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Milchpreis-Erhöhungen : „Ich möchte keinen Schweinezyklus für Milch“

  • -Aktualisiert am

Bauer Wessels mit einer seiner Milchkühe Bild: Matthias Lüdecke - F.A.Z.

Seit neuestem hat Timo Wessels unter den Lästereien seiner Nachbarn zu leiden: Seit der Milchpreis-Diskussion glauben die Leute nun, dass er sich bald eine goldene Nase verdient. Der Bauer hält dagegen: Er habe in den letzten Jahren mit der Milch nur Verluste eingefahren.

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          Timo Wessels mag nicht mehr die Radio-Nachrichten hören. „Da kommt mir schon am Morgen die Galle hoch“, sagt der 28 Jahre alte Bauer, „wenn ich wieder höre, wie wir bei Milch und Butter abzocken.“ Auch die Nachbarn im brandenburgischen Damsdorf nerven inzwischen den Besitzer von 250 Milchkühen: „Na, jetzt bist du ja reich und kannst den Pachtzins erhöhen“, sagen die ehemaligen Bauern, denen Wessels vor Jahren ihr Land abnahm.

          „Ich kann die Leute zwar verstehen, die von Arbeitslosengeld leben und mit jedem Cent rechnen müssen“, sagt der Landwirt, „doch auch ich muss weiterhin knapp kalkulieren.“ Er rechnet vor, dass die Erhöhung um 3 auf 30 Cent, die er nun von der Molkerei für den Liter Milch bekommt, inzwischen durch höhere Strompreise und Futterkosten ausgeglichen werde. „Erst wenn wir drei Jahre lang 40 Cent für den Liter bekommen, sind die Finanzlöcher gestopft, die in den letzten Jahren entstanden.“

          „Ich habe nie erwogen auszusteigen“

          Der Agrarbetrieb Damsdorf Wessels ist einer der größeren deutschen Höfe, wie sie vielfach in den neuen Ländern zu finden sind. Die Familie Wessels hat die ehemalige Produktionsgenossenschaft 1997 auch deshalb erworben, weil der angestammte Betrieb im Nordwesten Niedersachsens mit seinen 70 Kühen nicht mehr vergrößert werden konnte. Einen Teil des Kaufpreises habe man mit Krediten finanziert, sagt Wessels. Neben der Milch- und Futterwirtschaft, in der man zehn Mitarbeiter beschäftigt, ist Wessels auch im Rinderexport tätig und hat einen landwirtschaftlichen Fuhrbetrieb.

          Timo Wessels liefert an Müller Milch
          Timo Wessels liefert an Müller Milch : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          Der Jungbauer, der frühmorgens wie ein Unternehmer mit dem Mercedes vorfährt, behauptet, er habe in den letzten Jahren wegen der stetig sinkenden Milch-Preise Verluste gemacht und diese durch Erträge aus anderen Geschäften gedeckt. Zum Beweis bittet er in das Büro, in dem eine Sekretärin sitzt, greift sich eine Akte und holt eine Betriebsanalyse aus den Jahren 2003/04 hervor, in der 28 Höfe verglichen wurden.

          Damals bekam er für den Liter Milch 28,7 Cent, kam einschließlich EU-Prämie und dem Erlös aus dem Zuchtvieh-Geschäft auf einen Ertrag von 34,6 Cent je Liter. Gleichwohl resultierte ein Verlust von 1,1 Cent je Liter, was, verglichen mit dem Durchschnitt der Betriebe, noch ein relativ geringes Minus war. „Ich habe dennoch nie erwogen auszusteigen“, versichert Wessels, „sondern die Kosten gesenkt und vom Gewinn aus dem Rinderexport gelebt.“

