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Mindestens 2000 Stellen vor dem Aus : Nokia schließt Werk in Bochum

  • -Aktualisiert am

Nokia will die Handy-Produktion in Deutschland einstellen Bild: picture-alliance/ dpa

Zuerst traf es Motorola in Flensburg, dann BenQ in Kamp-Lintfort - jetzt schließt auch Nokia sein Handywerk in Bochum. 2000 Menschen droht die Arbeitslosigkeit. Künftig werden damit in Deutschland keine Mobiltelefone mehr produziert.

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          In Deutschland werden keine Handys mehr gebaut. Nach Motorola und BenQ gibt auch der finnische Weltmarktführer Nokia seine Produktion in Deutschland auf. Wie Nokia am Dienstag mitteilte, wird der gesamte Standort Bochum, an dem bisher rund 2300 Mitarbeiter beschäftigt sind, bis Mitte des Jahres geschlossen. Die Produktion soll auf andere Standorte in Europa - vor allem in ein neues Werk in Rumänien - verlagert werden.

          Als Grund nennt Nokia die Tatsache, dass die Produktion der Geräte in Bochum schlicht zu teuer sei, formuliert dies allerdings etwas moderater. „Die geplante Schließung des Werkes Bochum ist notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit von Nokia langfristig zu sichern“, erklärte Veli Sundbäck, Executive Vice President von Nokia und Aufsichtsratsvorsitzender der deutschen Nokia GmbH während einer Pressekonferenz in Düsseldorf. „Auf Grund der Marktentwicklung und der steigenden Anforderungen hinsichtlich der Kostenstruktur ist die Produktion mobiler Endgeräte in Deutschland für Nokia nicht länger darstellbar“, fügte er hinzu.

          2000 Mitarbeiter in der Produktion

          Nach seinen Worten sind rund 2000 Mitarbeiter in Bochum in der Produktion beschäftigt. Die restlichen Angestellten arbeiteten in der Forschung und Entwicklung sowie der Sparte, die fest eingebaute Mobilfunklösungen für die Automobilindustrie entwickelt. Für diese Bereiche werde nach einem Käufer gesucht. Sollte dies gelingen, könnten hier Arbeitsplätze erhalten werden.

          Bochum : Nokia-Mitarbeiter unter Schock

          Sundbäck betonte, es gehe bei der Werksschließung in Bochum nicht ausschließlich um die hohen Arbeitskosten in Deutschland. Diese machten in der Produktion der Geräte deutlich weniger als 5 Prozent der Kosten aus. Ein wesentlicher Grund sei, das es Nokia nicht gelungen sei, seine Zulieferer zum Aufbau eines Industrieparks rund um das Werk in Bochum zu bewegen. Das hätten diese Unternehmen mit Verweis auf die hohen Kosten in Deutschland abgelehnt. Das führe dazu, dass Nokia in der Produktion in Bochum nicht mit der gleichen Flexibilität und Effizienz auf eine veränderte Nachfrage reagieren könne wie in den anderen neun Produktionsstätten seines internationalen Fertigungsverbundes. In Rumänien hingegen würden die Zulieferer mit eigener Produktion in der Nähe der Nokia-Fertigung vertreten sein. Zudem betrügen die Arbeitskosten dort nur ein Zehntel der Beträge in Deutschland.

          Als letzter Hersteller verlässt Nokia den Standort Deutschland

          Damit verlässt Nokia als letzter Hersteller von Mobiltelefonen den Standort Deutschland. Im vergangenen Jahr hatte die amerikanische Motorola die Handy-Produktion in Flensburg aufgegeben. Dort blieben von ehemals mehr als 3000 Arbeitsplätzen noch rund 200 übrig. Schon im Jahr 2006 hatte BenQ die ehemalige Handysparte von Siemens mit Standorten in München und Kamp-Lintfort geschlossen. Auch hier waren rund 3000 Mitarbeiter betroffen. Während Motorola und BenQ aber aus einer schwächelnden Position ihrer Unternehmen auf dem internationalen Handymarkt die Notbremse in Deutschland zogen, trägt der Weggang von Nokia eindeutig strategische Züge. Dem Unternehmen geht es blendend. Nokia ist unangefochtener Marktführer und hat seinen Anteil an den internationalen Handyverkäufen in den vergangenen drei Quartalen auf gut 38 Prozent gesteigert. Dabei konnten die Finnen - trotz deutlich sinkender Durchschnittspreise für die Handys - ihre Profitabilität auf Grund von Skaleneffekten erhöhen. Diese komfortable Position soll durch den Weggang aus Bochum gesichert werden.

          Die IG Metall und die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen zeigten sich am Mittwoch schockiert von der Ankündigung. „Das ist eine Katastrophe für Bochum“, sagte die IG-Metall-Bevollmächtigte Ulrike Kleinebrahm. „Es ist überhaupt nicht nachzuvollziehen, dass ein Unternehmen, das hier so viel Geld verdient hat, den Standort schließt“, erklärte Kleinebrahm, die auch im Aufsichtsrat von Nokia in Deutschland sitzt. Die IG Metall werde gegen die Schließungspläne vorgehen.

          Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Christa Thoben sprach von einer „sehr, sehr schmerzhaften Ankündigung für die Stadt und die Region“. Thoben machte darauf aufmerksam, dass Nokia seit 1995 fast 90 Millionen Euro öffentliche Mittel vom Land und vom Bund als Förderung für das Werk Bochum erhalten hat. Darüber hinaus wirft die Ministerin die Frage auf, ob Betriebverlagerungen innerhalb der EU „von uns mitfinanziert“ werden müssten. Das Werk in Rumänien werde derzeit mit Hilfe von EU-Mitteln errichtet. Bei der Klärung dieser grundsätzlichen Frage setzt sie auf die Unterstützung durch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU).

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