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Mehr Geld für Contergan-Geschädigte : Der Brückenbauer

  • -Aktualisiert am

Sebastian Wirtz, der einzige Vertreter der Eignerfamilie in der Grünenthal-Geschäftsführung Bild: Edgar Schoepal

Er habe lange gebraucht, mit den Opfern in Kontakt zu kommen, erzählt Sebastian Wirtz. Der geschäftsführende Gesellschafter des Contergan-Herstellers Grünenthal, hat Schweigen und Hass überwunden. Der Vater zweier Kinder setzt auf neue Offenheit: das Porträt.

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          In dem Jahr, in dem er zur Welt kam, ging der Contergan-Prozess gerade zu Ende. Seinen Großvater, den Gründer des Aachener Pharmaunternehmens Grünenthal, hat er als kleiner Junge nur noch kurz kennenlernen können. Er hat ihn als einen kranken Mann in Erinnerung. Die Tragödie um die Folgen des von seinem Unternehmen entwickelten Schlafmittels habe sein Opa physisch nicht verkraften können. Er sei dann an einem Magendurchbruch gestorben.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Das erzählt der heute 38 Jahre alte Sebastian Wirtz mit leiser, ruhiger Stimme. Seine Worte wählt er mit Bedacht. Es ist deutlich zu spüren, wie lange er sich mit dem Thema in seinem Leben schon beschäftigt hat. „Diese Tragödie begleitet uns seit über 45 Jahren, und sie wird uns auch zukünftig begleiten“, heißt es in dem Vorwort, das der junge geschäftsführende Gesellschafter vor zwei Jahren in der Firmenbroschüre zum sechzigjährigen Bestehen des Unternehmens geschrieben hat. Überschrieben ist diese Chronik mit dem Titel „Unser Weg“. Und als Wirtz im Jahr 2005 in die Geschäftsführung eintrat, war für ihn wichtig, nicht nur den besonderen Weg eines Familienunternehmens zu verfolgen, sondern daneben seinen eigenen, ganz persönlichen Weg zu finden.

          Seine „Herzensangelegenheit“

          Dazu gehörte als seine „Herzensangelegenheit“ die Aufarbeitung des Themas Contergan. Wirtz hilft, dass er als Vertreter der dritten Generation lange nach der Marktrücknahme des Medikamentes geboren wurde. Deshalb kann er nun unbelasteter, offener und sensibler mit dem Thema umgehen als sein Vater, sein Onkel und sein Großvater. Wirtz ist klar: Wenn er Grünenthal als Pharmaspezialisten mit den Schwerpunkten Schmerztherapie und Verhütung positionieren und auf neue Wachstumsschritte vorbereiten will, muss zuvor ein für alle Seiten befriedigender und konstruktiver Dialog geführt werden.

          Der studierte Bauingenieur hat nach seinem Examen an der Fachhochschule Aachen als eine erste berufliche Aufgabe die Leitung für den Bau der neuen Rheinbrücke an der Rheinquerung Ilverich in der Nähe des Düsseldorfer Flughafens übernommen. Das Bild des Brückenbauens bemüht er auch jetzt: „Zwischen den Betroffenen und uns lag zunächst ein breiter Strom, den es von beiden Seiten aus zu überwinden galt.“ Er habe lange gebraucht, mit den Contergan-Opfern in Kontakt zu kommen. Anfangs habe verständlicherweise eisiges Schweigen geherrscht, auch Hassgefühle seien ihm entgegengebracht worden, sagt er ohne Groll. Die ersten Gespräche mit Vertretern des Bundesverbandes der Contergangeschädigten, die ihm unter die Haut gegangenen sind, fanden in vergangenen Dezember statt. Was kaum zu glauben ist: Bis dahin hatte Wirtz noch nie persönlichen Kontakt mit Contergan-Geschädigten gehabt. Selten beschreibt das Bild von der „Mauer des Schweigens“, die zwischen Familie und Geschädigten durchbrochen werden musste, eine Situation so genau. Wirtz, der in seinem Umfeld als guter und einfühlsamer Zuhörer beschrieben wird, ließ sich Lebenssituation und die Schwierigkeiten, den Alltag zu bewältigen, schildern. Auch mit anderen Contergangeschädigten hat er sich getroffen, einen Briefwechsel unterhalten, Pläne vorgestellt und wieder verworfen – um schließlich zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen.

          Eine gute Konstruktion

          Nach Abschluss der bewusst unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführten Gespräche mit der Bundesregierung und dem Verband wirkt Wirtz erleichtert. Die Brücke sei zwar noch immer nicht ganz fertig, aber man habe eine gute Konstruktion gefunden. Nun wird sich zeigen, wie diejenigen Verbände Contergan-Geschädigter reagieren, die an den Gesprächen nicht beteiligt waren (dazu aktuell: Überwiegend Lob für Contergan-Zahlung). Innerhalb der Geschäftsführung ist der begeisterte Reiter der einzige Vertreter der Eignerfamilie. In dem Gremium ist er zuständig für Personal, Produktion, Technik und Logistik. Neben seinen drei Geschwistern und seinem Vater gehören noch 15 weitere Nachkommen des Gründers zum Gesellschafterkreis. Familie ist ihm wichtig, er hat zwei kleine Kinder, das dritte ist unterwegs. Nach seinen Vorstellungen soll Grünenthal weiterhin Familienunternehmen bleiben. Wie hart er in den eigenen Reihen um die jetzige 50-Millionen-Offerte kämpfen musste, steht dahin. Am Ende aber hat er alle seine Mitgesellschafter auf seinen Weg mitnehmen können.

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