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Medien : Amazon wird zur digitalen Vertriebsplattform

Die „Washington Post“ auf dem Amazon-Lesegerät Kindle Bild: AP

Wenn Amazon-Gründer Jeff Bezos die „Washington Post“ kauft, dürfte deren Geschäft vor einer Digitalisierung stehen. Mit Amazon hat Bezos das längst geschafft.

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          Der Amazon-Gründer Jeff Bezos kauft aus seinem Privatvermögen die „Washington Post“ - und ein jeder fragt sich: warum? Um zu verstehen, wohin die Reise von Bezos und seiner Neuerwerbung führt, muss man sich an das Jahr 2007 erinnern, als Bezos den ersten wirklich alltagstauglichen E-Reader vorstellte, also ein Lesegerät für elektronische Bücher. Es war das jüngste Kind von Amazon, und es hieß Kindle - was im Englischen für „Entzünden“ oder „Entfachen“ steht. Bezos, der mit der Arbeit an dem Gerät unmittelbar nach der Vorstellung des Musik-Online-Einkaufsladens „iTunes Music Store“ von Apple begonnen hatte, präsentierte es am 19. November 2007 im „W Union Square Hotel“ in Manhattan - und wollte damit nach langem Anlauf endlich die E-Book-Revolution entfachen.

          Mit den Geräten können elektronische Bücher, elektronische Zeitschriften und Zeitungen von den Netzwerkrechnern (Servern) von Amazon heruntergeladen und gelesen werden. Die Bedienung ist sehr viel unkomplizierter als bei vielen anderen E-Book-Readern, da die auf diesen Konkurrenzprodukten eingesetzte Verwaltungssoftware für die elektronischen Bücher mit dem Namen „Adobe Digital Editions“ alles andere als kundenfreundlich ist.

          Das erste Gerät war in den Vereinigten Staaten seit November 2007 erhältlich - und für ausländische Kunden zunächst nur über die dortige Website zu beziehen. Es sollten zwei Jahre vergehen, bis der Kindle ab dem 19. Oktober 2009 außerhalb der Vereinigten Staaten und damit auch in Deutschland direkt zu kaufen war. Nun gab es also auch eine internationale Version des Kindle, die überall auf der Welt auf Mobilfunknetze zugreifen konnte, um über diese selbst außerhalb von W-Lan-Netzen drahtlos Inhalte abrufen zu können.

          Kindle-Geräte sind auf Amazon-Produkte zugeschnitten

          Seither stellt Bezos in den für die Elektronikbranche typischen kurzen Abständen immer wieder neue Kindle-Geräte vor. Die jüngste Generation ist dabei ein frontaler Angriff auf Apple und seinen Tabletcomputer iPad. Seit November 2011 gibt es nämlich den Kindle Fire, einen Tabletcomputer mit Farbdisplay (die normalen Kindle-Geräte sind mit einem stromsparenden Schwarz-Weiß-Bildschirm ausgestattet), und Apple brauchte danach ein ganzes Jahr, um ebenfalls mit einem iPad mit einer Bildschirmdiagonale von nur noch 7 Zoll auf den Markt zu kommen.

          Amazon bedient sich zum Betrieb des Rechners des vom Internetkonzern Google entwickelten Betriebssystems „Android“ - hat das System aber eben nicht noch „verschlimmbessert“, sondern nach Meinung der allermeisten Kritiker zum Wohle des von Bezos erdachten Einsatzzwecks von aller Komplexität befreit: So ist ein sehr einfach zu bedienender Tabletcomputer entstanden, dessen Entwickler in dieser Hinsicht verstanden haben, warum Apple mit seinen Produkten in der jüngeren Zeit so erfolgreich sein konnte. Denn das Menü, durch das der Benutzer des Kindle Fire noch navigieren darf oder muss, ist sehr überschaubar und besteht aus nur zehn Punkten: Einkaufen, Spiele, Apps, Bücher, Musik, Videos, Web, Fotos, Dokumente, Angebote. Die Zielsetzung dabei ist klar: Es geht Amazon nicht darum, dass der eigene Tabletcomputer alles kann, was zum Beispiel der in jeder Hinsicht gestandene Personalcomputer aus dem Büro oder selbst ein iPad beherrscht.

