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Mittelstandsfinanzierung : Der Mittelstand wendet sich neuen Finanzierungsformen zu

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Rund zwei Drittel der Unternehmen nutzen zusätzlich zur klassischen Innenfinanzierung oder zum Bankkredit auch relativ neue Produkte wie Forderungsverbriefungen, Projektfinanzierungen, Gemeinschaftsfinanzierungen (joint-ventures), Beteiligungskapital oder Mezzanine.

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          Der deutsche Mittelstand wendet sich zunehmend alternativen Finanzierungsmöglichkeiten zu. Rund zwei Drittel der Unternehmen nutzen zusätzlich zur klassischen Innenfinanzierung oder zum Bankkredit auch relativ neue Produkte wie Forderungsverbriefungen, Projektfinanzierungen, Gemeinschaftsfinanzierungen (joint-ventures), Beteiligungskapital oder Mezzanine, hat eine Studie von Ernst&Young ergeben. Die Universität Paderborn hat im Auftrag der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft 1000 mittelständische Unternehmen befragt. Rund ein Drittel der Mittelständler habe aber immer noch eine ablehnende Haltung gegenüber den neuen Finanzierungsformen, sagte Wolfgang Richter, Partner der mit Ernst&Young kooperierenden Anwaltskanzlei Luther Menold. Diese Unternehmen vertrauten ausschließlich auf die klassischen Bankkredite und die Finanzierung aus dem eigenen Geschäft. Rund die Hälfte davon begründe dies damit, daß sie die erhöhten Transparenzpflichten scheuten, die mit kapitalmarktnahen Finanzprodukten einhergingen.

          Dabei erweise sich diese Scheu als ein Wachstumshemmnis, meint Peter Englisch, Partner von Ernst&Young. So sei der Umsatz der herkömmlich finanzierten Unternehmen in den vergangenen drei Jahren im Durchschnitt um 2,9 Prozent geschrumpft. Dagegen hätten die Unternehmen, welche auch neuartige Instrumente nutzten, ein Umsatzplus von 8,6 Prozent erreicht. "Würden alle deutschen Unternehmen alternative Finanzierungsmöglichkeiten einsetzen, könnte das dabei helfen, die Wachstumslücke zu Großbritannien und Nordamerika zu schließen", sagte Englisch. Die deutsche Wirtschaft könnte dann um bis zu 0,55 Prozent im Jahr zusätzlich wachsen, stellen die Wirtschaftsprüfer in Aussicht.

          Bislang allerdings ist der absolute Anteil der neuen Finanzierungsformen im internationalen Vergleich noch verschwindend gering. Beispielsweise würden in Nordamerika jährlich Forderungen im Volumen von 700 bis 800 Milliarden Dollar verbrieft, sagte Richter. In Europa seien es dagegen gerade einmal 260 Milliarden Dollar im Jahr. In Deutschland nutzen laut der Studie nur 8,5 Prozent der Unternehmen das Factoring. Mit diesem Instrument werden Forderungen verkauft, gebündelt und an den Kapitalmarkt gebracht. Mit Beteiligungskapital (Private Equity) oder einem strategischen Investor sind bisher nur 3,8 Prozent der befragten Unternehmen in Berührung gekommen. Auch Mischformen zwischen Eigen- und Fremdkapital (Mezzanine) wie Genußrechte und Wandel- oder Optionsanleihen werden bislang nur selten nachgefragt. Diese Finanzierungsformen haben für das Unternehmen den Vorteil, daß sie in der Bilanz wie Eigenkapital, steuerlich aber wie Fremdkapital behandelt werden.

          Kein Hindernis seien die verfügbaren Anlagegelder, denn diese seien en masse vorhanden. Allein der deutsche Markt für Mezzanine-Fonds habe nunmehr die Milliardengrenze überschritten, sagte Richter. Jedoch wüßten die Wirtschaftsprüfer, Anwälte und Steuerberater oft zuwenig über derartige Produkte, weshalb sie diese ihren Kunden auch nicht empfählen. Diese Finanzprodukte sind zwar oft teurer als der Kredit der Hausbank, zu der die Unternehmen immer noch die intensivsten Beziehungen pflegen. Doch die Banken schrecken zunehmend vor einer Kreditvergabe zurück. Überdies seien nicht 100 Basispunkte mehr oder weniger entscheidend, sagte Englisch. Der Vorteil liege vielmehr darin, daß der Unternehmer durch die Anforderungen der Geldgeber sein Geschäft viel genauer vorbereiten, die Risiken exakter kalkulieren und eine Liquiditätsplanung erstellen müsse. (da.)

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