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Medikamentenfälschung : Falschspiel mit Pillen

Tütensuppen, Kondome und Billig-Viagra gibt es in diesem chinesischen Automaten Bild: AP

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, daß gefälschte Medikamente schon mehr als zehn Prozent des globalen Pharmahandels ausmachen, in Entwicklungsländern sogar bis zu 50 Prozent. Viagra wird unter den Lifestyle-Medikamenten am häufigsten kopiert.

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          Rollo Martins fand das Verbrechen so abscheulich, daß er seinen Freund erschoß. Im Wien der Nachkriegszeit hatte der Westernautor gesehen, was die Behandlung mit gestrecktem Penicillin, das sein Freund Harry Lime illegal vertrieb, bewirken kann: In den Spitälern starben die Menschen an leichten Erkältungen, und Kinder kamen mit Mißbildungen auf die Welt.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seitdem Graham Greene 1950 seinen Roman „Der dritte Mann“ schrieb, haben sich die Schauplätze zwar verändert, die Folgen der Arzneimittelfälschung sind jedoch die gleichen geblieben. 2500 Menschen starben 1995 bei einer Meningitis-Epidemie in Niger, weil ihnen ein gefälschter Impfschutz gespritzt worden war.

          Im selben Jahr starben in Haiti 89 Kinder, die mit Hustensirup behandelt worden waren, den Arzneimittelfälscher mit Frostschutzmittel versetzt hatten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, daß gefälschte Medikamente schon mehr als zehn Prozent des globalen Pharmahandels ausmachen, in Entwicklungsländern sogar bis zu 50 Prozent.

          Lifestyle-Arznei Viagra im Sonderangebot in Brasilien

          Malaria-Tote vermeidbar

          Besonders stark betroffen sind die Länder Schwarzafrikas und Südostasiens. Von einer Million Malaria-Toten im Jahr seien 200 000 vermeidbar, wenn die Kranken mit Medikamenten von guter Qualität behandelt würden, und in Nigeria sollen überhaupt nur zehn bis 20 Prozent der Medikamente Originalpräparate sein, heißt es bei der WHO.

          „In Entwicklungsländern werden auch heute noch vor allem alte Arzneistoffe wie Antibiotika, schmerz- und empfindungshemmende Stoffe gefälscht“, sagt Harald Schweim, Professor für Drug Regulatory Affairs an der Universität Bonn und Spezialist für das Thema Medikamentfälschung.

          Tabletten in sowjetischen Industrieanlagen hergestellt

          Nach den Angaben des Aktionskreises Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie sind die Umsatzeinbußen durch Plagiate bei Medikamenten am größten: Mit 17 Milliarden Dollar Umsatz liegen sie noch vor Software und Markenkleidung. Die amerikanische Zulassungsbehörde, die Gesundheitsbehörde FDA, geht sogar davon aus, daß mit gefälschten Medikamenten sogar 35 Milliarden Dollar umgesetzt werden.

          „Das sind Größenordnungen, bei denen die Leute schon einmal das Risiko eingehen, erwischt zu werden“, sagt Schweim. Da die Strafverfolgung in vielen Ländern jedoch nicht sehr effektiv ist und die Produktionskosten niedrig sind, nehmen Fälschung und Vertrieb der Plagiate rasant zu. Die Tabletten können auf ausrangierten sowjetischen Industrieanlagen ebenso hergestellt werden wie in lateinamerikanischen Hinterhöfen. Der Medikamenten-Mafia auf die Spur zu kommen fällt dabei oft sehr schwer, denn gerade in Entwicklungsländern werden die Opfer meist gar nicht erkannt.

          Lifestyle-Drugs

          Aber nicht nur in der südlichen Hemisphäre boomt der Handel mit den schlechten Pillen. Auch in Europa nehme die Verbreitung der gefälschten Arzneimittel zu, sagt Schweim. Hier sind es vor allem die sogenannten „Lifestyle-Drugs“, wie Potenzmittel, die vermehrt über dubiose Vertriebswege an den Kunden gelangen, und nicht das halten, was sie versprechen.

          Daß die gefälschten Arzneimittel über den legalen Vertriebsweg, also Apotheken oder seriöser Versandhandel pharmazeutischer Produkte, an den Kunden gelangen, kommt allerdings nur sehr selten vor. Dem Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) sind in den vergangenen Jahren nur drei Fälle bekannt geworden.

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