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Massiver Stellenabbau : Jetzt fliegen die Banker raus

Mitleid hat der Berufsstand nicht zu erwarten: Transparent bei einer Demonstration in Berlin Bild: dpa

Der Ruf ist ruiniert. Die Boni schwinden. Zehntausende verlieren ihre Jobs. Den Investmentbankern geht es an den Kragen.

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          Der erste Satz hat das Unheil schon angedeutet. „We will treat you with respect“, sagt der Personalchef zur Begrüßung, und die Investmentbankerin ahnt: „Es ist vorbei: Ich bin raus.“ Wenige Floskeln später folgt die Kündigung: Die hochqualifizierte Frau, Anfang 40, ist arbeitslos. Nicht sofort, ein paar Monate läuft das Gehalt noch weiter. Weh tut es trotzdem - „respect“ hin oder her.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Tatsache, dass sie nicht allein ist, spendet keinen Trost. Das macht die Sache nur schlimmer. Fast 100.000 Banker verlieren gerade ihren Job: in New York, London, Zürich, Frankfurt. Wo also soll die Investmentbankerin hin, wenn alle entlassen?

          Zähneklappern auf Porsche-Niveau

          Mitleid hat der Berufsstand nicht zu erwarten. Dazu haben es die Söldner der Finanzmärkte nach Ansicht der Öffentlichkeit zu bunt getrieben. Der „Boni-Banker“, dieser Gierhals, ist der Buhmann schlechthin, schuldig an allem, aber verantwortlich für nichts. Die Banker, so geht die Erzählung unter Stammtisch- und Talkshow-Brüdern, brocken uns eine Krise nach der anderen ein und kommen dann - Gipfel der Frechheit - ungeschoren davon kommt. So weit das Klischee.

          Über die Schuldfrage wird noch zu reden sein, aber die Legende von der Unverwundbarkeit der Investmentbanker ist jedenfalls widerlegt: Die Krise fordert gerade im Bankenviertel ihre Opfer. Es regiert die Tristesse, Heulen und Zähneklappern ist angesagt (wenn auch auf Porsche-Niveau). Und es sieht ganz danach aus, als brauchte der Occupy-Protestler, vom amerikanischen Magazin „Time“ gerade zur Person des Jahres gekürt, für 2012 einen neuen Bösewicht als Ersatz für den Boni-Banker: Die Boni werden weniger, die Banker auch.

          „Fast alle drehen das Rad zurück“

          Nach Jahren des ausschweifenden Wachstums wird die Branche heftig zurechtgestutzt, eine Entlassungswelle zieht um den Globus: In der Londoner City fällt die Zahl der Bankbeschäftigten auf den niedrigsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt, schätzt das Forschungsinstitut Centre for Economics & Business Research.

          In Deutschland, wenngleich milder betroffen, verschwinden ebenfalls Tausende Stellen. Der Finanzplatz Frankfurt sei nur noch ein Schatten seiner selbst, diagnostiziert Friedrich-Wilhelm Graf von Pfeil, Partner der Personalberatung Korn-Ferry, zuvor selbst zwei Jahrzehnte Investmentbanker: „Fast alle Banken drehen das Rad zurück, Stellen werden massiv gestrichen, die Gehälter sinken.“

          Es gibt immer weniger Bankangestellte Bilderstrecke

          Beinahe täglich meldet eine Bank neue Hiobsbotschaften: Die Bankengruppe HSBC will rund 30.000 Mitarbeiter entlassen, die Bank of America sogar 36 000. 1600 Stellen fallen bei Morgan Stanley weg, 2350 bei der französischen Crédit Agricole, 1000 bei Goldman Sachs. 2000 Jobs streicht die Credit Suisse, 3000 Barclays, 4500 die Citigroup, 500 die Deutsche Bank.

          Besonders gefährdet sind die Arbeitsplätze im Bereich „Fixed Income“, also dem Handel mit Zinsprodukten und Anleihen. Das schwache Geschäft mit Übernahmen (M&A) tut sein Übriges, die ehemaligen Könige im Finanzdistrikt leiden: Milliardengewinne hatten sie in der Vergangenheit für die Banken eingefahren und einen happigen Teil davon gleich für sich als Bonus kassiert. Diese Zeiten sind fürs erste vorbei.

          Angst um den Arbeitsplatz

          „Die Lage wird jeden Tag trüber“, sagt Andreas Halin, Personalberater mit Spezialität Finanzwesen. Selbst gute Banker plagt plötzlich, in der Mitte ihrer Karriere, die Angst um den Arbeitsplatz. Die Stimmung schwankt zwischen Fatalismus und Lethargie. „Wenn sie morgens ins Büro gehen, wissen viele nicht, ob die Sichel niedergeht oder nicht“, sagt Headhunter Halin. Er wagt eine düstere Prognose: „Knapp jeder Fünfte, der im Sommer 2011 noch als Investmentbanker tätig war, kann bis Mitte nächsten Jahres seinen Job los sein.“

          Die Vorboten erleben sie gegenwärtig, wenn die Boni für 2011 ausgehandelt werden. Die Spitzen der Banken sind vor allem damit beschäftigt, die „Erwartungen nach unten zu managen“, wie einer sagt. Das bedeutet: Die Chefs stellen ihre Truppen auf magere Zeiten ein. „Die Boni-Töpfe werden 30 bis 50 Prozent niedriger ausfallen als im Vorjahr“, schätzt Korn-Ferry-Experte Graf von Pfeil.

