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Metall- und Elektroindustrie : „Massive Welle von Warnstreiks“

„Die Arbeitnehmer verlangen ihren Anteil am Aufschwung” Bild: ddp

Die IG Metall hat ihre Warnstreiks in Südwesten am Montagmorgen auch auf Nordrhein-Westfalen ausgeweitet. Zudem zeichnen sich auch in der Druckindustrie Streiks ab. Bei der Deutschen Telekom droht sogar ein flächendeckender Arbeitskampf.

          Die IG Metall hat ihre Warnstreiks am Montagmorgen auf Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg ausgeweitet. Nach Gewerkschaftsangaben beteiligten sich hunderte Beschäftigte in Daimler-Chrysler-Werken in Düsseldorf und Rastatt. In Berlin setzte die IG Metall ihre Warnstreiks fort. Im Gilette-Rasierklingenwerk in Tempelhof legten Mitarbeiter die Arbeit nieder.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Schon am Sonntag hatte es Warnstreiks bei Osram in Spandau gegeben. Im Düsseldorfer Mercedes-Transporter-Werk setzten wenigstens 600 Mitarbeiter während der Nachtschicht die Arbeit aus. Auch im Daimler-Chrysler-Werk Rastatt beteiligten sich in der Nacht mindestens 800 Werksangestellte an dem kurzzeitigen Streik, sagte ein IG-Metallsprecher.

          „Friedenspflicht“ endete am Sonntag

          Mit Transparenten, Trillerpfeifen und Fahnen verlangten sie von den Arbeitgebern ein verbessertes Angebot. In Nordrhein-Westfalen sollen die Warnstreiks am Montag ausgedehnt werden. Begonnen hatten die Warnstreiks unmittelbar nach Ende der Friedenspflicht am Sonntag um Mitternacht. Hunderte Metaller in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Bayern und Berlin verliehen ihrer Forderung nach 6,5 Prozent mehr Lohn- und Gehalt mit kurzzeitigen Arbeitsniederlegungen Nachdruck.

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          Im Tarifstreit kündigte der IG-Metall-Bezirkschef Südwest, Jörg Hoffmann, in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ für diese Woche eine „massive Welle von Warnstreiks“ an.

          Auch in der Druckindustrie zeichnen sich Warnstreiks ab; bei der Deutschen Telekom droht nach längeren Warnstreiks nun ein flächendeckender Arbeitskampf. Die Tarifkonflikte und der politische Streit um Mindestlöhne werden auch die Mai-Kundgebungen der Gewerkschaften bestimmen.

          „Über Laufzeit von unter 19 Monaten unterhalten“

          Am 3. Mai wollen die Metall-Tarifparteien in Sindelfingen noch einen Versuch unternehmen, um im Bezirk Baden-Württemberg zu einem Abschluss zu gelangen, der dann übertragen werden könnte. Sollten die Gespräche scheitern, käme es zu einer Urabstimmung über Streik. Die Arbeitgeber bieten bislang 2,5 Prozent mehr Entgelt sowie einen Konjunkturzuschlag von 0,5 Prozent, der auf ein Jahr befristet sein soll. Die Gewerkschaft beharrt auf 6,5 Prozent mehr Lohn.

          Eine Annäherung sehen Arbeitgeber und Arbeitnehmer offenbar am ehesten über die Laufzeit des Tarifvertrags für die 3,4 Millionen Beschäftigten. Hoffmann sagte: „Wir können uns über eine Laufzeit von unter 19 Monaten unterhalten.“ Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser hatte zuvor einen Vertrag mit zwei Laufzeiten vorgeschlagen, nach dem auf eine Lohnerhöhung nach zwölf Monaten eine weitere über sechs Monate folgen könnte.

          Baden-Württemberg ist mit Großunternehmen wie Porsche, Daimler-Chrysler oder Bosch seit Jahrzehnten bekannt für richtungweisende Tarifabschlüsse für die Branche.

