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Medien : Herr Slim und die New York Times

Die Anzeigenerlöse sinken: New York Times Bild: AFP

Sie ist eine der angesehensten Zeitungen der Welt. Doch die New York Times braucht Geld, dringend und viel: Jetzt kommt der Mexikaner Carlos Slim zu Hilfe - einer der reichsten Männer der Welt. Angeblich will er Ruhm, nicht Rendite.

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          Die „New York Times“ bekommt eine Finanzspritze von 250 Millionen Dollar vom mexikanischen Milliardär Carlos Slim. Der mit sinkenden Werbeeinnahmen kämpfende Zeitungskonzern stellt zwei Unternehmen aus Slims Imperium dafür Schuldscheine aus, die 2015 fällig werden. Slim könnte die Papiere dann auch in Aktien des Verlags umwandeln, wie die New York Times Company mitteilte. Die 15,9 Millionen Anteilsscheine entsprächen einer Beteiligung von etwa elf Prozent. Slim war bereits im September bei dem Zeitungshaus eingestiegen und hält derzeit einen Anteil von 6,9 Prozent.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Michael Psotta

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.

          Die New York Times gehört zu den angesehensten Tageszeitungen der Welt. Da kann ein Milliardär aus Mexiko schon einmal schwach werden: Wann bietet sich schon einmal die Gelegenheit, wesentlicher Teilhaber ein solch ehrwürdigen Institution zu werden? Die Finanz- und Medienkrise eröffnet dem Mexikaner Carlos Slim diese Möglichkeit. Denn der Verlag der New York Times braucht Geld, dringend und viel: 1,1 Milliarden Dollar Schulden stehen dort liquiden Mitteln von 46 Millionen Dollar gegenüber. Im Mai und dann noch einmal im Jahr 2011 laufen Kreditlinien über je 400 Millionen Dollar aus. Angesichts hoher Kreditkosten in der aktuellen Finanzkrise sucht das Unternehmen nach anderen Geldquellen.

          Hinzu kommt, dass das Unternehmen – wie viele andere Medienhäuser auch – mit einem prozentual zweistelligen Einbruch der Anzeigenerlöse konfrontiert ist. Und Branchenkenner gehen davon aus, dass sich an dieser Situation kurzfristig nichts ändern wird. Janet Robinson, die Vorstandsvorsitzende der börsennotierten New York Times Corp. hat von einem der herausfordernsten Jahre gesprochen, vor dem die Gruppe jemals gestanden habe.

          Von Stararchitekt Renzo Piano entworfen: das Hochhaus der Traditionszeitung

          Der Aktienkurs ist um 70 Prozent gefallen

          Die Aktionäre wissen das: Die Dividende wurde gekürzt, eine weitere Kürzung wird erwartet. Auch die Mitarbeiter leiden, denn weitere Entlassungen gelten als nicht unwahrscheinlich. Um noch härtere Einschnitte zu vermeiden, wird darüber nachgedacht, den verlagseigenen Anteil am der noch recht neu gebauten New Yorker Zentrale zu verkaufen, was dem Vernehmen nach 225 Millionen Dollar bringen könnte. Das von Stararchitekt Renzo Piano entworfene Hochhaus mit 52 Stockwerken gehört dem Times-Konzern zu 58 Prozent. Welch ein Wandel: Das alte Verlagsgebäude in der Nähe des Times Square war zwar düster, aber wer durch diese Drehtür ging, wurde damals noch von stolzen Verlagsmitarbeitern durchs Haus geführt, die schon böse guckten, wenn man den Blick nur etwas zu lange über einen Schreibtisch der Mitarbeiter schweifen ließ. Und jetzt können Investoren das Haus einfach kaufen?

          Es ist allerdings auch nicht so, dass die New York Times oder ihr Verlag mit dem Rücken zur Wand stünden, auch wenn der Aktienkurs in den vergangenen zwölf Monaten um rund 70 Prozent gefallen ist, was die traditionelle Eignerfamilie Ochs-Sulzenberger gewiss schmerzt. Vielmehr sind reiche Menschen auf der ganzen Welt bereit, Geld zu zahlen, um einen Anteil an dieser Ruhmeshalle des Journalismus zu erwerben. Renditeerwartungen, sagen Marktbeobachter, stehen dabei hintenan. Slim hatte schon im September 6,4 Prozent an dem Verlagshaus erworben.

          In Mexiko ist Slim an zwei Fernsehsendern beteiligt

          Welche Interessen Carlos Slim bei der New York Times Corp. jetzt tatsächlich verfolgt, ist nicht bekannt, weil er sich hierzu öffentlich noch nicht geäußert hat. Als sicher darf aber gelten, dass er nicht allein den Samariter für ein finanziell bedrohtes Zeitungshaus spielen will. Slim ist vielmehr für seinen ausgeprägten Geschäftssinn bekannt. Der ließ ihn, schenkt man der Forbes-Liste Glauben, im vergangenen Jahr zum zweitreichsten Menschen der Welt nach Warren Buffett aufsteigen. Sein Vermögen, das 2008 auf 60 Milliarden Dollar geschätzt wurde, dürfte im Lauf der Wirtschaftskrise zwar deutlich geschwunden sein. Doch deutet alles darauf hin, dass der 68 Jahre alte Slim die Krise zu nutzen versucht, um sein Unternehmensimperium nochmals auszuweiten.

          Da ihm schon ein beträchtlicher Teil der mexikanischen Wirtschaft gehört, bieten sich Investitionen im großen nördlichen Nachbarland an. Und Medienunternehmen sind ihm nicht fremd: In Mexiko ist Slim an zwei Fernsehsendern beteiligt, in Irland gehört ihm eine kleine Beteiligung am Verlagshaus Independent News & Media, und der New York Times Corporation ist er seit 2008 auch als Aktionär verbunden. Mitsprache erwarb er dort zwar kaum. Das könnte sich aber ändern, wenn die Finanznot des Verlages drückender wird.

          Die Telefongesellschaft Telmex hat Slim reich gemacht

          Möglicherweise kalkuliert Slim, dass das renommierte New Yorker Zeitungshaus nach der Krise wieder an frühere ertragsstarke Zeiten anknüpfen kann. Ein Hintergedanke könnte durchaus auch sein, dass eine Beteiligung an der publizistischen Macht der New York Times Nutzen bringen könnte – weniger durch direkte positive Berichterstattung als durch den generell etwas vorsichtigeren Umgang der Redaktion mit einem Miteigentümer.

          Anlass zu einer distanzierten Betrachtung bietet Slim durchaus. Grundstein seines gewaltigen Vermögens war der Erwerb der zuvor staatlichen mexikanischen Telefongesellschaft Telmex zum lächerlich niedrigen Preis von 1,7 Milliarden Dollar – eine Entscheidung des damaligen skandalumwitterten Präsidenten Carlos Salinas. Heute gehören Slim mit Telmex und und Telcel die wichtigsten Telefongesellschaften des Landes. Mit América Móvil dominiert er – neben der spanischen Telefónica – den mittel und südamerikanischen Mobilfunkmarkt. Weiterhin führt er Tabak-, Handels- und Halbleiterunternehmen sowie Hotelketten, bietet Finanzdienstleistungen an und arbeitet am Aufbau der lateinamerikanischen Infrastruktur. Inzwischen kontrolliert er etwa ein Drittel des mexikanischen Börsenkapitals – und muss sich immer wieder Kritik daran gefallen lassen, dass er mit seiner Marktmacht den Wettbewerb erfolgreich behindert.

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