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Milliardär Würth im Interview : „Blicke ich in den Spiegel, sehe ich einen Gauner“

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In Berlin war der chinesische Ministerpräsident auf Staatsbesuch, deswegen war ich im Kanzleramt. Wir haben da einen Vertrag mit einer chinesischen Provinz unterzeichnet, als hier 90 Mann in Lederjacken eingerückt sind.

Der Vorwurf hat, grob gesprochen, gelautet: Sie verschieben Gewinne ins Ausland, wo sie niedriger zu versteuern sind.

Das ist unsinnig. Dazu könnte ich Ihnen jetzt ganze Fachvorträge zeigen. Ich behaupte nicht, dass da gar kein Fehlverhalten war. Da war ich schlecht beraten. Diese Fehler haben wir erkannt und auch längst intern dafür gesorgt, dass uns das nicht mehr passiert.

Sie sollen Privates über die Firma abgerechnet haben, ebenso Kosten ausländischer Tochterfirmen.

Ach was. Die ganzen Sachverhalte können Sie immer so und so sehen. Aber was ist das Ergebnis? Heute verwenden wir in Geschäftsleitersitzungen 30 Prozent der Zeit auf die Frage: Was bedeutet das für jede Art von Steuer? Das nimmt uns 30 Prozent der Kreativität. Wenn ich noch jünger gewesen wäre, hätte ich mich vor Gericht gewehrt.

Warum haben Sie den Strafbefehl akzeptiert? Ohne Prozess?

Vielleicht war es ein Fehler, dies nicht getan zu haben. Aber ich bin bald 74, und da denkt man dann: Komm’, mach das, dann ist die Sache erledigt. Sonst hast du permanent Prozess und Presse. Mir wäre auch die Zeit zu schade gewesen, jede Woche zweimal auf dem Gericht zu hocken und das Zeug durchzukarten. Ganz zu schweigen von der Zeit, die auch im Unternehmen auf ein solches Verfahren verwendet würde statt auf das Geschäft.

So haben Sie lieber 3,5 Millionen Euro Strafe bezahlt.

700 Tagessätze halt.

Außerdem wurden etliche Millionen an Steuernachzahlung fällig.

Ein zweistelliger Millionenbetrag, sicher. Für einen Zeitraum von zehn Jahren war das aber nichts Ungewöhnliches.

Und jetzt müssen Sie sich als Vorbestrafter titulieren lassen.

Das belastet mich maßlos, das müssen Sie mir glauben: Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich dort einen Gangster, einen Gauner, einen Ganoven, einen Steuerhinterzieher – das tut weh.

Aus Wut über die Behörden haben Sie sogar gedroht, aus der FDP auszutreten?

Aber nicht wegen des Steuerverfahrens. Ich habe gesagt, ich lasse die Mitgliedschaft ruhen. Diesen Status kennt die Satzung der FDP nicht. Deshalb bin ich jetzt kein Mitglied mehr, ich fühle mich der Partei aber weiter nahestehend. Und ich werde sie auch weiterhin unterstützen, klar.

Außerdem wollten Sie die österreichische Staatsbürgerschaft annehmen. Haben Sie den neuen Pass schon?

Nein, noch nicht. Das läuft, wobei das nicht heißt, dass ich meinen deutschen Pass abgebe. Ich habe dann die doppelte Staatsbürgerschaft. So was geht in Europa.

Ihren Wohnsitz verlagern Sie nach Salzburg?

Ich habe schon seit 15 Jahren ein schönes Haus in Salzburg und verbringe dort viel Zeit. Ich liebe die Landschaft sehr, auch das kulturelle Leben ist wunderbar. Wir haben da gute Freunde, tolle Nachbarn – und es ist nur 23 Minuten von hier.

23 Minuten?

Ja, ich fliege die Strecke. Da fahren Sie wahrscheinlich länger ins Büro.

Sie fliegen nach wie vor selbst?

Natürlich. Ich habe seit Jahren die höchste Fluglizenz, wie Lufthansa-Kapitäne. Ich bin ja permanent unterwegs, da ist das einfach praktisch.

Trotzdem sagt der Landrat hier in Künzelsau: Im Herzen bleibt der Reinhold Würth immer ein Hohenloher. Hat er recht?

Ja, sicher. Heimat und Wohnsitz hat nichts miteinander zu tun. Ich glaube, der Hermann Hesse hat sich sein Leben lang mit der Calwer Gegend verbunden gefühlt.

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