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Machtkampf bei Volkswagen : Winterkorns vergifteter Triumph

Martin Winterkorn hat sich durchgesetzt - vorerst. Doch bislang hat VW-Patriarch Ferdinand Piech seine Ziele noch immer erreicht. Bild: Reuters

Martin Winterkorn bleibt Volkswagen-Vorstandschef, Ferdinand Piëch hat ein rüdes Foul begangen. Doch der Alte, wie sie ihn ehrfürchtig nennen, wird nicht ruhen. Und es gibt einen Präzedenzfall. Ein Kommentar.

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          Was jetzt fehlt, ist ein Satz aus Salzburg: Ferdinand Piëch, der Aufsichtsratsvorsitzende von Volkswagen und Chefurheber des seit einer Woche dauernden Erdbebens in der Führungsetage des Konzerns, könnte wissen lassen, das gesamte Gefühl sich vergrößernder Distanz zu seinem Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn sei nichts als ein Missverständnis und dass eine Zeitschrift einen Satz zu einem Epizentrum des Bebens hochstilisiert hat, ein bedauerlicher Zwischenfall. Derlei ist, Stand jetzt, nicht geschehen.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          War der in der Welt der Wirtschaft wohl einmalige Vorgang indes weder Zufall noch Unfall, müsste die Erklärung folgen: Ferdinand Piëch zieht sich vom Aufsichtratsvorsitz zurück und widmet sich fortan dem süßen Leben auf dem Schüttgut, jenem Anwesen im Salzburgischen, das er als Zufluchtsort der Familie bezeichnet, der „irgendwie auf rituelle Weise ein Treffpunkt der Familien Piëch und Porsche ist“. Die Erklärung folgte nicht, sie wird wohl auch nicht folgen. Das letzte Kapitel der jüngsten Volkswagen-Saga ist noch nicht geschrieben.

          In Salzburg ist am Donnerstagnachmittag Bemerkenswertes geschehen. Das Präsidium des Aufsichtsrates, mithin sechs Personen von entscheidendem Einfluss, versammelten sich zu einem Treffen, das nach allem, was man bisher weiß, mit der Entmachtung Winterkorns enden sollte. Und weil Piëch in den vergangenen Jahrzehnten als Vorstand, Aufsichtsrat und Miteigentümer von VW stets seine Vorstellungen durchgesetzt hat, wettete kaum noch jemand einen Cent auf Winterkorns Verbleib an der Konzernspitze. Aufhorchen ließ indes die von dieser Zeitung am Donnerstagmittag verbreitete Meldung, Winterkorn gebe sich keinesfalls geschlagen, sondern reise vielmehr mit der Forderung nach Österreich, seinen bis 2016 laufenden Vertrag zu verlängern.

          Winterkorns zweiter Geburtstag?

          So kam es. Mit einem Paukenschlag von ähnlicher Wucht wie eine Woche zuvor die Attacke verkündete am Freitag das Unternehmen: „Das Präsidium des Aufsichtsrates der Volkswagen AG stellt fest, dass Martin Winterkorn der bestmögliche Vorsitzende des Vorstands für Volkswagen ist. Das Präsidium wird vorschlagen, den Vertrag in der Februar-Aufsichtsratssitzung des Jahres 2016 zu verlängern.“ Man achte auf das, was dort nicht steht: einstimmig. Die rechtliche Konstruktion sieht zwar vor, dass im Rat weder Piëch noch Wolfgang Porsche, der andere große Anteilseigner, überstimmt werden können. Doch welche Linien des Widerstands und des faulen Kompromisses wo verlaufen, dringt nicht nach außen. Selbst Winterkorn muss sich darauf verlassen, was ihm berichtet wird, denn er war zur entscheidenden Sitzung zwar vor Ort, sprach aber nicht vor. Die Verteidigung aus niedersächsischer Landesregierung, Betriebsrat und Porsche war sich ohnehin einig: Dieses Geschenk wollten sie Piëch am Vorabend seines 78. Geburtstages nicht machen.

          Wer aber aus all dem schließen wollte, der 17. April 2015 werde als zweiter Geburtstag Winterkorns in die Unternehmensgeschichte eingehen, der kennt den Alten, wie sie ihn ehrfürchtig nennen, schlecht. Noch ist nicht abzusehen, ob Piëch stärker Schaden nimmt über den Tag hinaus. Sicher ist nur, dass Winterkorn nie mehr so unangetastet wird arbeiten können wie zuvor. Die Eigendynamik ist kaum zu bremsen, vermeintliche oder wirkliche Probleme sind in den vergangenen Tagen gleich im Dutzend angesprochen worden. Das Geschäft in Amerika lahmt weiter? Hat Piëch doch schon immer gewusst. China verliert an Dynamik? War klar. Der Golf verliert einen Vergleichstest? Ganz eindeutig Winterkorns Fehler. In den Hintergrund rücken dessen Verdienste, seine jahrelange Erfolgsgeschichte, seine Art, wie sein ehemaliger Ziehvater in Autos zu denken.

          In den Hintergrund rückt auch der trotz Dementi begründet weiter bestehende Verdacht, Piëch sei es in erster Linie gar nicht um unternehmerische Defizite gegangen, sondern darum, seine Ehefrau Ursula auf den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden zu hieven. Der Streit tobte und tobt, die Familie Porsche stemmt sich gegen dieses Ansinnen. Freilich ist nun weniger als je zuvor beantwortet, wer das Kontrollgremium dereinst führen soll. Winterkorn war oder hatte sich selbst dafür vorgesehen. Dieser Plan dürfte sich erledigt haben.

          Auch im Kreis der Kronprinzen wird sich die Aufregung kaum legen. Schon waren einige ausgerufen, allen voran der Vorstandsvorsitzende von Porsche, Matthias Müller. Er kann froh sein, sich nicht selbst ins Spiel gebracht zu haben. Dass ihm öffentlich viele den Job an der Konzernspitze zutrauen, dafür kann er nichts.

          Niemand darf sich in Sicherheit wiegen. Es gibt einen Präzedenzfall. Seinerzeit hieß der Vorstandsvorsitzende Bernd Pischetsrieder. Von Piëch geholt, von Piëch auf dem Weg über die Medien angezählt, vom Aufsichtsrat mit neuem Vertrag ausgestattet, drei Monate später gefeuert. Eventuell anfallende Abfindungen in Millionenhöhe sind nichts, was einen Ferdinand Piëch schrecken könnte. An Winterkorn hat der Patriarch aus Salzburg ein rüdes Foul begangen und sich die gelbe Karte eingehandelt. Die wird ihn nicht ruhen lassen.

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