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Messen : Die Cebit steckt in einer tiefen Krise

  • Aktualisiert am

Vom Flaggschiff zum Problemkind Bild: dpa

Große Aussteller wie Nokia, Motorola und Lenovo kehren der Computermesse den Rücken. Die Besucherzahlen des einstigen Flagschiffs des deutschen Ausstellungswesens gehen zurück. Die Messegesellschaft plant einen radikalen Kurswechsel.

          Die Computermesse Cebit, einst ein Flaggschiff des deutschen Ausstellungswesens, steckt tief in der Krise. Viele Aussteller kehren der Veranstaltung den Rücken und die Besucherzahlen gehen seit Jahren zurück. Damit läuft eine der Leitmessen, die die deutsche Ausstellungsbranche vorzuweisen hat, Gefahr, ihre internationale Bedeutung zu verlieren. Entsprechend alarmiert ist die Branche. Die Deutsche Messe AG hingegen, als Ausrichter der Veranstaltung, sorgt sich um den Umsatz und fürchtet, dass sie für das Jahr 2007 auf Grund des schwindenden Cebit-Umsatzes statt eines erwarteten Gewinns einen Verlust ausweisen muss.

          Die Cebit steht unter wachsendem Wettbewerbsdruck. Auf der einen Seite macht ihr die Internationale Funkausstellung in Berlin, die seit 2006 auf einen Jahresturnus umgestellt hat, die zahlungskräftigen Aussteller der Unterhaltungselektronik streitig. Auf der anderen Seite entwickeln sich die Computermesse CES, die in der kommenden Woche in Las Vegas startet, und die Mobilfunkausstellung 3GSM im Februar in Barcelona zu Innovationsschaufenstern, die für die Cebit kaum noch Neuheiten in den jeweiligen Segmenten übrig lassen.

          Krise, welche Krise?

          Der Messevorstand selber will den Begriff der Krise für die Cebit allerdings nicht gelten lassen. Ernst Raue, der im Vorstand der Deutschen Messe AG für die Cebit zuständig ist, sagt: "Es stimmt nicht, dass sich die Cebit in einer Krise befindet. Eine Messe ist wie eine Zeitung. Die muss auch jeden Tag neu erarbeitet werden." Er sieht aber auch, dass sich die Cebit an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen muss. Daher arbeite die Messe gemeinsam mit dem Ausstellerausschuss an einem neuen Konzept, das im Jahr 2008 voll greifen soll.

          Kern dieser neuen Struktur soll die Steigerung der Effizienz sowohl für die Aussteller als auch für die Besucher sein. "Die Messe schrumpft sich gesund und kommt auf ein Maß, das effizienter ist als heute", sagte Raue gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Schon im Jahr 2007 wird die Cebit nach seinen Angaben rund 15 Prozent weniger Standfläche vermieten als im Vorjahr. Dies ist auf der einen Seite darauf zurückzuführen, dass einige große Aussteller abgesagt haben.

          Profil der Messe schärfen

          Raue rechnet aber auch damit, dass die Aussteller generell mit kleineren Ständen auskommen werden, als dies zu Zeiten eines Stroms von mehr als 800 000 Besuchern notwendig war. "Die Cebit muss kostengünstiger werden", erklärt er. Um die Kosten für die Aussteller zu senken, werde daher auch darüber nachgedacht, die Messe zu verkürzen. "Das ist zwar hart für die Messegesellschaft, die zu einem großen Anteil von der Cebit gelebt hat", gibt Raue zu, lässt aber keine Zweifel daran, dass er diesen Prozess für unausweichlich hält. Auch soll das Profil der Veranstaltung wieder geschärft werden.

          Damit greift die Cebit-Leitung den zentralen Vorwurf vieler Aussteller auf, die beklagen, die Messe habe keinen klaren Fokus. Unterschiedliche Erwartungshaltungen der Ausstellergruppen führten zu nicht mehr überbrückbaren Gegensätzen, heißt es immer wieder. So ist vielen Software- oder Computerherstellern zum Beispiel die immer stärker vertretene Unterhaltungselektronik ein Dorn im Auge.

          Zu Hochzeiten unüberschaubare Angelegenheit

          "Diese Aussteller haben da eigentlich nichts zu suchen, da sie sich zu stark an den Endkunden wenden", erklärt Thomas Mickeleit, der Sprecher des Softwarekonzern Microsoft in Deutschland. "Diese Stände ziehen den Endverbraucher an, der für die meisten Aussteller nicht im Fokus des Interesses steht", sagt er. Auch daran kranke das Cebit-Konzept. So überprüfe auch Microsoft seinen Messeauftritt in Hannover jedes Jahr aufs Neue. Für 2007 ist der Softwaregigant dabei - wenn auch mit einem kleineren Stand als im Vorjahr.

          Auch nach Ansicht von Microsoft bedeutet dies, dass sich die Veranstaltung auf eine noch handhabbarere Größe gesundschrumpfen muss. "In der Hochzeit der Cebit mit mehr als 400 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche war die Messe eine unüberschaubare Angelegenheit. Sie erfüllte ihren Zweck, einen Überblick zu verschaffen, nicht mehr", sagt Mickeleit. Ähnliche Vorwürfe erheben auch andere Aussteller und fordern von der Messe Hannover ein klares Konzept und eine neue strategische Ausrichtung der Cebit.

          Hotel-Preise sollen zurückgehen

          Das scheint bitter nötig. Schon in diesem Jahr werden viele einst mit großen Ständen auf der Ausstellung vertretene Unternehmen nicht mehr nach Hannover gehen. Dazu gehören unter anderem die Handyhersteller Nokia und Motorola. Aber auch LG Electronics oder der chinesische Hersteller Lenovo werden nicht mehr anreisen.

          Auch beim japanischen Elektrokonzern Panasonic wird gefordert, die Messe wieder auf die Informationstechnik zu konzentrieren. "Es wird im Moment versucht, die ,eierlegende Wollmilchsau' zu schaffen. Das funktioniert aber nicht", erklärt Panasonic-Sprecher Peter Weber. Auch das japanische Unternehmen denkt daher über eine Verkleinerung des Messeauftritts nach. Bisher betreibt der Konzern einen der fest installierten Großstände auf der Messe. Den Angaben von Weber ist aber zu entnehmen, dass die interne Nachfrage nach Ausstellungsfläche aus den einzelnen Panasonic-Divisionen zurückgeht. Daher ist fraglich, in welcher Form sich der Konzern im Jahr 2008 an der Ausstellung beteiligen wird. "Darüber ist noch nicht entschieden", sagt Weber.

          An einem anderen Punkt kommen die Veranstalter aber offenbar voran. Immer wieder wurde der Vorwurf erhoben, die Hotels in Hannover würden astronomische Preise für die Übernachtungen der Messegäste berechnen. "Wir sind in Gesprächen mit dem entsprechenden Verband und haben klare Signale, dass sich die Preise bewegen werden", sagt Raue und fügt hinzu: "Das war bei den Unternehmen ein Riesenthema. Auch das sei ein Aspekt der zur Kostenreduktion und damit zu Steigerung der Effizienz der Cebit beitragen soll.

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