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Ungewöhnliche Textilproduktion : Opas letztes Hemd

  • -Aktualisiert am

Genug Stoff für mehr als eine Firmengeschichte: Historische Maschinen von Merz b. Schwanen Bild: Merz b. Schwanen

Merz b. Schwanen fertigt auf der Schwäbischen Alb mit historischen Strick- und Wirkmaschinen angesagte Arbeiterhemden für Großstädter – und lässt eine alte Tradition wiederaufleben.

          4 Min.

          Manchmal bestimmen Zufälle über ein neues Unternehmen. So erzählt Rudolf Loder aus Albstadt, einem Städtchen auf der Schwäbischen Alb, vom Jahr 2011, das ihn und Peter Plotnicki aus Berlin zusammenführte. Loder, ehemals Metzger von Beruf, ist Inhaber von Gota-Wäsche. Weil sein Herz für uralte Strick- und Wirkmaschinen und hochwertige Stoffe aus Lagerräumungen von Textilunternehmen schlägt, wurde er 2010 von dem ursprünglichen Unternehmen Balthasar Merz b. Schwanen angefragt, ob er Strickmaschinen kaufen wolle.

          Das 1911 von der Familie Merz gegründete Unternehmen musste, wie viele andere Strickereien in seiner Region, 2008 mangels Aufträgen die Produktion aufgeben und schließen. Dort entdeckt Loder nicht nur die vielen historischen Rundwirkmaschinen, sondern auch 40 Tonnen alte Arbeiterhemden mit stoffüberzogenen Wäscheknöpfen. Von diesen erzählt er einem Freund, der in Berlin ein Reisebüro leitet, hobbymäßig jedoch Kleidungsstücke auf dem Mauerparkflohmarkt verkauft. Der ist begeistert und transportiert die Altkleidung in vielen Lkw-Fuhren nach Berlin.

          Mit der Hilfe eines Flohmarkthändlers

          Rudolf Loder selbst konnte mit diesen Hemden nichts anfangen, da sie in seiner Region aus der Mode gekommen waren und ihr Anblick nichts Besonderes war. Ganz anderer Meinung war jedoch Plotnicki, Schneider und Modedesigner von Beruf, der mit Begeisterung über Flohmärkte geht, um sich inspirieren zu lassen. Beim Stöbern wurde er auf die alten, verwaschenen, naturfarbenen Knopfleistenhemden ohne Seitennähte aus Baumwolle aufmerksam und machte damit, wie er schwärmt, „die Entdeckung seines Lebens“.

          Vor allem fiel ihm das feingewebte Etikett mit der Abbildung des Schwans auf. Auch seine Frau Gitta Plotnicki war von dem textilen Fundstück überwältigt, und beide waren der Meinung, dass man genau mit solchen Hemden im Stil der 1920er Jahre in Berlin und anderen Metropolen auf große Resonanz stoßen würde.

          Unbedingt wollten die bis dahin freiberuflichen Designer die Herkunft der Hemden ergründen. Der hilfsbereite Flohmarkthändler, Loders Freund, stellte die Verbindung zwischen Berlin und der Schwäbischen Alb her. Die Idee des Ehepaares, Hemden im traditionellen Stil auf althergebrachte Weise zu produzieren und damit seine mechanischen Rundwirkmaschinen wiederaufleben zu lassen, war Loders großer Traum. Auch die ursprünglichen Unternehmensinhaber waren von der Idee so berührt, dass sie den Berlinern ihren Markennamen Merz b. Schwanen zur Verfügung stellten.

          Zunächst mussten jedoch viele Hürden genommen werden. Man musste jemanden finden, der die museumsreifen Maschinen bedienen und warten konnte – und fand Bernhard Bosch, der für die Tüftelarbeit aus dem Ruhestand geholt wurde. Schwierig war auch, die für die damalige Zeit typischen Decknähte zu rekonstruieren, denn moderne Nähmaschinen sind darauf nicht programmiert. Auch die Art zu nähen erforderte viel Können und einen langen Atem. „Das, was meine Musternäherinnen leisten, ist Nähkunst und nicht nur Nähen“, sagt Loder.

          Den Schnitt auf heute anpassen

          2011, 100 Jahre nach der Gründung von Merz b. Schwanen, wurde die erste Kollektion mit Erfolg auf der internationalen Textilmesse „Bread & Butter“ in Berlin vorgestellt. Der Schnitt wurde so angepasst, dass er der heutigen Zeit entspricht. „War Kleidung vor 100 Jahren noch pragmatisch und zweckmäßig, stehen heute Ästhetik und Komfort mehr im Vordergrund“, erklären Gitta und Peter Plotnicki. „Gitta ist die kreative Direktorin und bringt die Kollektion zu Papier und organisiert das Gesamtkonzept der Kollektion, während ich mich viel um die Bemusterung und die Produktionsentwicklung kümmere“, sagt Peter Plotnicki.

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