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Minikraftwerke : Lichtblick macht den Strom schlau

Diese Energiesparlampe könnte künftig mit günstgem, sauberem Strom zum Leuchten gebracht werden Bild: Dieter Rüchel

Die Hamburger Firma Lichtblick hat ein Rezept dafür, wie die Energiewende funktionieren könnte.

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          Heiko von Tschischwitz ist flink mit Vergleichen. „Dinosaurier“ nennt er den Kraftwerke-Konzern Eon. Von Dinosauriern weiß man, dass sie ausgestorben sind. Eon, RWE, Vattenfall, das ist für Tschischwitz die Welt von gestern, auch wenn sie noch ziemlich gegenwärtig ist.

          Winand von Petersdorff-Campen
          (wvp.), Wirtschaft

          Immer wenn der Chef des Hamburger Ökostromhändlers Lichtblick aus seinem Bürofenster Richtung Landungsbrücken guckt, sieht er ein großes Steinkohlekraftwerk im Hamburger Stadtteil Moorburg im Entstehen. Es soll 2014 ans Netz. Es könnte eines der letzten konventionellen Großkraftwerke sein, die in Deutschland ans Netz gehen. Sie verdienen kein Geld für ihre Betreiber. Vattenfall hat schon vor Inbetriebnahme eine halbe Milliarde Euro auf das Hamburger Kraftwerk abgeschrieben.

          Aber gibt es etwas, das die Großkraftwerke ersetzen kann, wenn Wind und Sonne gerade keinen Strom liefern?

          Ja, sagt Tschischwitz. Er teilt die Energiewelt in zwei Zonen: In der einen Zone agieren die alten Platzhirsche Eon, RWE, Vattenfall und bis zu einem gewissen Grad auch EnBW. Alle sind zentralistische Konzerne, die in Großprojekten denken: große Kraftwerke, große Windparks im Meer und lange Leitungen. Das können sie managen. Die rund 500 Großkraftwerke liefern zuverlässig Strom, produzieren aber Umwelt- und Klimaprobleme. Und sie sind unflexibel.

          Viele kleine Kraftwerke sollen die Riesen ersetzen

          In der anderen Zone tummeln sich Zehntausende kleine Anbieter, die mit 1,3 Millionen Windrädern, Photovoltaikanlagen, Minikraftwerken und so weiter dezentral Strom produzieren. Er ist sauber, aber noch nicht zuverlässig. Lichtblick ist als Deutschlands größter Ökostromhändler mit rund 600.000 Kunden ein wichtiger Spieler in dieser Zone.

          Doch in einem Punkt unterscheidet sich die Firma von den meisten anderen aus der Öko-Zone: Lichtblick will nicht nur sauberen, sondern auch sicheren Strom liefern, der dann da ist, wenn er gebraucht wird.

          Sonne und Wind brauchen, so die Idee, „intelligenten Strom“ an ihrer Seite. Der soll aber nicht von Großkraftwerken kommen, die dafür vor allem zu unflexibel sind, sondern von einem Netz aus zahllosen einzelnen Erzeugungsanlagen: Die Spanne reicht von eigens für Lichtblick entwickelten Minikraftwerken für den Heizungskeller über Photovoltaikanlagen bis hin zu Biomassekraftwerken.

          Gesteuert werden diese einzelnen Stromerzeuger von einer Software, die Lichtblick selbst entwickelt hat. Dieses Programm mit dem Namen „Schwarmdirigent“ schaltet die Anlagen zu einem virtuellen Kraftwerk zusammen, das Strom liefert, wenn die Preise am besten sind und die Nachfrage am höchsten ist.

          Die Idee ist, dass zusammengeschaltet viele kleine unscheinbare Kraftwerke die Riesenanlagen der Versorger ersetzen. Lichtblick will irgendwann 100.000 dezentrale und vernetzte Anlagen mit einer Gesamtleistung von 2000 Megawatt haben – das entspricht der Kapazität von zwei Atomkraftwerken. Im Moment hat man erst 1400 installiert. Allerdings hat sich das Tempo bei den Installationen zuletzt deutlich erhöht. Nächstes Jahr sollen schon 2000 neue angeschlossen werden, danach jedes Jahr mehr.

