https://www.faz.net/-gqe-6pzkp

Massiver Stellenabbau : Eisiges Klima im Eon-Konzern

  • -Aktualisiert am

Der Eon-Vorstand stellt jeden siebten Arbeitsplatz in Frage Bild: dpa

Allein in Deutschland sind mindestens 6000 Arbeitsplätze bei Eon bedroht. Die Ungewissheit der Beschäftigten wird noch viele Wochen andauern.

          Seit Anfang vergangener Woche hat sich der Kurs der Eon-Aktie um gut 20 Prozent auf knapp 15 Euro erholt. Das mag zwar für geplagte Aktionäre ein Hoffungsschimmer sein, spiegelt aber nicht die Stimmung im Unternehmen. Denn unter den rund 79.000 Beschäftigten weltweit herrscht ein eisiges Klima. Seit der Ankündigung vom August, dass bis zu 11.000 Stellen abgebaut werden sollen, geht die Angst vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes um. Das gilt besonders für die 35.000 in Deutschland Beschäftigten, weil hierzulande der Abbau von etwa 6000 Verwaltungsarbeitsplätzen am schärfsten ausfallen wird.

          Unlängst hat Vorstandsmitglied Bernhard Reutersberg den rund 800 Beschäftigten in der Konzernzentrale in einer E-Mail mitgeteilt, dass nach dem Stand der Vorüberlegungen bis zu 50 Prozent ihrer Arbeitsplätze entfallen sollen. „Den Wegfall jedes zweiten Arbeitsplatzes per Mail zu verkünden ist unmöglich“, entrüstete sich Hans Prüfer, Aufsichtsratsmitglied und Vorsitzender des Konzernbetriebsrats. Der Betriebsrat hat in einem offenen Brief an den Vorstand den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen über das Jahr 2012 hinaus gefordert. Es sollten unverzüglich mit dem Konzernbetriebsrat Gespräche über die Abbaupläne aufgenommen werden, sonst würde eine Sondersitzung des Aufsichtsrates anberaumt werden, droht der Konzernbetriebsrat.

          Vergleich mit Verwaltungen anderer Energiekonzerne

          Der Vorstand hatte am 10. August nach einer Aufsichtsratsklausur zunächst die schlechtesten Geschäftszahlen in der Eon-Unternehmensgeschichte präsentiert und dann das einschneidende Sparprogramm angekündigt. Neben schwierigen Stromgeschäften und Verlusten im Gasgeschäft zehren vor allem Kosten durch den deutschen Atomausstieg und die neue Brennelementsteuer am Ergebnis. Der Konzernüberschuss - die Messlatte für den Dividendensatz - ist im ersten Halbjahr um 71 Prozent auf 933 Millionen Euro abgestürzt.

          Energiewende und Atomausstieg werden Eon auch in den nächsten Jahren fordern. Der Vorstand will mit dem radikalen Sparprogramm die Ertragskraft verbessern und einen größeren Freiraum für die erforderlichen Investitionen schaffen. Dazu sollen bis 2015 die vom Unternehmen selbst beeinflussbaren Kosten um 1,5 Milliarden Euro auf 9,5 Milliarden Euro gesenkt werden, etwa die Hälfte davon bei den Personalkosten.

          Das „Eon 2.0“ benannte Personalabbauprojekt entstammt einer McKinsey-Untersuchung. Die Unternehmensberater haben einen Vergleich mit Verwaltungen anderer Energiekonzerne wie Exxon-Mobil vorgenommen. Dabei wurden als Sparpotential rund 750 Millionen Euro identifiziert. Wenn man diesen Betrag durch die durchschnittlichen Kosten für einen Beschäftigten teilt, kommt man auf ungefähr 10.000 Arbeitsplätze, die gestrichen werden müssten.

          Eine Art Eon Deutschland für das Endverbrauchergeschäft

          Auch ohne solche Berechnungen war klar, dass die Eon-Administration seit der Fusion von Veba und Viag vor gut zehn Jahren überdimensioniert ist. Bei dem Zusammenschluss und den folgenden größeren Übernahmen sind diverse Arbeitsplatz- und Standortzugeständnisse gemacht worden. Solange die Geschäfte glänzend liefen, waren tiefere Personaleinschnitte tabu. Nun drängen sich Korrekturen auf.

          Gegenwärtig sind im Konzern weltweit rund 15.000 Menschen mit administrativen Aufgaben befasst. In Deutschland arbeiten etwa 11.000 in der Verwaltung, in Großbritannien 2600, in Rumänien 1200 sowie in Ungarn und Russland je 800.

