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Mit dem Start-up Pakadoo : Der Arbeitsplatz wird zur Paketstation

Ab ins Büro mit den Paketen Bild: www.pakadoo.de

Der Logistiker LGI will mit dem Start-up Pakadoo die Probleme bei der Paket-Zustellung lösen. Dafür müssen nur genügend Unternehmen mitmachen - viele haben schon angebissen.

          3 Min.

          Bestellt ist schnell im Internet. Mit ein paar Klicks ist die Sache erledigt. Unangenehm kann es werden, wenn die Ware kommt - oder eben auch nicht kommt, weil der Paketdienst zu Hause niemanden antrifft. Diese Probleme lassen sich lösen, sagt Pakadoo, ein Unternehmen der Logistik-Gruppe LGI, das daraus ein Geschäft macht. Einzige Voraussetzung: Der Arbeitgeber der Päckchenempfänger spielt mit und erlaubt, dass in der Firma angeliefert wird.

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Hamburg.

          Die Deutsche Bahn in Frankfurt ist schon mit von der Partie, zudem der Autozulieferer ZF Friedrichshafen, der Waagenspezialist Bizerba in Balingen, der Verbandhersteller Paul Hartmann in Heidenheim und allen voran mit HP just jener IT-Konzern, aus dem der Logistiker LGI einst hervorgegangen ist. Insgesamt 100 Abholpunkte in 64 Unternehmen gibt es aktuell. Bis Ende nächsten Jahres sollen es 500 bis 700 Abholpunkte sein, lautet das Ziel von Pakadoo-Chef Markus Ziegler. Dann wäre der Durchbruch wohl geschafft, erwartet er: „Dann hätten wir die kritische Größe von 100 000 Nutzern erreicht. Danach läuft bei den meisten Start-ups vieles von allein, der Bekanntheitsgrad nimmt schnell zu.“

          Vorläufig muss Ziegler noch dicke Bretter bohren, obwohl das Prinzip schnell erklärt ist. Sobald ein Betrieb mit Pakadoo einen Vertrag schließt, kann jeder Arbeitnehmer einen individuellen Code aus einer Zahlen- und Buchstabenkombination beantragen, der als Adressenzusatz auf dem Paket stehen muss - gleichgültig, ob es von Tante Rosi oder vom Online-Versand kommt.

          Keine Mehrkosten für die Mitarbeiter

          Sobald das Paket im Betrieb entgegengenommen wird, löst das eine Benachrichtigung des Mitarbeiters per Mail aus. Dieser kann dann das Paket dort abholen, wo es vom Arbeitgeber vorgesehen ist. Den Mitarbeiter kostet das nichts. Der Arbeitgeber muss in ein Handy investieren, in eine zweistündige Schulung und eventuell noch eine Werbeaktion in der Belegschaft. Der sogenannte Pakadoo-Kalkulator schätzt den Aufwand für einen Betrieb mit 1000 Beschäftigten auf 12 Stunden pro Monat, wobei pro Tag durchschnittlich 24 Pakete zu erwarten seien.

          In der Adventszeit mag das ganz anders aussehen, wie bei Paketshops eben auch. Aber weil das Pakadoo-Programm Ordnung in die Auslieferung bringt, glaubt Ziegler, dass viele Unternehmen sogar effizienter werden könnten. Er berichtet von entsprechenden Rückmeldungen aus dem Kundenkreis, wo bisher schon die Anlieferung privater Pakete geduldet wurde, ohne dass dies gut organisiert war. Spätestens wenn ein Betrieb mehr als 200 Mitarbeiter habe, werde es eben unübersichtlich, sagt Ziegler.

          Um die Unternehmen zu überzeugen, hat er ein Bündel von Argumenten, allen voran die Dankbarkeit der Mitarbeiter, denen dieser Service Erleichterung für den Alltag bringe - zumal nicht nur der Empfang, sondern auch der Versand von (vorfrankierten) Paketen möglich ist. Auch Umweltargumente werden vorgebracht: zig Fahrstunden, die gespart werden, weil Postboten nicht mehr durch die halbe Stadt fahren müssen, sondern mehrere Sendungen an einem Ort abliefern können, wo sie jemand zuverlässig entgegennimmt.

          „60 Prozent der Kosten entstehen zwischen letzten Depot und Empfänger“

          „Was wir unterschätzt haben, ist die Zeit, die es dauert, bis so etwas umgesetzt wird“, räumt der Pakadoo-Chef ein - und kann dieser fehlenden Dynamik der Unternehmen zugleich etwas Positives abgewinnen: „Das ist fast unser bester Schutz.“ Bisher seien noch keine Nachahmer in Sicht. Ziegler bezieht sich bei dieser Einschätzung auf eine Auskunft von Amazon, jenem Versandhändler, der wahrscheinlich einen kompletten Überblick über das Versandwesen hat.

          Das Geschäftsmodell von Pakadoo beruht darauf, dass die Belieferung von Endverbrauchern so schwierig ist. „60 Prozent der Kosten entstehen zwischen dem letzten Depot und dem Empfänger“, rechnet Ziegler vor: „Wir können davon 40 Prozent einsparen.“ Einen Teil dieser Einsparung will Pakadoo von den Lieferdiensten kassieren, von Post über UPS bis Hermes. Insofern fungiert Pakadoo wie ein Schwarm von Paketshops: mit jeder Lieferung, die bei einem an Pakadoo angeschlossenen Unternehmen ankommt, wird die Sendungsnummer erfasst und eine Zahlung an Pakadoo ausgelöst.

          Studierter Philosoph - und genervt vom Postamt

          Dieser letzte und entscheidende Schritt, um aus der Idee ein Geschäft zu machen, fehlte lange Zeit. „Ganz nach der Art eines Start-ups sind wir in Vorleistung gegangen“, berichtet Ziegler von den Anfängen. Ohne eine gewisse Durchdringung sind die Vorteile für Paketdienste schließlich nicht greifbar. Ohnehin haben er und sein mittlerweile elfköpfiges Team kein eigenes Risiko gehabt - und auch erst einmal eine Menge Zeit für ihr Vorhaben. Schon vor drei Jahren hatte Chris van Lancker die entscheidende Idee.

          Der heute 39 Jahre alte Belgier, studierter Philosoph, war genervt, weil ein dringend erwartetes Päckchen auf einem Postamt lag, dessen Öffnungszeiten für berufstätige Menschen so gar nicht passten. Mit seinem Lösungsvorschlag stieß er auf offene Ohren bei Markus Ziegler.

          Er kannte das Problem mit der letzten Meile sogar aus dem Business-Alltag - in Form von großen Schwierigkeiten bei der Retoure defekter Drucker. „Wir hätten uns gern an Pakadoo beteiligt“, sagt der 52 Jahre alte Wirtschaftsinformatiker über das Unternehmen, für dessen Vorankommen er sogar die Leitung der 800 Mitarbeiter starken Elektroniksparte bei der Logistik-Gruppe LGI aufgab. LGI wollte das nicht - aber immerhin: Ziegler genießt ungeahnte unternehmerische Freiheiten, weil Pakadoo als sogenanntes Corporate-Start-up ein recht eigenständiges Dasein innerhalb der LGI-Gruppe führt.

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