          „Wir mussten ständig die Leistung steigern“

          Trotz der mageren Rendite sieht der Hof nicht gerade ärmlich aus. Nur die Melkanlage könnte erneuert werden, und der 10.000-Liter-Milch-Tank steht in einer wenig hygienischen Umgebung. Wessels sagt, die halbe Million Euro an Investitionen habe er gescheut. „Es müsste hier etwas gemacht werden, doch es reichte bisher nicht.“ Auch beim neuen Stall hat er gespart, mehr als 1000 Euro je Kuhplatz wollte er nicht ausgeben, während der Branchen-Durchschnitt nach seinen Angaben bei 3000 Euro liegt. Es fehlen sogar die Seitenwände beim Stall, doch das sei keine Sparaktion, versichert der Bauer. Die Kühe brauchten viel Luft und Licht, dann gäben sie mehr Milch.

          „Wegen der niedrigen Milch-Preise blieb uns nichts anderes übrig, als ständig die Leistung zu steigern“, beteuert Wessels. Er verweist öfter auf seinen Großvater. Der hatte 25 Kühe, also nur ein Zehntel des jetzigen Bestandes, und die Milchleistung einer Kuh betrug jährlich 4000 Liter. Die Kühe des Enkels bringen es schon auf 9500 Liter.

          Eine eigene Theorie über den Milchpreis

          Großvater selig muss auch herhalten, wenn der Enkel seine schwierige Lage beschreibt: „Vor 55 Jahren gab es für den Liter Milch einen Erzeugerpreis von 50 bis 60 Pfennig, also exakt denselben Preis wie jetzt. Wenn ich jedoch einen Traktor kaufe, hat sich der Preis nahezu verzehnfacht.“ Auch bei den Strompreisen sei es selbstverständlich, dass die ständig stiegen. „Wir werden dagegen beschimpft, wenn die Milch einmal teurer wird.“ Der Landwirt, der im Vorstand des brandenburgischen Bauernverbandes sitzt, hat seine eigene Theorie über die deutschen Milch-Preise: „Die Politik“, so behauptet er, „hat ein Interesse daran, Lebensmittel-Preise möglichst niedrig zu halten. Dann bleibt mehr Kaufkraft übrig für andere Konsumgüter, wie etwa Autos oder Unterhaltungselektronik.“

          Blickt der Milch-Mann denn nun etwas optimistischer in die Zukunft? Wenn er innerlich frohlockt, dann kann er das offenbar gut verbergen. Wessels weiß zwar genau, wie sehr die Weltmarkt-Preise aller Agrar-Rohstoffe gestiegen sind, weil die Chinesen mehr und besser essen wollen und die Nachfrage nach Bio-Sprit die Notierungen an den Rohstoffbörsen zusätzlich hochtreibt. Doch bisher hält er diese Steigerungen nicht für ausreichend.

          Quoten weiterhin sinnvoll

          Wessels liefert an den Branchenriesen Müller Milch und hat einen langfristigen Kontrakt, der erst im März 2008 ausläuft. Ihm war die Abnahmegarantie wichtiger als die Preis-Flexibilität. Doch nun scheint er das zu bereuen. „Auf dem Spot-Markt für Milch würde ich jetzt schon 40 Cent bekommen“, sagt er. Das ist jener Markt, auf dem die Molkereien überschüssige Ware weiterverkaufen.

          Auch bei der Milch-Quote, die wegen einer EU-Vorschrift seine Produktion trotz der jetzigen Preissteigerung begrenzt, neigt er zur Vorsicht. Er hat zwar früher Quoten von anderen Bauern erworben, plant aber zurzeit keine Zukäufe, weil er außerhalb der Quoten-Börse dies nur durch die bürokratisch aufwendige Übernahme eines Hofes könnte. Das Quotensystem, das die EU-Staaten erst 2015 abschaffen wollen, hält er vorerst weiterhin für sinnvoll, weil dann die Preise nach unten stabil bleiben. „Ohne die Quote hätten wir bei den Milch-Preisen auch eine Art Schweinezyklus, und den möchte ich nicht haben.“

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