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Minikraftwerke : Lichtblick macht den Strom schlau

Geld verdient Lichtblick entweder mit der Gaslieferung (häufig Biogas) für die Kundschaft und mit Stromerlösen, die mit den Kunden geteilt werden, oder mit dem Verkauf der Minikraftwerke. Die Firma dirigiert über Mobilfunk die Anlagen so, dass sie Strom zu den Tageszeiten verkauft, zu denen der Preis am Markt am besten ist. Die Anlagen können auf Knopfdruck an- und ausgeschaltet werden. Das ist der Vorteil von Motoren aus der Automobilwirtschaft – und es unterscheidet sie erheblich von den Großkraftwerken. Der Kunde kann den von seinem kleinen Minikraftwerk erzeugten Strom ins öffentliche Netz einspeisen und bekommt dafür Geld von Lichtblick. Oder aber er kann den Strom selbst verbrauchen und damit seine Kosten senken, weil er von den Netzentgelten und den staatlichen Aufschlägen auf den Strompreis verschont bleibt. Er ist dann Energie-Selbstversorger.

Diese allerdings sind zurzeit nicht wohlgelitten: Die Berliner Koalitionsrunde berät darüber, wie man die Selbstversorger stärker zur Kasse bitten kann. Und der Vorstandsvorsitzende des Eon-Konzerns, Johannes Teyssen, hat jene kleine Stromproduzenten im Interview mit dieser Zeitung jüngst mit Alkohol-Schwarzbrennern verglichen. Seine Begründung: Die Selbstversorger entgehen den Abgaben und Umlagen, die zur Finanzierung der Energiewende da sind. Es bleiben immer weniger Akteure übrig, die am Ende immer mehr für die Energiewende zahlen. Teyssen prangert die Selbstversorger als unsolidarisch an.

Das erste kommerzielle Strom-Großprojekt für Mieter

Diese Verbalattacke hat Lichtblick-Chef Heiko von Tschischwitz richtig zornig gemacht: Schwarzbrennerei sei eine Straftat. „Teyssen kriminalisiert die Energiewende“, schimpft Tschischwitz. Man kann die Angelegenheit tatsächlich auch genau andersherum sehen.

Wer zum Beispiel mit einer Photovoltaikanlage Strom für den Eigenbedarf produziert, statt ihn ins Netz einzuspeisen, erspart der Stromkunden-Gemeinschaft die EEG-Kosten. Wenn er sich im nächsten Schritt noch ein Minikraftwerk in den Keller stellt, das immer loslegt, wenn es mangels Sonnenenergie gebraucht wird, dann wird der Kunde vollends unabhängig als Abnehmer, jedoch bleibt er Akteur als Stromlieferant.

Tatsächlich wird Lichtblick in Kürze in einer deutschen Großstadt das erste kommerzielle Strom-Großprojekt für Mieter starten. Der Wohnblock mit Photovoltaikanlage auf dem Dach wird zum Selbstversorger, die Einspeisevergütung von bis zu 200.000 Euro jährlich entfällt, der Strom wird billiger als herkömmliche Tarife. Erstmals, so verspricht Tschischwitz, profitierten auch Mieter von der Energiewende, nicht nur Bauern, Hauseigentümer und reiche Investoren.

In Tschischwitz’ Welt verschwinden nicht nur die klassischen Großkraftwerke, weil sie überflüssig werden. Tschischwitz braucht auch keine Windparks an der Küste und im Meer. Das sind in seinen Augen auch nur Varianten von Großkraftwerken, die nur deshalb gebaut werden, weil die großen Versorger nur in großen Dimensionen denken und arbeiten können. Damit kann er auch auf die umstrittenen Nord-Süd-Stromtrassen verzichten.

Inzwischen stellt Lichtblick sein Softwaresystem Schwarmdirigent auch anderen Betreibern kleiner Stromanlagen zur Verfügung. Die Firma hat inzwischen mehr Softwareentwickler als Stromhändler.

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