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Einstieg bei Juul : Marlboro investiert Milliarden ins Dampfen

Neue Sucht: Elektrische Zigarette statt klassischem Glimmstengel. Bild: Reuters

Altria, der Hersteller der Zigarettenmarke Marlboro, verbündet sich mit dem amerikanischen Marktführer für E-Zigaretten Juul – und wertet seinen bisherigen Gegenspieler damit auf.

          Mit einer spektakulären Investition will Altria, der Hersteller der Zigarettenmarke Marlboro, seine Position im Wachstumsmarkt für E-Zigaretten stärken. Der Tabakkonzern verkündete am Donnerstag den Kauf eines 35-Prozent-Anteils an Juul, dem amerikanischen Marktführer in dieser Kategorie. Altria will für die Beteiligung 12,8 Milliarden Dollar zahlen und bewertet den Partner mit insgesamt 38 Milliarden Dollar. Juul steigt damit zu einem der teuersten Start-Up-Unternehmen Amerikas auf. Der E-Zigaretten-Spezialist aus San Francisco, dessen Produkte erst seit drei Jahren verkauft werden, wird nun höher bewertet als das Raumfahrtunternehmen Space X oder der Zimmervermittler Airbnb in ihren jüngsten Finanzierungsrunden. Erst vor wenigen Monaten wurde Juul noch mit 16 Milliarden Dollar bewertet.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Allianz bringt zwei sehr ungleiche Partner zusammen. Juul hat sich in den vergangenen Jahren aggressiv als Gegenspieler traditioneller Zigarettenhersteller positioniert und war damit sehr erfolgreich. Innerhalb kurzer Zeit wurde das Unternehmen zum dominierenden Anbieter von E-Zigaretten in Amerika. Es ist mittlerweile in acht Ländern vertreten, darunter seit dieser Woche auch in Deutschland. Schätzungen zufolge kommt es derzeit auf einen Jahresumsatz von rund zwei Milliarden Dollar. Juul will mit seinen Produkten Rauchern eine Alternative zu gewöhnlichen Zigaretten bieten; das Unternehmen wurde nach eigenen Angaben von früheren Rauchern gegründet. E-Zigaretten enthalten zwar ebenso wie Tabakzigaretten die süchtig machende Substanz Nikotin, werden aber als weniger schädlich für die Gesundheit angesehen, weil sie ohne Teer und sonstige als krebserregend geltenden Stoffe auskommen. Sie geben ihren Nutzern Nikotin in Form einer verdampften Flüssigkeit.

          Aber auch E-Zigaretten sind sehr umstritten, weil sie unter Jugendlichen sehr beliebt sind. Juul bezeichnet es sogar selbst als „Problem“, dass E-Zigaretten in dieser Altersgruppe so gut ankommen, und schrieb in einer Pressemitteilung am Donnerstag: „Unsere Absicht war es nie, dass Jugendliche Juul-Produkte nutzen.“ Das Unternehmen hat erst kürzlich eine Reihe von Schritten verkündet, um den Konsum seiner E-Zigaretten unter Jugendlichen einzudämmen. Beispielsweise sind in Geschäften nur noch Juul-Produkte mit Tabak- und Menthol-Aromen erhältlich, Geschmacksrichtungen wie Mango oder Gurke gibt es nur noch online. Gleichzeitig wurden zusätzliche Anstrengungen unternommen, das Alter von Kunden auf der Internetseite zu verifizieren. Juul hat außerdem seine Aktivitäten in sozialen Netzwerken heruntergefahren und betreibt in Amerika keine Facebook- oder Instagram-Konten mehr.

          Juul will unabhängig bleiben

          Die Milliardenbeteiligung an Juul kommt zu einer Zeit, in der das Kerngeschäft mit gewöhnlichen Zigaretten Altria immer mehr Sorgen bereitet. In den Vereinigten Staaten lag der Anteil der Raucher an der erwachsenen Bevölkerung nach Angaben der Regierung im vergangenen Jahr nur noch bei 14 Prozent. Vor zwanzig Jahren rauchte noch fast jeder vierte Amerikaner. Altria meldete für die ersten neun Monate dieses Jahres einen Umsatzrückgang. Vorstandsvorsitzender Howard Willard beschrieb die Investition in Juul am Donnerstag als Vorbereitung auf „eine Zukunft, in der erwachsene Raucher sich mit überwältigender Mehrheit für nicht brennbare Produkte anstatt für Zigaretten entscheiden.“

          Altria hat versucht, das vielversprechende Geschäft mit E-Zigaretten selbst zu erschließen, hatte damit aber wenig Erfolg und hat kürzlich angekündigt, seine Marken auf diesem Gebiet aufzugeben. Der Einstieg bei Juul ist für Altria die zweite milliardenschwere Beteiligung außerhalb des traditionellen Kerngeschäfts in kurzer Zeit. Erst vor zwei Wochen kündigte das Unternehmen an, für 1,8 Milliarden Dollar einen 45-Prozent-Anteil am kanadischen Marihuanaspezialisten Cronos kaufen zu wollen.

          Juul nimmt sich vor, auch nach dem Einstieg von Altria unabhängig zu bleiben. Teil der jetzt geschlossenen Vereinbarung ist es, dass der Tabakkonzern seinen Anteil nicht über 35 Prozent hinaus ausbauen darf. Von der Verbindung mit Altria verspricht Juul sich prominentem Regalplatz im Einzelhandel und Werbung auf Zigarettenpackungen.

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          Der wachstumsstarke Marihuanamarkt zieht immer mehr große Konzerne aus anderen Branchen an. Jetzt hat AB Inbev, die größte Brauereigruppe der Welt, eine Forschungsallianz mit dem kanadischen Marihuanaspezialisten Tilray angekündigt. Der Hersteller von Biermarken wie „Budweiser“ und „Beck’s“ will mit Tilray an der Entwicklung nicht-alkoholischer Getränke arbeiten, die mit Substanzen aus der Cannabispflanze versetzt sind. Die Forschungsarbeiten sollen sowohl den berauschenden Stoff THC als auch das wenig psychoaktive CBD umfassen. Die Unternehmen wollen in das Gemeinschaftsprojekt jeweils 50 Millionen Dollar investieren. Die Partnerschaft ist auf Kanada begrenzt, wo Marihuana seit Oktober als reines Genussmittel erlaubt ist. Kanada wurde damit zum ersten großen Industrieland, in dem die Substanz auch jenseits medizinischer Anwendungen konsumiert werden darf. Der Zigarettenhersteller Altria zahlte 1,8 Milliarden Dollar für einen 45-Prozent-Anteil am kanadischen Marihuanaspezialisten Cronos, der Bier-, Wein- und Spirituosenhersteller Constellation Brands investierte mehrere Milliarden Dollar in den Wettbewerber Canopy Growth. lid.

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