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Milliardeninvestitionen : Ein Wohlfühlprogramm für Deutschlands Bahnhöfe

Unser Bahnhof soll schöner werden: Auch Limburg Süd profitiert vom Konjunkturprogramm des Bundes. Bild: Deutsche Bahn AG

Für 120 Millionen Euro wurden in diesem Jahr mehr als 1000 Bahnhöfe renoviert. Doch das ist nur ein Bruchteil der Summe, die generell in die Stationen fließt. Die Bahn glaubt: Es lohnt sich.

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          ­„Reisende sollen am Bahnhof nicht nur einfach ein- und aussteigen, sie sollen sich wohlfühlen.“ Das sagt Ronald Pofalla, Infrastrukturvorstand der Deutschen Bahn. Wohlwissend, dass Millionen Passagiere Tag für Tag eine andere Erfahrung machen. Viele der 5700 Stationen hierzulande sind heruntergekommen, von Wohlfühlatmosphäre kann keine Rede sein. Eine ungünstige Voraussetzung, neue Kunden für den Zug zu begeistern: Wenn schon der Bahnhof als Visitenkarte einen schlechten Eindruck macht, ist das keine Einladung zum Bahnfahren. Auch deshalb investiert der Konzern erhebliche Summen in die Bahnhofsinfrastruktur. Es handelt sich um einen Milliardenbetrag Jahr für Jahr.

          Thiemo Heeg
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zum Jahresende zog Pofalla nun ein Teilfazit. Denn dieses Jahr hat die DB zusätzliche Finanzmittel aus der Konjunkturförderung des Bundes erhalten, um die Stationen zu verschönern: 120 Millionen Euro. Insgesamt wurden 2021 deutlich mehr als 1000 Bahnhöfe renoviert. „Mit mehr als 400 neuen Sitzbänken, 100 zusätzlichen Wetterschutzhäuschen und rund 110 000 Litern Farbe bieten die Bahnhöfe nun ein besseres Erscheinungsbild“, betont die Bahn. Um Energie zu sparen, habe man rund 90 Stationen auf LED-Leuchten umgerüstet und rund 50 Heizungsanlagen ausgetauscht. Auch 70 Bahnhofsuhren, 450 Infovitrinen und 1000 Müllbehälter gehörten zum Modernisierungsprogramm, das insgesamt rund 2000 Einzelmaßnahmen umfasste. „Durchschnittlich haben wir seit Start des Konjunkturprogramms im Mai vier Bahnhöfe pro Tag renoviert – das ist Rekordtempo“, sagt Vorstand Pofalla. Die Stationen seien jetzt heller, freundlicher, böten besseren Komfort und mehr Wetterschutz.

          „Viele kleine Verbesserungen“ 

          Das klingt nicht nach revolutionären Veränderungen. Doch Pofalla ist Profi genug, um das groß zu verkaufen: „Viele kleine Verbesserungen, die einen großen Unterschied machen.“ 900 regionale Handwerksbetriebe waren im Rahmen des Sofortprogramms beauftragt, sowohl kleine als auch mittlere und große Stationen in ganz Deutschland wieder ansehnlicher zu machen. Die modernisierten Bahnhöfe finden sich der Bahn zufolge in Metropolen wie auch im ländlichen Raum. Der Konzern rechnet vor, dass rund 13,5 Millionen Reisende von den Verbesserungen profitieren. Umfragen zeigten, dass sich die Fahrgäste in den renovierten Stationen wohler fühlten.

          Als Beispiel führt die Bahn die ICE-Station Limburg Süd an der Schnellfahrstrecke Köln–Frankfurt an. Hier habe man das Bahnhofsgebäude „mit Eisenbahnmotiven verschönert“ und die Wartebereiche an den Bahnsteigen erneuert und farblich gestaltet. Am S-Bahn-Knotenpunkt München Donnersbergerbrücke seien Treppenaufgänge, Böden und Decken neu gestaltet und neue Fliesen „im modernen Schwarz-Weiß-Look“ verlegt worden. In Dülmen bekam der Übergang zum Bahnsteig neue Fenster und Treppen. Für den Göttinger Hauptbahnhof schaffte die DB neue Rollstuhlhubgeräte an und tauschte Sitzbänke aus. Im Bahnhof Bonn-Bad Godesberg wurde ein 1400 Quadratmeter großes Schieferdach renoviert. Und im Berliner S-Bahnhof Marzahn hat laut Bahn der Künstler Steven Karlstedt die Rampe und die Wände „in Knallfarben aufgepeppt“.

          Bahnhofsfinanzierung ist kompliziert 

          Die zusätzlichen 120 Millionen Euro aus dem Bundeskonjunkturprogramm sind freilich wenig im Vergleich zu den Geldern, die den Zugstationen generell zugutekommen. „Insgesamt flossen 2021 rund 1,6 Milliarden Euro in die Bahnhöfe“, erläutert eine Konzernsprecherin. Da geht es nicht nur um neue Anstriche, sondern um Grundlegenderes, wie Sanierungen von Empfangsgebäuden oder Bahnsteigen. Den Löwenanteil dieser Summe steuert der Bund bei, etwa eine Viertelmilliarde die DB (2020) als Eigenanteil. Die 1,6 Milliarden Euro wiederum sind ein Teil des 12,7 Milliarden Euro umfassenden rekordhohen Programms für die gesamte Schieneninfrastruktur in diesem Jahr. Dieses umfasst die Modernisierung, Instandhaltung und den Neu- und Ausbau des Schienennetzes sowie die Bahnhöfe. Laut früheren DB-Angaben ging es um mehr als 1900 Kilometer Gleise, gut 2000 Weichen, knapp 140 Brücken und rund 670 Stationen.

          Auch im Bahntower weiß man, dass das Thema Bahnhofsfinanzierung angesichts der zahlreichen Töpfe eine komplexe Angelegenheit ist. Grundsätzlich ist für die Bahnhöfe in Deutschland die zum Netzbereich gehörende DB Station&Service AG zuständig. Ihren Umsatz von rund 1,3 Milliarden Euro erlöst die Tochtergesellschaft mit 6500 Mitarbeitern in erster Linie aus sogenannten Stationsentgelten: Jeder Bahnbetreiber, der einen Zug an einem Bahnhof halten lässt, muss dafür zahlen. Im vergangenen Jahr kamen an den 5400 DB-Bahnhöfen gut 152 Millionen Stationshalte zusammen. Daraus ergaben sich Einnahmen von 917 Millionen Euro, entsprechend rund 70 Prozent des Gesamtumsatzes. Die übrigen 30 Prozent entfielen im Wesentlichen auf Vermietungseinnahmen.

          Immer weniger Empfangsgebäude

          Und welche Rolle spielen die Bahnhofsgebäude? Für die DB eine immer geringere. Derzeit befinden sich nur noch rund 700 Empfangsgebäude im Besitz der DB Station&Service AG. Seit 1999 wurden 2300 Empfangsgebäude verkauft, davon 500 an Kommunen und 1800 an private Investoren. Die Bahnhofs-Tochtergesellschaft will in Zukunft noch rund weitere 150 Gebäude verkaufen, die als „nicht betriebsnotwendig“ gelten.  

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