          Die Regionalverwaltungen Eon Ruhrgas, Eon Kraftwerke und Eon Energie zählen zusammen etwa 3200 Arbeitplätze. Es gibt bereits erste Ansätze, diese Außenzentralen neu zu ordnen. In der vergangenen Woche haben die Aufsichtsräte dieser Tochtergesellschaft neue Führungsstrukturen beschlossen. Daraus geht hervor, dass der Gashandel der Ruhrgas und der Energiehandel zusammengefasst werden und aus den Regionalgesellschaften in München und Hannover eine Art Eon Deutschland für das Endverbrauchergeschäft gebildet werden könnte, wie dies der RWE-Konzern schon umgesetzt hat. Der nächste Schritt wäre dann die Konzentration dieser drei großen Außenstellen in Düsseldorf.

          Unprofessionelle Handhabung der Zuständigkeit

          Grundsätzlich wird diese Straffung auch von den Beschäftigten nicht in Frage gestellt. Allerdings weisen die sich abzeichnenden Pläne nur auf eine überfällige Korrektur alter Strukturen hin. Ein Personalkonzept für eine auf die Energiewende zugeschnittene Strategie ist dagegen nicht erkennbar. Vor allem richtet sich die auch extern geteilte Kritik gegen die Art, wie der Vorstand das Projekt „Eon 2.0“ kommuniziert.

          Obwohl Eon mit in diesem Jahr geplanten mehr als 9 Milliarden Euro operativem Ergebnis und mindestens 2 Milliarden Euro Konzernüberschuss nicht in die Verlustzone abstürzen wird, stellt der Vorstand jeden siebten Arbeitsplatz in Frage. Und auf Antworten zur Umsetzung müssen die Mitarbeiter noch Monate warten. Der Vorstand will bis zur nächsten Aufsichtsratssitzung ein Gesamtkonzept erarbeiten und erst danach die Belegschaften informieren. Dieses Treffen wird frühestens Ende Oktober, eher Anfang November stattfinden können. So lange werden die Menschen im Unternehmen nicht zur Ruhe kommen, vielmehr nach Mitteln und Wegen suchen, um eine Entschärfung des Sparprogramms zu erzwingen.

          Mit Sicherheit wird gestreikt. Juristen sollen inzwischen sogar etwaige Streiks in den Kraftwerken prüfen. Als unprofessionell wird auch die Handhabung der Zuständigkeit moniert. Anfangs hat Teyssen „Eon 2.0“ zur Chefsache gemacht, aber die Aufgabe wegen des sehr hohen Zeitaufwandes zunächst an Finanzvorstand Marcus Schenck weitergereicht. Doch der hat genug zu tun mit seinem eigenen Sparprogramm für die Finanzabteilungen. Der für die Zukunftsthemen verantwortliche Klaus-Dieter Maubach mochte sich offensichtlich nicht der Vergangenheitsbewältigung annehmen. Da sich wohl auch nicht die für Personal zuständige Regine Stachelhaus andiente, ist „Eon 2.0“ schließlich bei Reutersberg gelandet. Und der wird von manchen im Konzern nicht gerade als Überflieger geschätzt.

          Weitere Themen

          Ford streicht 7000 Stellen Video-Seite öffnen

          Sanierungsprogramm : Ford streicht 7000 Stellen

          Durch den Sparkurs sollen pro Jahr etwa 600 Millionen Dollar eingespart werden. Neben dem Abbau Tausender Stellen sind auch Werksschließungen nicht ausgeschlossen.

          Kein Android mehr für Huawei? Video-Seite öffnen

          Google-Boykott : Kein Android mehr für Huawei?

          Google kappt in weiten Teilen seine Geschäftsbeziehungen mit dem chinesischen Hightech-Konzern Huawei. Damit beugt sich Google nach eigenen Angaben dem neuen Dekret von Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, zur Telekommunikation. Das könnte weitreichende Folgen für Huawei-Nutzer haben.

          Topmeldungen

          Ibiza-Affäre der FPÖ : Sagen, was Strache ist

          Es ist nicht die erste Frage, die sich zu dem Ibiza-Video mit dem FPÖ-Politiker Strache stellt, aber vielleicht die zweite oder dritte: Wie kamen die Aufnahmen zustande? Eine Indizienaufnahme.

          Formel-1-Legende : Niki Lauda ist tot

          Niki Lauda ist gestorben: Der Österreicher wurde 70 Jahre alt. Nicht nur als Rennfahrer in der Formel 1 feierte der dreimalige Weltmeister Erfolge.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.