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Merck : Das Übernahme-Trio

Michael Römer ist bei den Merck-Mitarbeitern beliebt Bild: AP

Jon Baumhauer ist das unbekannte Gesicht der Familie Merck. Wilhelm Simson und Michael Römer stehen ihm beim ältesten pharmazeutischen Unternehmen der Welt, der Darmstädter Merck KGaA, zur Seite.

          3 Min.

          Am 13. März 2006 hat das älteste pharmazeutische Unternehmen der Welt, die Darmstädter Merck KGaA, vielleicht keine völlig neue Kultur, aber doch ein neues Gesicht bekommen. Bis dahin galt der Familienkonzern als erfolgreich, mindestens unter den Analysten von Banken aber auch als verschlafen. Sie empfahlen die Aktie selbst dann immer wieder gern zum Verkauf, als ihr Kurs wegen des Erfolgs von Merck bei den Flüssigkristallen für Flachbildschirme stieg und stieg. Der ganz große Wurf am Kapitalmarkt wurde Merck jedenfalls nicht zugetraut.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Das sollte sich an jenem Montag ändern. Auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in Darmstadt nahmen neben dem Vorsitzenden der Geschäftsleitung Michael Römer, der erst im November des Vorjahres überraschend die Nachfolge seines gleichsam über Nacht ausgeschiedenen Vorgängers Bernhard Scheuble angetreten hatte, Wilhelm Simson und Jon Baumhauer Platz. Die drei verkündeten das Vorhaben der Übernahme des Berliner Konkurrenten Schering AG für 14,6 Milliarden Euro in bar. Das war ein Donnerschlag. Er sollte die Wahrnehmung von Merck in der Öffentlichkeit völlig verändern.

          Unerwiderte Liebe

          Lange hatte die Familie Merck mit Baumhauer an der Spitze an dem Geschäft gearbeitet. Es schien alles zu passen, die Produkte ergänzten sich gut, ebenso die Vertriebsnetze, für Merck wäre es ein Sprung nach vorn gewesen. Je länger man das Projekt des möglichen Kaufs des Rivalen Schering von allen Seiten betrachtete, desto attraktiver wurde das Objekt der Begierde.

          Doch die Liebe, die bei Merck und seinen Familiengesellschaftern gegenüber den Berlinern entflammt war, wurde dort nicht erwidert. Der Leverkusener Wettbewerber Bayer stach Merck im Rennen um Schering aus. Nicht erwiderte Liebe kann jedoch zu heftigen Reaktionen führen - und besonders zu erhöhter Wachsamkeit gegenüber dem Rivalen. Und die legte der 1944 in Freiburg geborene Baumhauer, der einst als Klinischer Psychologe an der Universität München und später als Psychotherapeut in einer freien Praxis tätig war, an den Tag.

          Merck prescht überraschend vor

          Verwundert stellte der vierfache Familienvater Baumhauer mit seiner Mannschaft bei Merck fest, daß Bayer und seine beratenden Investmentbanken allein auf die Kraft des Übernahmeangebotes vertrauten und abwarteten, daß die Schering-Aktionäre ihre Papiere Bayer im Rahmen der gesetzten Fristen andienen. Dies geschah aber nicht.

          Bayer verlängerte das Angebot um zwei Wochen - und Merck begann seinerseits, Schering-Aktien zuzukaufen. Damit hatte Baumhauer, der seit 2002 Vorsitzender des Vorstands der E. Merck OHG (dem Komplementär der KGaA) ist, überraschend leichtes Spiel. Bayer gab seine Zurückhaltung viel zu spät auf. Gleichgültig, wie das Rennen am Ende ausgeht, befindet sich Merck dank dieser abermals aggressiven Vorgehensweise plötzlich in einer hervorragenden Ausgangsposition, um Bayer erhebliche Zugeständnisse bis zur Übergabe von Teilen Scherings abtrotzen zu können.

          Neue Chance winkt

          Die handelnden Personen bei Merck werden ihr Glück kaum fassen können, daß Bayer ihnen noch einmal eine solche Chance eröffnet hat. Mit wem muß der Bayer-Vorstandsvorsitzende Werner Wenning aber nun ins Gespräch kommen, um die Kuh der Schering-Übernahme vom Eis zu bringen? Denn schon das Bild auf der Übernahme-Pressekonferenz im März hat gezeigt, daß hier wohl eher nicht allein zwischen Vorstandschef und Vorstandschef zu reden sein wird, sondern wahrscheinlich in irgendeiner Form mit jenen drei Herren gemeinsam, die dort auf dem Podium nebeneinander saßen.

          Dem bei den Merck-Mitarbeitern sehr beliebten 59 Jahre alten Römer blieb auf seinem Platz zwischen Simson und Baumhauer jedenfalls schon damals nicht sehr viel mehr, als sich als souveräne Übergangslösung zu präsentieren. Mit dem früheren Lufthansa-Finanzvorstand Karl-Ludwig Kley, der nach dem Wechsel zu Merck im September zunächst Römers Stellvertreter werden wird, steht sein potentieller Nachfolger schon bereit. Gleichwohl, noch ist Römer der Chef - und besonders in das Innere des Unternehmens hinein ist seine Wirkung nicht zu unterschätzen.

          Der unaufgeregt, freundlich, geradezu gelassen auftretende Simson wiederum hat erhebliche Erfahrungen, wenn es darum geht, Unternehmen ein neues Gesicht zu geben. Er hat die Mischkonzerne Veba und Viag zu Eon zusammengeführt, in seinem Leben manches Unternehmen gekauft und verkauft, fusioniert und Verbünde gelöst. Er war im April 2005 in den Aufsichtsrat der Merck KGaA gewählt und später zum Vorsitzenden des Gremiums berufen worden.

          Spätestens am Tag der Verkündung des Schering Übernahmeplans kannte die Öffentlichkeit den tieferen Sinn dieser Berufung. Auf die Expertise von Simson wollte man damals jedenfalls unbedingt zurückgreifen, deshalb wird er wohl auch jetzt seine Rolle spielen. Er ist der Mann, der mit der Erfahrung seiner 67 Lebensjahre und seinen Verbindungen in die Welt des Corporate Germany auch in den wohl zwangsläufig bevorstehenden Gesprächen mit Bayer eine wichtige Moderatorenrolle einnehmen könnte.

          Baumhauer wiederum fühlte sich schon im März auf dem Podium nicht ganz so wohl, tritt die Familie Merck doch selten in die Öffentlichkeit. Dieses eine Mal war es aber unvermeidlich. Nicht zuletzt seine Entscheidung und die der anderen Familienmitglieder, Merck so aggressiv am Kapitalmarkt auftreten zu lassen wie zuvor kein anderes deutsches Unternehmen, wird ihn in den kommenden Tagen noch bekannter machen. Er wird die Nachteile gewiß abgewogen haben.

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