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Mobilfunk : Der teure Startschuss ins mobile Internet

Ein Sendemast mit verschiedenen Antennen für den Mobilfunk. Bild: dpa

Die Fehler der UMTS-Versteigerung vor 20 Jahren spüren Smartphone-Nutzer noch heute. Mit dem Geld hätte Deutschland ein Hochgeschwindigkeitsnetz bauen können, heißt es.

          3 Min.

          Die Anzeige in einer alten Kaserne in Mainz stand bei 98 807 200 000 Mark, als der Hammer endgültig fiel. Drei Wochen lang hatten die Mobilfunk-Konzerne um die ersten Frequenzen für ein Datennetz gepokert. Umgerechnet schier unglaubliche 50 Milliarden Euro brachten die UMTS-Lizenzen dem Staat ein – und machten den damaligen Finanzminister Eichel heute vor genau zwanzig Jahren zu „Hans im Glück“. Die Abkürzung steht für „Universal Mobile Telecommunications System“, die dritte Generation des damals noch ziemlich neuen Mobilfunks. In der Branche herrschte Goldgräberstimmung. Auf dem Höhepunkt des Hypes um die „New Economy“ schien alles denkbar. Aber was folgte, war ein schwerer Katzenjammer, an dem die Bieter viele Jahre zu leiden hatten und den ihre Kunden heute noch spüren.

          „Die Mutter aller Auktionen“

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Sieben Unternehmen waren damals angetreten. Eines machte mitten in der Versteigerung einen Rückzieher, zwei mussten ihre teuren Lizenzen später zurückgeben, weil sie die Ausbaupflichten nicht erfüllen konnten. Übrig blieb ein Quartett aus Deutscher Telekom, Vodafone, E-Plus und Viag Interkom, die später in O2 und Telefónica Deutschland aufging. Nach der Rechnung für die Eintrittskarte in die Verheißungen der neuen mobilen Datenwelt wurden weitere Milliarden für Masten und Technik fällig. Drei, vier Jahre später standen die ersten löchrigen Netze. Das Geschäft lief so zäh wie die Datenübertragung. Trotzdem waren die UMTS-Tarife sehr teuer, weil die hohen Kosten wieder hereingeholt werden mussten. Nur fehlten Geräte und Anwendungen, um genug Kunden in die Läden zu locken.

          Erst mit dem iPhone und den Android-Smartphones kam die Sache dann allmählich in Schwung. Die Tür zum Massenmarkt war geöffnet, der richtige Schub kam aber erst mit der nächsten Mobilfunkgeneration und dem Technologiesprung durch LTE: Hochauflösende Videos und Musik auf dem Handy wurden zum alltäglichen Wegbegleiter, Datennachrichten und Surfen auf dem Handy so selbstverständlich wie zuvor das Telefonieren. Dafür wurden zusätzliche Frequenzen benötigt, und so traf man sich 2010 und 2015 wieder in Mainz. Wieder wurden viele Milliarden fällig.

          Der bisher letzte Akt folgte 2019 mit 6,6 Milliarden Euro für die 5G-Frequenzen, welche eine neue Ära einläuten sollen: die des Echtzeit-Mobilfunks als Basistechnik für die Digitalisierung. Die andere Seite der Medaille freilich bleiben die löchrigen Netze. Zwei Jahrzehnte später wären viele Kunden froh, wenn ihr Handy durchgängig wenigstens UMTS oder LTE empfangen würde. Beginnend mit der „Mutter aller Auktionen“ haben die deutschen Netzbetreiber bislang mehr als 65 Milliarden Euro nur für Lizenzen ausgegeben.

          Auktion hätte man klüger angehen müssen

          Mit diesem Geld hätte man längst in jedem Winkel Deutschlands ein Hochgeschwindigkeitsnetz bauen können, kritisiert Telefónica Deutschland: „Die UMTS-Auktion markierte nicht nur den Startpunkt für das mobile Internet, sondern auch für eine teure, folgenschwere Frequenzpolitik.“ Manche Digitalpolitiker sehen das ähnlich. „Deutschland hat viel Lehrgeld bezahlt“, sagte der nordrhein-westfälische Wirtschafts- und Digitalminister Andreas Pinkwart (FDP) der F.A.Z. Schon die UMTS-Auktion hätte man klüger angehen müssen. „Im Ergebnis fehlten viele Milliarden für Investitionen.“ Deshalb müsse heute der Staat mit öffentlichen Mitteln eingreifen, um Funklöcher zu schließen.

          Die Telekom verweist auf das Beispiel vieler Nachbarstaaten. „Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei den Frequenzkosten an der Spitze“, sagte ein Sprecher. Eine Studie des Branchenverbandes GSMA zeigt, dass die Netze in Ländern mit hohen Frequenzkosten schlechter sind als dort, wo sich der Staat mit niedrigeren Lizenzgebühren zufrieden gibt. „Es geht um nichts weniger als die digitale Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Deshalb sollten wir Bestandsfrequenzen verlängern, statt sie zu versteigern“, fordert Markus Haas, Vorstandschef von Telefónica Deutschland. Die Rechtslage sieht anders aus. „Wenn der Frequenzbedarf höher ist als das verfügbare Angebot, ist eine Versteigerung das gesetzlich vorgesehene Regelverfahren“, konstatiert die Bundesnetzagentur.

          Doch die Debatte nimmt Fahrt auf, denn nach der Auktion ist vor der Auktion: Es laufen schon erste Vorbereitungen für die Neuvergabe der in fünf Jahren frei werdenden LTE-Frequenzen. Wettbewerbsökonomen halten wenig von einer Verlängerung. Knappes Spektrum müsse so eingesetzt werden, dass es den größten Nutzen stifte, und bei dieser Entscheidung sei eine Auktion das beste Instrument, sagt der Vorsitzende der Monopolkommission, Achim Wambach. Auch er plädiert aber für ein anderes Auktionsdesign. „Die Fehler der Vergangenheit dürfen sich nicht wiederholen“, mahnt FDP-Digitalpolitiker Pinkwart. Die Landesregierung hat den Bund über den Bundesrat aufgefordert, alternative Vergabemodelle zu prüfen. Ziel müssten „marktorientierte und wettbewerbskonforme Lösungen für eine spürbare Verbesserung der Mobilfunkversorgung sein. Die Nagelprobe kommt bei der nächsten großen Auktion“, sagte Pinkwart.

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