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Metallverhandlungen : Eine Tarifnacht wie ein Wechselbad

  • -Aktualisiert am

Die Erwartungen waren hoch gewesen Bild: ddp

Es war eine lange Nacht und ein langer Tag. 23 Stunden haben Arbeitgeber und Gewerkschaft miteinander um einen Tarifabschluss für die Metall- und Elektroindustrie gerungen. Am Ende waren sie erfolgreich: Mit einer Einigung, so heißt es, „wie immer an der Grenze, für beide Seiten“.

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          Wie wechselhaft diese Tarifnacht werden wird, ahnt wohl kaum jemand, als die Verhandlungsführer am Dienstagnachmittag die Stadthalle Sindelfingen betreten, um im vierten Anlauf einen Tarifvertrag für die Metall- und Elektroindustrie zustande zu bringen. Am Wochenende ist die Halle noch Schauplatz einer Bekleidungsmesse „für große Größen“ gewesen; nun rücken die Fotografen Plakate der Industriegewerkschaft Metall und des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall ins rechte Licht. Arbeitgeber-Chef Jan Stefan Roell tritt als erster vor die Kameras. Der Unternehmer und Oberstleutnant der Reserve spricht leise. Schwer werde es, sagt er, sie seien „sagenhaft weit auseinander“. Wie er die Chance für eine Einigung einschätzt? Weniger als 50 Prozent, sagt Roell und verschwindet im Verhandlungssaal.

          IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann spricht Sekunden später von einer fairen Beteiligung der Beschäftigten, von der großen Distanz zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern und davon, dass er „kein Wetterfrosch“ sei, er die Regenwahrscheinlichkeit vorhersage. Mehr als eine 50-Prozent-Chance gibt aber auch er einer Einigung nicht. Dann schließen sich die Türen, und es beginnt das lange Warten. Die Stunden verrinnen, hin und wieder wird die Gleichförmigkeit durch die Liveschaltung eines Fernsehteams unterbrochen. Wenn die Scheinwerfer erloschen sind, vertreiben sich die Journalisten die Zeit am Tischkicker.

          Die Kunst, zu sprechen ohne etwas zu sagen

          Die Gespräche für den Tarifbezirk Baden-Württemberg sind im Vorfeld zur Schlüsselverhandlung erklärt worden. Deshalb sind die Spitzen von Arbeitgebern und Gewerkschaft angereist. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser und IG-Metall-Chef Berthold Huber stehen in der Nähe des Verhandlungsortes bereit, was immer die Nacht auch bringt. Werden Roell und Hofmann sich einigen, hätte der mächtige Südwesten mal wieder den Pilotabschluss für die Branche gestemmt. Wenn sie scheitern, will die IG Metall streiken. Zum ersten Mal seit sechs Jahren – und obwohl jeder Tag schlechte Nachrichten aus den Unternehmen bringt.

          Nach einer langen Nacht: IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann (re.) und Südwestmetall-Chef Stefan Roell verkünden die Einigung im Tarifstreit.

          Am Abend, hinter der Glasfassade der Stadthalle ist die Dunkelheit aufgezogen, werden die Gespräche unterbrochen. Die Arbeitgeberseite habe Beratungsbedarf, heißt es. Erst Stunden später sitzen die Verhandlungspartner, sechs auf jeder Seite, wieder zusammen. Die Pressesprecher verfeinern mit jedem Auftritt die Kunst zu sprechen, aber nichts zu sagen. Immer mal wieder entsteht die Miniatur einer Massenpanik; wenn jemand den Verhandlungssaal verlässt, wenn ein Sprecher gesichtet wird oder gar einer der Protagonisten. Dann hetzen Kameramänner und Tontechniker durch die Lobby, Agenturjournalisten bekritzeln ihre Blöcke. Am späten Abend, gegen zehn Uhr, werden die Sprecher beider Seiten von einem nachrichtenhungrigen Pulk verschluckt. Es heißt es, man befinde sich „in einer sehr schwierigen Ecke“. Der Pessimismus, der in den Nachmittagsmeldungen mitschwang, wird vielen zur Beinahe-Gewissheit, dass es nichts mehr wird mit dem Abschluss.

          In der Nacht schlägt die Stimmung um

          Dann aber, in der Nacht, schlägt die Stimmung um. Aus Arbeitgeberkreisen dringt Optimismus nach draußen. Noch schläft Sindelfingen. Über der 61 000-Einwohner-Stadt leuchtet der Stern des Mercedeswerks. Es ist das größte Werk des Daimler-Konzerns, 40 000 Mitarbeiter bauen hier unter anderem die S- und die E-Klasse. Die Metaller „vom Daimler“ sind allzeit streikbereit, eine feste Bank der IG Metall. Dieses Jahr aber hat die Krise den schwäbischen Autobauer im Griff. Auch in Sindelfingen werden die Werkstore über Weihnachten länger geschlossen bleiben als geplant. Daimler wird seine Autos nicht mehr los. Die Kampftruppen müssten anderswo aufmarschieren.

          Morgens, um viertel vor sechs, zeigen die Daumen weiterhin nach oben. „70 zu 30“, heißt es – bis ein Sprecher aus dem Verhandlungsraum tritt und sagt, es sei „noch immer schwierig“. Im Vorbeigehen senkt ein Gewerkschaftsmann den Daumen. Es scheint, als habe sich der Wind gedreht. Im gläsernen Gang vor den Verhandlungsräumen sinken Köpfe auf die Tische. Die Menschen tragen die lange Nacht in ihren blassen Gesichtern. Draußen in der Kälte sagt einer in sein Handy, „...was die gemacht haben, das kannst Du Dir nicht vorstellen“.

          Um halb drei wird der Durchbruch verkündet

          Mit dem Morgenlicht kommen die ersten Mitglieder der Tarifkommission in der Stadthalle an. Bis zum Vormittag füllt sich der Saal, im Foyer schwirren Stimmen durcheinander, vereinzelt blitzen rote IG-Metall-Mützen auf, ein Gewerkschaftsschal hier, ein Acht-Prozent-Anstecker dort. Dann, endlich, wird der Durchbruch verkündet. Um halb drei am Nachmittag treten Roell und Hofmann, Kannegiesser und Huber vor die Presse. 4,2 Prozent mehr Geld für 18 Monate plus Einmalzahlungen, so lautet das Ergebnis knapp 24 Stunden nach Verhandlungsbeginn. „Wie immer an der Grenze“, sagt Roell über den Abschluss, „für beide Seiten“. Am Samstag findet in der Stadthalle das „Frühstückstreffen für Frauen“ statt. Nach der langen Nacht entbehrt das Motto aus Sicht der Tarifkämpfer nicht einer gewissen Ironie: „Gelassen sein – schön wär‘s.“

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