          „Da wartet gar kein Schatz“

          Die exakten Zahlen gibt es im neuen Jahr, wenn die Banken ihre Gewinne veröffentlichen. Es genügt jedoch das kleine Einmaleins, um zu erkennen: Mit den Profiten schrumpft auch der Bonus, die Ausschüttung an den einzelnen Banker, was diesen schwer aufs Gemüt schlägt. Der Anreiz für den Investmentbanker ist nun mal das Geld. „Da quält man sich 12 Monate den Berg hoch“, klagt einer, „um dann am Gipfel festzustellen: Da wartet gar kein Schatz.“

          Nach Lehman haben die Banken die Vergütung reihenweise umgestellt, nicht zuletzt auf Druck der Politik: Boni galten als Teufelszeug, da sie Banker zu übermäßigen Risiken verleiten. Die erfolgsabhängige Komponente wurde deshalb gekürzt, im Gegenzug das Festgehalt erhöht - mit ungewollten Folgen: In Zeiten rückläufiger Erlöse werden schneller Leute vor die Tür gesetzt, hat Kian Abouhossein, Bankenspezialist von JP Morgan, in einer Studie festgestellt: „Wenn die Rentabilität sinkt, wird nicht mehr an den Boni geschraubt - es wird entlassen.“

          Vermögen der Eigentümer wird vernichtet

          Auf mittlere Sicht werden die Marktkräfte - sinkende Nachfrage nach Bankern bei hohem Angebot - auch die Grundgehälter nach unten drücken: Damit kämen die Löhne zwischen Industriemanagern und den deutlich höher dotierten Bankern etwas ins Lot. Böser ausgedrückt: Die Banker vollziehen nach, was die Bank-Aktionäre schon hinter sich haben. Bis vor kurzem galt: Das Vermögen der Eigentümer wird vernichtet (Bank-Aktien machten in den vergangenen Jahren niemanden glücklich), während die Angestellten ihr Einkommen maximieren. Diese Entwicklung scheint gestoppt. Bank-Chefs rechtfertigen ihren Kahlschlag nun auch damit, das Verhältnis von Erlös zu Gehältern neu zu justieren.

          Die freigestellte Frankfurter Investmentbankerin ahnt, dass sie mit dem nächsten Job Abstriche hinnehmen muss: „Auf gleichem Niveau etwas Neues zu finden ist illusorisch.“ Wenn sie denn überhaupt eine Stelle im angestammten Bereich ergattert. „Viele, die jetzt rausfallen, kehren nicht mehr in den Finanzbereich zurück“, sagt Headhunter von Pfeil. Nach der Krise sind die Banken gehalten, ihre Eigenkapitalquote aufzupumpen, folglich verkürzen sie die Bilanz: „Abbau von Risikoaktiva“ lautet die Devise, was bedeutet: Sie verzichten auf Geschäft (und damit mittelfristig auf Personal).

          Jetzt schrumpft der gesamte Sektor

          Beispiel: Commerzbank. Wenn deren Chef Martin Blessing ankündigt, die Akquise von Neugeschäft auf Deutschland und Polen zu beschränken, schwant manchem Untergebenen Böses: „Wie will der Vorstand die Leute an Bord halten, wenn das Geschäft so stark beschnitten wird und die Bank gleichzeitig Gewinne erwirtschaften muss?“ Dabei hat die Commerzbank noch nicht einmal alle Stellen gestrichen, die durch die Fusion mit der Dresdner Bank überflüssig wurden. „5800 Arbeitsplätze haben wir abgebaut, bei weiteren 1600 wissen die Mitarbeiter schon Bescheid“, teilt eine Sprecherin mit: „Weitere 1600 sollen noch folgen.“ Ob das reicht, ist fraglich.

          Diese Situation verlangt von den Bankern neue Karrierestrategien. „Das Kaskade-System funktioniert nicht mehr“, erläutert Friedrich-Wilhelm Graf von Pfeil. Früher hatten Banker munter hin und her gewechselt. Wenn der Aufstieg ins Stocken geriet, oder jemand als gescheitert abserviert wurde, dann fand er immer noch ein trockenes Plätzchen bei der Konkurrenz: Notfalls ging man von den Topadressen wie Goldman Sachs oder Deutscher Bank zu weniger bekannten ausländischen Häusern, oder, wenn es ganz dumm lief, zu Landesbanken oder Sparkassen. Jetzt schrumpft der gesamte Sektor, mal mit mehr, mal mit weniger Geräusch verbunden.

          Als sich die Hypo-Vereinsbank in München vor einigen Wochen von 30 Investmentbankern der Abteilungen „Cash Equity“ und „Equity Research“ trennte, da wandte sich der Betriebsratschef aufgebracht in einem Brief an die Öffentlichkeit und beklagte einen „Tiefpunkt der Unternehmenskultur“. Die Bank habe die Investmentbanker nicht nur sofort freigestellt - sondern habe sie auch gleich vom Sicherheitspersonal überwacht ihre Schreibtische räumen und vor die Tür setzen lassen. Von Solidaritätsdemos ist nichts bekannt.

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