand einst Aristoteles. Noch heute setzen Manager auf diese altgriechische Erkenntnis, auch wenn sie dabei lieber materialistisch als philosophisch denken. Die beiden europäischen Telekommunikationsunternehmen KPN und Telefónica zumindest haben nachgerechnet und sind auf eine Summe von 5 bis 5,5 Milliarden Euro gekommen. Das sind die Erträge und Einsparungen - in der Wirtschaftssprache „Synergien“ -, die sie aus dem am Dienstag angekündigten Verkauf der KPN-Tochtergesellschaft E-Plus an den O2-Konzern Telefónica erhoffen. Das „erweiterte“ Unternehmen Telefónica Deutschland mit seinem Markenstrauß rund um E-Plus und O2 soll also gut 5 Milliarden Euro mehr wert sein als die beiden Teilunternehmen.

          Mehr als diese Zahl braucht es eigentlich nicht, um die Ratio zu begreifen, die hinter einem der wichtigsten Umstrukturierungsschritte in der Geschichte der deutschen Mobilfunkbranche steht. Jahrzehntelang waren es die Deutschen gewohnt, unter einem von vier Anbietern auswählen zu können. Zu den beiden D-Netz-Betreibern gesellten sich in den neunziger Jahren die E-Netz-Anbieter E-Plus und O2 (damals noch Viag Interkom). Es waren Zeiten stürmischen Wachstums und glänzender Geschäfte. Schon im Jahr 2006 besaß rechnerisch jeder Deutsche sein eigenes Handy.

          Die Kartellbehörden müssen noch zustimmen

          Irgendwann war Schluss mit der geschäftlichen Sturm-und-Drang-Phase, die maßgebliche Schuld daran trug das Internet. Kostenlose Angebote machten den traditionellen Telekom-Gewinnbringern wie dem Kurznachrichtendienst SMS das Leben schwer. Mit Sprachtelefonie ließ sich immer weniger verdienen. Stattdessen verlangten die von Smartphones ans mobile Surfen gewöhnten Kunden nach immer mehr und immer schnelleren Datendiensten. Die Unternehmen reagierten mit der Einführung von Flatrates. Das knabberte ebenso an den Gewinnen wie die notwendigen Investitionen in die Infrastruktur, unter anderem in das neue schnelle LTE-Netz. Vor wenigen Tagen zeigte Vodafone mit seinen gesunkenen Quartalsumsätzen, unter welchem Druck die Branche in Europa und auch in Deutschland steht. Das Stichwort lautet „Preiskrieg“.

          In diesem Umfeld haben Beobachter schon lange mit einer Konsolidierung gerechnet. Bereits im vergangenen Jahr war immer wieder von einem Zusammengehen von E-Plus und O2 die Rede - jetzt haben sich die spanischen und niederländischen Eigentümer endlich geeinigt. Stimmen nun noch die Kartellbehörden zu, bespielt also künftig ein Trio statt eines Quartetts den deutschen Mobilfunkmarkt.

          Nach der Fusion vereinen O2 und E-Plus 38 Prozent der Mobilfunkanschlüsse in Deutschland

          Schlimm für den Wettbewerb? Nicht unbedingt, der Konkurrenzdruck könnte sogar weiter wachsen. Bislang haben T-Mobile und Vodafone den Ton angegeben. Mal spielte der eine die erste Geige, mal der andere. Künftig könnte ihnen eine O2-E-Plus-Kombination diese Rolle im Telefonorchester streitig machen. Mit einem Marktanteil von 31,6 Prozent bezogen auf den Umsatz kommt die neue Einheit den Quasi-Duopolisten schon gefährlich nahe. Und mit zusammengenommen 43 Millionen Kunden hat der neue Verbund sowohl T-Mobile als auch Vodafone deutlich abgehängt. Ein dermaßen starker Konzern kann den beiden Marktführern erfolgreicher Kontra geben als zwei mittelgroße und mittelstarke Konkurrenten. Telefónica Deutschland verweist schon darauf, dass der vergrößerte Maßstab des eigenen Geschäfts die Wettbewerbsposition stärke. Eine gemeinsame Kundenbetreuung, ein gemeinsames Netz: Schon diese bringen einen guten Teil der Milliardensynergien mit sich.

          Auch für die Kunden könnte sich der Deal am Ende also als nützlich erweisen. Die Details sind zwar noch unklar, aber grundsätzlich dürften sie von einem erweiterten Mobilfunknetz und einer besseren Betreuung profitieren. Gerade auf Seiten der E-Plus-Nutzer waren zuletzt überproportional häufig Klagen zu hören. Die KPN-Tochtergesellschaft profilierte sich zwar mit Billigtarifen von Base bis Aldi Talk, vergaß dabei aber teilweise die Netz- und die Servicequalität.

          Jetzt sind die Kartellwächter am Zug. Mit einer Entscheidung wird bis Mitte 2014 gerechnet. Sollten EU oder Bundeskartellamt die Übernahme ablehnen, dürfte es für E-Plus und O2 schwierig werden. Ein solcher Schritt wäre geeignet, die Machtposition der Deutschen Telekom und von Vodafone weiter zu festigen. Die beiden Unternehmen sind gerade dabei, sich als integrierte Telekomkonzerne zu positionieren, mit Festnetz und Mobilfunk aus einer Hand. Telefon, Internet und Fernsehen von einem Anbieter, darin sehen die Telekoms ihre Zukunft. Vodafone hat vor kurzem mit dem Kauf von Kabel Deutschland einen wichtigen Schritt auf diesem Weg eingeschlagen, während die Deutsche Telekom als einstiger Monopolist ohnehin über das größte Festnetz im Land für das schnelle Internet verfügt. Sagen Bonn oder Brüssel nein zu KPN und Telefónica, droht der Abstand zu den Marktführern uneinholbar zu werden.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Reformen der Koalition : Immer auf die Besserverdiener

          Egal ob Baukindergeld, Pflegereform oder Soli – die große Koalition schließt Einkommensstarke konsequent von finanziellen Entlastungen aus. Die Grenzen setzt sie dabei willkürlich und der Papierkrieg ist immens.

          Brandenburg : Ist das schlimmer als Diktatur?

          Angegriffen und abgehängt: Vor den Landtagswahlen kocht im Osten die Stimmung. Davon profitiert vor allem die AfD. Eine Reise durch die Dörfer Brandenburgs.
          „Er ist ein Kind“: Der frühere Kongressabgeordnete Walsh tritt über Trump an

          „Er ist ein Kind“ : Republikaner Walsh fordert Trump heraus

          Donald Trump sei dem Präsidentenamt nicht gewachsen, sagt der frühere Kongressabgeordnete Joe Walsh über Donald Trump. Bei den Vorwahlen der Republikaner will der Radio-Moderator ihn herausfordern.

          AfD in Sachsen : Die DDR ist ein Wahlkampfschlager

          In Sachsen will die AfD die Landtagswahl gewinnen – dafür bedient sie gezielt ein Zerrbild der Wirklichkeit. Ihre Wähler stört das nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.