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Medienunternehmer : Leo Kirch gestorben

  • Aktualisiert am

Leo Kirch Bild: dpa

Der Medienunternehmer Leo Kirch ist tot. Kirch galt als einer der Pioniere des Privatfernsehens. Ihm gehörte einst eines der größten Medienimperien in Deutschland. Vor fast 10 Jahren musste er zusehen, wie sein Lebenswerk zerbrach.

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          Leo Kirch ist am Donnerstagvormittag in München im Alter von 84 Jahren im Kreise seiner Familie gestorben. Kirch war jahrzehntelang einer der mächtigsten Medienunternehmer in Deutschland. Neben der größten Spielfilm-Sammlung mit weit über 10.000 Titeln sowie rund 40.000 Stunden Serien gehörten ihm früher die Fernsehsender ProSieben, Sat1, N24, DSF und der Bezahlsender Premiere (heute Sky).

          Aus dem Nichts hatte der gebürtige Würzburger einen der größten Film- und Fernsehkonzerne Europas mit fast 10.000 Beschäftigten aufgebaut. Die Wurzeln seines Imperiums reichen in die 50er Jahre zurück: Nach seinem Studium der Betriebswirtschaft und Mathematik hatte Kirch 1955 seine erste Firma gegründet. Er kaufte Rechte an Kinofilmen, die für das Fernsehen geeignet schienen - etwa vom italienischen Film „La Strada“. Später erwarb er etliche Filmlizenzen in Hollywood. Dabei profitierte er davon, dass ARD und ZDF immer mehr Kinofilme für ihr Unterhaltungsprogramm benötigten.

          In der breiten Öffentlichkeit wurde der extrem öffentlichkeitsscheue Kirch mit der Einführung des Privatfernsehens bekannt. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich Kirch zu dessen beherrschender Figur. Er stieg auch in die Filmproduktion ein. Kirch galt als gewieft und risikobereit - eine Kombination, die nicht nur seine Gegner fürchteten.

          Leo Kirch mit Helmut Kohl: Die beiden waren gut befreundet. Im Mai 2008 war Kirch sogar Trauzeuge bei der zweiten Hochzeit des Alt-Kanzlers
          Leo Kirch mit Helmut Kohl: Die beiden waren gut befreundet. Im Mai 2008 war Kirch sogar Trauzeuge bei der zweiten Hochzeit des Alt-Kanzlers : Bild: dapd

          Die Nähe zur Politik scheute er dabei nicht: Er pflegte Freundschaften unter anderem mit dem damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß und mit Helmut Kohl. Kirch vernetzte sich und verteilte großzügige Parteispenden.

          Bald kontrollierte er die ganze Verwertungskette von Medieninhalten: Herstellung, Vertrieb, Senderechte, Synchronisation, Verleih, Video, Merchandising und Ausstrahlung. Zusätzlich sicherte sich Kirch für Milliarden die Übertragungsrechte an Fußball- Weltmeisterschaften. Mit steigendem Einfluss wurden immer häufiger die Attribute „Medienzar“ und „Medienmogul“ mit seinem Namen verbunden. Durch seine Zurückhaltung in der Öffentlichkeit - lange Zeit gab es nicht einmal Fotos von dem Unternehmer - wurde der Mythos noch verstärkt.

          Seine Hoffnungen in das Bezahlfernsehen erfüllten sich nicht

          Doch bereits in den 90er Jahren wurde über Finanzschwierigkeiten seiner Firmengruppe berichtet. Der Start des Bezahlsenders Premiere markierte im Rückblick wohl den Anfang seines Abstiegs. Der gewiefte Unternehmer, der bis dahin die berühmte Nase für Trends und Geschäfte hatte, verschätzte sich.

          Das Bezahlfernsehen erwies sich in Deutschland anders als in Großbritannien oder Amerika nicht als Erfolgsmodell. Auch die Spiele der Fußball-Bundesliga lockten nicht genügend Abonnenten an. Teuer erworbene Filmrechte konnte er zeitweise nicht mehr bezahlen, und auch fällige Lizenzgebühren an die Bundesligavereine machten ihm Kopfzerbrechen. Die Milliardeninvestitionen in seinem Abo-Sender Premiere und das waghalsige Engagement in der Formel 1 wurden ihm zum Verhängnis.

          Im Jahr 2002 ging sein Imperium pleite. Seine Firmengruppe wurde unter neuen Besitzern aufgeteilt. Die Insolvenz war eine der größten Unternehmenspleiten Deutschlands. Sie stürzte auch den deutschen Profi-Fußball in eine Krise und viele Vereine in Existenznot. Vor allem kleinere Clubs hingen bis zu 50 Prozent am Geld aus dem Fernseh-Topf, der jetzt deutlich weniger gut gefüllt war.

          Der Dauerstreit mit den Deutschen Bank

          Kirch machte den damaligen Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer für den Niedergang seines Konzerns verantwortlich und forderte Schadenersatz in Milliardenhöhe. Breuer hatte in einem Interview Kirchs Kreditwürdigkeit in Zweifel gezogen. Der Streit ging durch mehrere Instanzen: Schließlich wurde Kirch vom Bundesgerichtshof ein grundsätzlicher Anspruch auf Schadensersatz zugebilligt, allerdings nur für die Tochtergesellschaft, die zuvor einen Kredit von der Deutschen Bank bekommen hatte. Über die Höhe wird bis heute gestritten. Der Schadenersatzprozess gegen die Deutsche Bank wird auch nach dem Tod von Leo Kirch weitergehen.

          Nach der Pleite seines Medienimperiums zog sich Leo Kirch geschäftlich beinahe komplett zurück. Direkt beteiligt blieb er noch bei Constantin Medien aus München, bekannt für den Sender „Sport 1“. Einen seiner wenigen öffentlichen Auftritte hatte Kirch im Mai 2008 als Trauzeuge bei der zweiten Hochzeit von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl.

          Sein letzter großer Comeback-Versuch endete vor wenigen Jahren in einer Niederlage. Mit dem Unternehmen Sirius wollte er die Übertragungsrechte für die Fußball-Bundesliga kaufen und dann teuer weiter verkaufen. Das Kartellamt machte ihm aber einen Strich durch die Rechnung und verbot das Geschäft. Auch bei der WM 2010 wollte Kirch im Alter von 83 Jahren, inzwischen schon fast blind, noch einmal mitmischen. Seinen Plan für schwimmende Luxushotels in den Häfen der südafrikanischen WM-Städte Durban und Port Elisabeth blies er kurz vor Beginn aber mangels Nachfrage ab.

          Kirch lebte zurückgezogen mit seiner Frau Ruth in München-Bogenhausen. Er hinterlässt einen Sohn.

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