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Suizidserie bei France Télécom : „Die Leute gehen durch die Tür oder fliegen durchs Fenster raus“

Demonstranten vor dem Gericht in Paris Bild: AFP

35 France Télécom-Mitarbeiter nahmen sich in den Jahren 2008 und 2009 das Leben. Ein Gericht soll die Fälle nun aufarbeiten. Der Druck von oben ist belegt, aber die Rechtslage scheint nicht eindeutig.

          Stéphane Dessoly, 32 Jahre, hat sich erhängt. „Ich gehe wegen meiner Arbeit bei France Télécom – nur deswegen“, stand in seinem Abschiedsbrief stand. Nicolas Grenovile, 28 Jahre, wählte ebenfalls den Strick. „Ich ertrage diesen Job nicht mehr, und France Télécom pfeift darauf“, hinterließ er als Botschaft. Jean-Michel Laurent, 53 Jahre, warf sich auf die Gleise; wenige Sekunden zuvor telefonierte er noch mit einem Gewerkschafter. „Der Zug kommt“, waren seine letzten Worte. Rémy Louvradoux, 56 Jahre, zündete sich vor einem Betrieb von France Télécom an. Stéphanie Moison, 32 Jahre, stürzte sich an ihrem Arbeitsort aus dem Fenster.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Diese tragischen Fälle sind nur einige aus einer Vielzahl von Selbstmorden bei France Télécom in den Jahren 2008 und 2009. 35 Mitarbeiter nahmen sich in diesen Jahren das Leben. Am Montag begann vor einem Pariser Gericht ein Strafprozess gegen das Unternehmen und sieben ehemalige Manager. Der Vorwurf: Mobbing von oben. Der Konzern habe ein System extrem hohen Leistungs- und Flexibilitätsdrucks eingeführt, das zum Stellenabbau führen sollte. In drei Jahren sollte die Belegschaft von rund 120.000 auf etwa 98.000 Beschäftigte schrumpfen. Aufgrund des hohen Kündigungsschutzes – ein Großteil der Mitarbeiter waren Beamte – konnte der Abbau nur über „freiwilligen“ Abgang erfolgen.

          Rechtslage nicht eindeutig

          Der Druck von oben ist belegt. Der damalige Konzernchef Didier Lombard sagte in einer Zusammenkunft mit Angestellten: „Ich drückte die Stellenstreichung durch. Die Leute gehen durch die Tür oder fliegen durchs Fenster raus.“ Der damalige Personalchef Olivier Barberot wird in den Gerichtsunterlagen mit den Worten zitiert, dass sich die Vorgesetzten „psychologischer Mechanismen“ bedienen sollen, die zur „Lust, ein neues Leben anzufangen“ führen sollen. Von gezielter „Frustration“ ist die Rede. Viele Mitarbeiter wurden mit völlig neuen Aufgaben konfrontiert oder hatten teilweise gar keine Arbeit mehr; wer das ablehnte, bekam einen Job in einem Call-Center oder in einer Boutique für den Handy-Verkauf angeboten. Vorgesetzte wurden daran gemessen, wie viel Stellenabbau ihnen gelang.

          Dennoch erscheint die Rechtslage nicht eindeutig. Ohne die persönlichen Schicksale verharmlosen zu wollen, weisen Verteidiger des Konzerns darauf hin, dass die Zahl der Selbstmorde in jener Zeit immer noch unter dem Durchschnitt der französischen Bevölkerung lag. Der Vergleich ist allerdings nicht ganz sauber, weil die Gesamtbevölkerung etwa auch Arbeitslose und damit Menschen mit potentiell weniger stabilem Umfeld enthält. Die Manager verteidigen sich auch mit dem Hinweis, dass ihr Konzern damals unter heftigem Konkurrenzdruck stand.

          Das starre Kündigungsrecht verhinderte die Umsetzung von Sozialplänen. „Mobbing“ ist in Frankreich ein Straftatbestand. Den Managern droht eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und eine Geldbuße von 15000 Euro. „Alle Unternehmen beobachten den Prozess aus nächster Nähe, weil er soziale Rechte und die Verantwortung des Managements neu definieren kann“, sagte ein Unternehmensberater. Als Prozessdauer sind drei Monate angesetzt. 


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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