          „Von der Konfrontation zum Dialog zurückzukehren“

          Bei der Telekom rückt unterdessen ein Streik näher. Die Große Tarifkommission der Gewerkschaft Verdi billigte im Streit um die Pläne der Telekom, 50.000 Stellen auszulagern, am Wochenende das Nein ihrer Verhandlungsführer zum letzten Angebot des Konzerns. Formell will das Gremium am Freitag über Streik entscheiden.

          Verdi-Chef Frank Bsirske forderte ein Machtwort: „Der Bund darf nicht nur die Höhe der Dividende sehen, sondern muss auch die soziale Ausgewogenheit bei der Telekom im Blick haben. Die Beschäftigten erwarten daher, dass die Bundesregierung mäßigend auf das Management einwirkt, um von der Konfrontation zu einem Dialog zurückzukehren“, sagte er der „Welt am Sonntag“. Telekom-Vorstandschef Rene Obermann kritisierte, die Gewerkschaft wolle nicht Arbeitsplätze sichern, sondern habe nur das kurzfristige Ziel, Besitzstände zu wahren.

          In Druckindustrie ist eine Urabstimmung nicht nötig

          Auch in Druckbetrieben und Zeitungsverlagen ist von dieser Woche an mit Warnstreiks zu rechnen. Die Tarifverhandlungen für die rund 180.000 Beschäftigten der Druckindustrie waren vorige Woche ohne Annäherung vertagt worden. Die Friedenspflicht läuft am Dienstag aus; die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bereitet Warnstreiks vor. „Hätten die Arbeitgeber ihr Angebot nachgebessert, wären Warnstreiks vermutlich weniger wahrscheinlich“, sagte der stellvertretende Verdi-Vorsitzende Frank Werneke dieser Zeitung in Berlin.

          „Da das nicht passiert ist, behalten wir uns vor, unseren Forderungen mit Warnstreiks Nachdruck zu verleihen.“ Die Streikleitung werde noch vor dem 1. Mai darüber entscheiden. In der Druckindustrie ist weder vor Warnstreiks noch vor Streiks eine Urabstimmung notwendig. Die nächste Druck-Verhandlung soll am 15. Mai stattfinden. Ein rascher Abschluss erscheint aber eher unwahrscheinlich. Die Positionen liegen weit auseinander: Verdi fordert 6,5 Prozent mehr Lohn; der Bundesverband Druck und Medien hat 1,8 Prozent zum April 2007 und 2 Prozent zum April 2008 sowie zwei Einmalzahlungen in Aussicht gestellt.

          „Wir werden die Offerte nicht aufstocken“

          „Dieses Angebot der Arbeitgeber liegt erkennbar außerhalb eines Rahmens, in dem ein Abschluss möglich ist“, sagte Werneke. „Deshalb sehen wir keinen Anlass, von unserer Forderung abzurücken.“ Arbeitgeber-Verhandlungsführer Wolfgang Pütz hatte nach der Runde am Mittwoch gesagt: „Wir werden die Offerte in der ganzen Zeit nicht aufstocken.“ Beide Seiten rechnen daher mit längeren Verhandlungen. Verdi begründet die Forderung mit einem Nachholbedarf. Werneke sagte, 2005 und 2006 habe es anders als bei Metall oder Chemie keine Reallohnerhöhungen gegeben. Druckindustrie und Zeitungsverlage hätten zuletzt starke Produktivitätsfortschritte verzeichnet.

          Eine Aufspaltung der Tarife in lineare Lohnerhöhungen und Einmalzahlungen, die in Härtefällen abbedungen werden könnten, lehnt Verdi ab. Solche Regelungen sind kürzlich in der Chemie- und Baubranche vereinbart worden. Dazu sagte Werneke, der Manteltarifvertrag biete für Betriebe in Schwierigkeiten schon Instrumente. So sei eine Reduzierung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich ebenso möglich wie eine Verzögerung oder Kürzung der Jahressonderzahlung. „Das bietet den Arbeitgebern ausreichend Möglichkeiten zur Flexibilisierung. Mehr brauchen wir nicht.“

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