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Überraschende Partnerschaft : Mercedes kooperiert mit Rivian

Neuer Mercedes-Partner: Im Werk des Start-ups Rivian im US-Bundesstaat Illinois werden Elektro-Transporter unter anderem für Amazon gebaut. Bild: Picture Alliance

Der Traditionskonzern mit dem Elektroauto-Start-up: Die beiden sehr ungleichen Unternehmen gehen für ihre Transporter eine strategische Partnerschaft ein.

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          Es ist eine spektakuläre Kooperation zwischen zwei sehr verschiedenen Partnern: Der alteinge­sessene Mercedes-Benz-Konzern aus Stuttgart, der wie die meisten Hersteller stark auf die Elektromobilität setzt, geht eine strategische Partnerschaft mit dem amerikanischen Elektroauto-Start-up Rivian ein. Das teilten die Unternehmen am Donnerstag mit. Konkret soll es um die ge­meinsame Herstellung von großen Elektro-Lieferwagen gehen, wie Mathias Geisen in einer Videokonferenz mit Journalisten sagte. Geisen leitet seit Anfang des Jahres die Van-Sparte von Mercedes-Benz, in der der Konzern das Geschäft mit Lieferwagen wie dem Mercedes-Sprinter und mit Reisemobilen gebündelt hat.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.
          Gustav Theile
          Wirtschaftskorrespondent in Stuttgart.

          Die beiden Partner wollen ein neues Fahrzeugwerk für große Vans errichten, in dem sowohl Mercedes- als auch Rivian-Fahrzeuge vom Band laufen. Aus Kostengründen seien dafür diverse bestehende Mercedes-Standorte in Mittel- und Osteuropa im Gespräch, sagte Geisen. Die beiden deutschen Transporter-Werke in Düsseldorf und Ludwigsfelde zählen jedoch nicht dazu. An denen halte man dennoch fest und plane dort keinen Personalabbau.

          Die Verhandlungen mit den möglichen Standorten für das neue Werk liefen, sagte Geisen. Welche Orte das seien, verriet der Manager nicht. Auch über die Investitionssumme sei mit Rivian Stillschweigen vereinbart worden. Die Umrüstung des Werkes in Düsseldorf, das künftig auch elek­trische Mercedes-Modelle produzieren soll, koste etwa 400 Millionen Euro. Daraus könne man die Investitionssumme ableiten. Ebenso ist noch offen, wann die ge­meinsam produzierten Autos auf den Straßen fahren. Produktionsstart für die neue Elektro-Van-Plattform von Mercedes soll im Jahr 2025 sein. In den Folgejahren soll dann auch die gemeinsame Produktion mit Rivian starten.

          Van-Sparte soll profitabler werden

          Die Van-Sparte stand im ersten Halbjahr mit einem Umsatz von 7,8 Milliarden Euro für gut ein Zehntel des gesamten Mercedes-Konzerns, ist allerdings mit einer be­reinigten Umsatzrendite von 11 Prozent deutlich weniger profitabel als die Autosparte. Mercedes-Vorstandschef Ola Källenius trimmt das Unternehmen sehr viel stärker auf Marge als sein Vorgänger Dieter Zetsche, der eher auf Masse setzte, also mehr Fahrzeuge verkaufen wollte.

          Die Kooperation mit Rivian soll nun dazu beitragen, die Sparte profitabler zu machen. Geisen nannte als Beispiel eine La­ckieranlage, die für etwa 8 Meter lange Fahrzeuge besonders teuer sei. Zudem soll die gemeinsame Nutzung des Werks die Flexibilität erhöhen. „Wir wissen noch nicht, wann sich die Kunden für elektrische Transporter entscheiden“, sagte Geisen. Im Gegensatz zu Privatautos geht es bei ge­werblich genutzten Fahrzeugen für die Kun­den fast ausschließlich darum, wie teuer Elektro-Lieferwagen in der Gesamtnutzung im Vergleich zu Fahrzeugen mit Verbrennermotor sind.

          Außer über eine Ko­operation in der Produktion denken die Unternehmen auch in weiteren Feldern über eine Zusammenarbeit nach, sagte Geisen. Dazu zählen laut einem Konzernsprecher die Verwendung gemeinsamer Komponenten und „Synergien beim Einkauf“. Mercedes habe in der Produktion und der Industrialisierung viel Erfahrung, sagte Geisen. Rivian sei dagegen technologisch sehr stark, sagte Geisen auf die Frage, ob Rivian etwas könne, was Mercedes nicht kann.

          Lieferengpässe behindern Produktion

          Rivian gehört zu einer Gruppe junger amerikanischer Hersteller von Elektroautos, die im Windschatten von Tesla herangewachsen sind. Das Unternehmen wurde 2009 von RJ Scaringe gegründet, der zunächst vorhatte, Sportautos zu bauen, sich dann aber auf Pick-up-Transporter, sportliche Geländewagen (SUV) so­wie Lieferwagen für den kommerziellen Einsatz konzentrierte. Es war aber ein langer Weg, seine ersten Autos hat Rivian erst Ende vergangenen Jahres ausgeliefert. Bislang hat das Unternehmen nur eine Fabrik im amerikanischen Bundesstaat Illinois, eine weitere ist im Bundesstaat Georgia geplant. Eigentlich wollte Rivian in diesem Jahr 50.000 Fahrzeuge ausliefern, aber das Ziel ist wegen Engpässen in der Lieferkette auf 25.000 reduziert worden.

          Eine der größten Herausforderungen ist, die Produktion möglichst schnell hochzufahren. Nach jüngsten Angaben hat Rivian 98.000 Vorbestellungen für seine Pick-ups und SUVs. Für Lieferwagen ist der Onlinehändler Amazon der mit Abstand wichtigste Kunde, er hat insgesamt 100.000 Ex­emplare bestellt, die ersten wurden vor we­nigen Monaten ausgeliefert. Amazon ist auch ein Großaktionär von Rivian, ebenso der Autohersteller Ford.

          Bisher ist Rivian hochdefizitär. Für das zweite Quartal dieses Jahres wies das Un­ternehmen einen Nettoverlust von 1,7 Milliarden Dollar aus. Wegen stark steigender Kosten hat es außerdem kürzlich einen deutlich höheren Verlust im Ge­samtjahr vorhergesagt. Das Unternehmen ist im vergangenen November an die Börse gegangen, hatte dort aber zuletzt ebenso wie manche andere Hersteller von Elektroau­tos einen schweren Stand.

          Seit Jahresanfang ist der Aktienkurs um fast zwei Drittel gefallen. Die Kooperation mit Mercedes wurde am Donnerstag allerdings sehr positiv aufgenommen, der Kurs stieg um mehr als 9 Prozent auf 36,40 Dollar. Er ist aber noch weit vom Ausgabepreis von 78 Dollar zum Börsengang entfernt. Die Kursrückschläge in diesem Jahr haben dafür gesorgt, dass Amazon und Ford erheblich Wertkorrekturen für ihre Beteiligungen vornehmen mussten. Die Mercedes-Aktie gehörte mit einem Minus von zeitweise mehr als 3 Prozent dagegen zu den Verlierern im Dax.

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