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Milchmarkt : Im Norden entsteht die größte Molkereigruppe

Nordmilch-Marke Milram Bild: ddp

Die beiden Milchverarbeiter Nordmilch und Humana fusionieren. Gemeinsam kontrollieren sie künftig ein Viertel des deutschen Marktes. Expandieren will der neue Konzern insbesondere in Asien und im Mittleren Osten. Als Vorbild dient auch Theo Müller.

          3 Min.

          In den zersplitterten deutschen Milchmarkt kommt Bewegung. Die beiden größten deutschen Milchverarbeiter, die Nordmilch AG aus Bremen und die Humana Milchindustrie GmbH aus Everswinkel bei Münster, schließen sich zusammen. Die Vertreterversammlungen der beiden genossenschaftlich organisierten Unternehmen haben der geplanten Fusion am Mittwoch (Humana) und Donnerstag (Nordmilch) mit jeweils großen Mehrheiten zugestimmt. Durch den vom Kartellamt bereits genehmigten Schulterschluss entsteht die mit Abstand größte Molkereigruppe Deutschlands mit einem Jahresumsatz von 4,2 bis 4,4 Milliarden Euro und rund 5500 Mitarbeitern.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Das rückwirkend zum 1. Juli 2010 entstehende Gemeinschaftsunternehmen namens DMK Deutsches Milchkontor GmbH wird rund 6,7 Milliarden Kilo Milch verarbeiten. Damit dürfte DMK gut ein Viertel des deutschen Milchmarktes auf sich vereinen, schätzt Josef Schwaiger. Der bisherige Chef der Nordmilch AG, so beschlossen es die Genossen, soll DMK von Everswinkel aus führen.

          „Der Milchmarkt ändert sich komplett“

          Nordmilch und Humana hatten schon 2004 versucht, ihre Kräfte zu bündeln. Doch die Fusion scheiterte. Nun gelang das Manöver, für das vor zwei Jahren mit Kooperationsprojekten unter anderem im Vertrieb der Grundstein gelegt wurde. „Der Milchmarkt ändert sich komplett“, sagt Schwaiger mit Blick auf die 2003 auf den Weg gebrachte Liberalisierung dieses Marktes. „Heute gibt es Weltmarktpreise und die gelten für alle. Entweder wir können damit konkurrieren oder wir können es nicht. Bis auf wenige Ausnahmen regelt sich der Markt selbst.“ Die Marktschwankungen, die sich daraus für die Milchverarbeiter ergäben, seien in einem größeren Verbund leichter abzufedern.

          Käseproduktion: Die Marktführerschaft soll ausgebaut werden

          Im Gespräch mit der F.A.Z. nennt Schwaiger ein Beispiel: Die Unruhen in Nordafrika könnten dazu führen, dass in dieser Region weniger Milchpulver abgesetzt werde. Das schlüge zurück auf den Marktpreis für Milchpulver. „In unserem neuen Verbund könnten wir darauf besser reagieren, weil wir die Milchmengen unterschiedlich verwerten und statt Milchpulver dann mehr Milchflüssigprodukte oder Käse produzieren, wenn es der Markt hergibt.“ Denn die beiden Unternehmen hätten unterschiedliche Schwerpunkte: Humana sei stark bei Milchflüssigprodukten und Quark, Nordmilch bei Käse und Industrieprodukten wie eben Milchpulver.

          Anders als zum Beispiel eine Brauerei könne eine Molkerei bei rückläufiger Nachfrage nicht einfach die Produktion drosseln. Warum, ist klar: Die Kühe müssen gemolken werden. „Die Milch kommt und wir müssen sie verarbeiten.“ Und in absehbarer Zeit wird noch mehr Milch von den Bauern kommen: 2015 fällt die von der EU verhängte Produktionsquote komplett weg. Da die Märkte in Deutschland und Europa ziemlich gesättigt sind, sucht Schwaiger sein Heil fortan verstärkt im Ausland. Dabei nimmt er vor allem Schwellenländer in Asien sowie im Nahen und Mittleren Osten ins Visier. Dort würden zunehmend Milchprodukte gekauft. Mit vereinten Kräften und mehr Kapital im Rücken könne man diese Märkte nun besser bearbeiten. Binnen drei Jahren will Schwaiger den Umsatz in Schwellenländern auf 700 bis 900 Millionen Euro verdoppeln und so die gesamte Gruppe auf Wachstum trimmen. „Wir müssen unseren Bauern die Sicherheit geben, dass ihre Milch verkauft wird.“ Die Milchbauern, 11.000 an der Zahl, sind über ihre Genossenschaftsanteile Eigentümer der Gruppe.

          Nordmilch bringt Milram in die Ehe ein

          Schwaiger orientiert sich bei dem angestrebten Wachstumskurs auch an Privatunternehmern wie Theo Müller, die Nummer 3 im deutschen Milchmarkt. Müller hat es mit dem konsequenten Aufbau von Marken geschafft, seine Position in einem stagnierenden Markt auszubauen. Die meisten Genossenschaftsbetriebe haben an der Markenfront hingegen wenig zu bieten. Nordmilch bringt immerhin Milram in die Ehe mit Humana ein. Unter dem Dach dieser Marke, die bisher vor allem durch Frühlingsquark und Fruchtbuttermilch bekannt geworden ist, sollen nun weitere Produkte eingeführt werden.

          Durch die Fusion wollen die beiden Partner auch die Kosten senken. Von 2013 an hält Schwaiger Einsparungen von 60 Millionen Euro für erreichbar – in der Milcherfassung, der Logistik, der Verwaltung sowie im Einkauf von Zusatzstoffen. Die Schließung von Milchverarbeitungs- und Käsewerken sei zumindest kurzfristig nicht geplant, wenn man von zwei kleinen Werken in Schleswig und Lage absieht, die Schwaiger zufolge sowieso hätten schließen müssen. Ein nennenswerter Personalabbau sei nicht vorgesehen. Schwaiger begründet die Zurückhaltung mit der bereits geleisteten Restrukturierungsarbeit. Nordmilch habe in den vergangenen fünf Jahren 2000 Mitarbeiter abgebaut und beschäftige noch 2500 Menschen. Humana hat 3000 Mitarbeiter.

          Das neue Gemeinschaftsunternehmen DMK, das mit rund 1 Milliarde Euro bewertet werde, könne auf Basis einer Eigenkapitalquote von 32 Prozent jährlich rund 80 Millionen Euro investieren, sagt Schwaiger. Er hätte nichts dagegen, wenn sich noch andere Genossenschaftsbetriebe dem Verbund anschließen: „Wir sind offen für weitere Milchverarbeiter.“ (Kommentar Seite 20.)

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