          Amazon-Chef Chef Bezos kauft die Washington Post
          Amazon-Chef Chef Bezos kauft die Washington Post : Bild: REUTERS

          Schon das iPad von Apple ist in erster Linie ein Gerät zum Medienkonsum, nicht aber für Menschen gedacht, die kreativ Medieninhalte erstellen wollen - auch wenn sich das mit einer Vielzahl von Zusatzprogrammen inzwischen ein wenig relativiert hat. Der Ansatz von Amazon aber radikalisiert den Gedanken von Apple. Der Nutzen des Kindle Fire beziehungsweise des mit einem noch etwas besseren Display ausgestatten Kindle Fire HD ist klar: Es geht allein um den Konsum von Inhalten, die man sich bei Amazon entweder gekauft oder ausgeliehen hat.

          Und da offeriert Amazon eine echte Wundertüte: Nach eigenen Angaben hat der Konzern zum Jahreswechsel 2012/13 rund 22 Millionen Filme, Fernsehserien, Lieder, Apps, Computerspiele und natürlich auch Bücher im Angebot. Gut kommt unter Kritikern das Angebot an Büchern an; mit Blick auf die Vielfalt an Apps oder auf die Zahl der angebotenen Filme wünscht sich jedoch manch einer mehr. Und vielleicht entwickelt Bezos ja auch gemeinsam mit den Redakteuren und dem Verlag der „Washington Post“ ein paar neue Ideen. Es scheint, als wolle Bezos sich selbst in dieser Hinsicht auch einmal überraschen lassen.

          Um den Verkauf seiner elektronischen Bücher anzukurbeln, schreckte Bezos von Beginn der Kindle-Zeit an jedenfalls nicht davor zurück, erhebliche Anlaufverluste in Kauf zu nehmen. Und seit 2012 kann man E-Books bei Amazon als Teilnehmer des „Amazon-Prime“-Stammkundenprogramms (das für 29 Euro im Jahr die versandkostenfreie Zustellung aller Produkte verspricht, also nicht nur von Büchern) auch ausleihen - und zwar jeweils einen Titel im Monat, ohne Rückgabefrist.

          Kurz nach dieser Ankündigung kam zudem die Nachricht, dass der Konzern zunächst in den Vereinigten Staaten Kindern und Eltern eine Flatrate für Medieninhalte anbietet. Auch E-Books stehen dabei natürlich im Regal. Im Rahmen von „Kindle Free-Time Unlimited“ können Kinder über das Fire-Tablet unbegrenzt auf E-Books, Apps, Games, Filme und Fernsehserien zugreifen. Sie können eigenständig entscheiden, was sie gucken, spielen oder lesen wollen - ohne die Eltern um Hilfe bitten zu müssen. Das Angebot richtet sich an Kinder zwischen drei und acht Jahren und ihre Eltern. Die Kinder haben nur Zugriff auf Inhalte, die für ihr Alter geeignet sind oder auf Angebote, die ihre Eltern vorab freigegeben haben. Die Eltern können für jedes Kind ein eigenes Profil anlegen - so dass es „seinen“ Kindle Fire individuell bestücken und personalisieren kann. Überträgt man solche Ideen auf den Zeitungsmarkt, könnte es dort noch richtig spannend werden.

          Immer spannender wird vor diesem Hintergrund auch die Beziehung von Amazon zu Apple. Denn die Strategie zum Vertrieb digitaler Medien ist ja von Beginn an ein Frontalangriff auf den lange so erfolgreichen Elektronikkonzern aus Kalifornien, der über seinen eigenen „iTunes“ oder „iBook“-Angebote seinen Kunden die gleichen digitalen Waren verkaufen will.

          Nicht zuletzt hat Apple erst Anfang 2013 im Namensstreit um seine Softwareplattform „App Store“ eine Niederlage gegen Amazon erlitten. Eine Richterin im kalifornischen Oakland hatte einen Punkt in einer Klage zurückgewiesen, die Apple 2011 gegen Amazon eingereicht hat. Die Klage dreht sich um den Vorwurf, Amazon verletze mit der Verwendung des Begriffs „Appstore“ für seine Plattform zum Vertrieb von Programmen oder Applikationen („Apps“) Rechte von Apple. Bezos hat selbst gern Spaß, aber zu spaßen ist mit ihm nicht.

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