          Selbstversorger mit Alkohol-Schwarzbrennern verglichen

          Tatsächlich steht das Minikraftwerk im Zentrum dieser Strategie: Es ist im Prinzip ein mit Erdgas angetriebener VW Golf GTI-Motor, der für die Erzeugung von Strom und Wärme umgebaut wurde. Lichtblick bekommt diese kleinen Kraftwerke von Volkswagen und stellt sie nun bei seinen Kunden auf: Wohnungsgesellschaften, Schulen, Hotels, Gewerbebetriebe, Bürohäuser – überall da, wo Wärme für Heizung und Strom gebraucht wird. Die Wärme wird gespeichert, damit die Heizung auch dann noch warm wird, wenn die Anlage gerade nicht läuft.

          Geld verdient Lichtblick entweder mit der Gaslieferung (häufig Biogas) für die Kundschaft und mit Stromerlösen, die mit den Kunden geteilt werden, oder mit dem Verkauf der Minikraftwerke. Die Firma dirigiert über Mobilfunk die Anlagen so, dass sie Strom zu den Tageszeiten verkauft, zu denen der Preis am Markt am besten ist. Die Anlagen können auf Knopfdruck an- und ausgeschaltet werden. Das ist der Vorteil von Motoren aus der Automobilwirtschaft – und es unterscheidet sie erheblich von den Großkraftwerken. Der Kunde kann den von seinem kleinen Minikraftwerk erzeugten Strom ins öffentliche Netz einspeisen und bekommt dafür Geld von Lichtblick. Oder aber er kann den Strom selbst verbrauchen und damit seine Kosten senken, weil er von den Netzentgelten und den staatlichen Aufschlägen auf den Strompreis verschont bleibt. Er ist dann Energie-Selbstversorger.

          Diese allerdings sind zurzeit nicht wohlgelitten: Die Berliner Koalitionsrunde berät darüber, wie man die Selbstversorger stärker zur Kasse bitten kann. Und der Vorstandsvorsitzende des Eon-Konzerns, Johannes Teyssen, hat jene kleine Stromproduzenten im Interview mit dieser Zeitung jüngst mit Alkohol-Schwarzbrennern verglichen. Seine Begründung: Die Selbstversorger entgehen den Abgaben und Umlagen, die zur Finanzierung der Energiewende da sind. Es bleiben immer weniger Akteure übrig, die am Ende immer mehr für die Energiewende zahlen. Teyssen prangert die Selbstversorger als unsolidarisch an.

          Das erste kommerzielle Strom-Großprojekt für Mieter

          Diese Verbalattacke hat Lichtblick-Chef Heiko von Tschischwitz richtig zornig gemacht: Schwarzbrennerei sei eine Straftat. „Teyssen kriminalisiert die Energiewende“, schimpft Tschischwitz. Man kann die Angelegenheit tatsächlich auch genau andersherum sehen.

          Wer zum Beispiel mit einer Photovoltaikanlage Strom für den Eigenbedarf produziert, statt ihn ins Netz einzuspeisen, erspart der Stromkunden-Gemeinschaft die EEG-Kosten. Wenn er sich im nächsten Schritt noch ein Minikraftwerk in den Keller stellt, das immer loslegt, wenn es mangels Sonnenenergie gebraucht wird, dann wird der Kunde vollends unabhängig als Abnehmer, jedoch bleibt er Akteur als Stromlieferant.

          Tatsächlich wird Lichtblick in Kürze in einer deutschen Großstadt das erste kommerzielle Strom-Großprojekt für Mieter starten. Der Wohnblock mit Photovoltaikanlage auf dem Dach wird zum Selbstversorger, die Einspeisevergütung von bis zu 200.000 Euro jährlich entfällt, der Strom wird billiger als herkömmliche Tarife. Erstmals, so verspricht Tschischwitz, profitierten auch Mieter von der Energiewende, nicht nur Bauern, Hauseigentümer und reiche Investoren.

          In Tschischwitz’ Welt verschwinden nicht nur die klassischen Großkraftwerke, weil sie überflüssig werden. Tschischwitz braucht auch keine Windparks an der Küste und im Meer. Das sind in seinen Augen auch nur Varianten von Großkraftwerken, die nur deshalb gebaut werden, weil die großen Versorger nur in großen Dimensionen denken und arbeiten können. Damit kann er auch auf die umstrittenen Nord-Süd-Stromtrassen verzichten.

          Inzwischen stellt Lichtblick sein Softwaresystem Schwarmdirigent auch anderen Betreibern kleiner Stromanlagen zur Verfügung. Die Firma hat inzwischen mehr Softwareentwickler als Stromhändler.

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