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Margaretha Sudhof : Neue Frau für das Unternehmensstrafrecht

Die Sozialdemokratin Margaretha Sudhof ist neue Justizstaatssekretärin im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Es ist kein geräuschloser Amtswechsel.

          Eine Weile wird das Getuschel wohl noch anhalten: Wenn Margaretha Sudhof am Mittwoch offiziell das Amt der Staatssekretärin im Bundesjustizministerium antritt, werden sich die Beamten hier und da noch über den bemerkenswerten Austausch des Führungspersonals durch die neue Ressortchefin Christine Lambrecht (SPD) unterhalten. Obwohl sie das Amt von ihrer Genossin Katarina Barley (SPD) übernahm – diese wiederum wechselte ins Europaparlament –, nahm sie etliche Führungskräfte aus der Leitungsebene heraus, darunter die Justizstaatssekretärin Christiane Wirtz. In Kreisen des Verfassungsressorts hob man durchaus die Augenbrauen: So eine Frischzellenkur hatte lange niemand gewagt.

          Hendrik Wieduwilt

          Redakteur der Wirtschaft in Berlin, zuständig für „Recht und Steuern“.

          Eine der frischen Zellen ist nun Sudhof, eine Juristin mit langer Erfahrung in der Verwaltung. Die freie Wirtschaft kennt sie zumindest aus der Theorie und als Kontrolleurin: Sie wurde mit einer Arbeit über Konkurrentenklagen im Wirtschaftsverwaltungsrecht promoviert. Zuletzt saß sie im Aufsichtsrat etlicher öffentlicher Unternehmen, darunter der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg, die nicht nur die beiden funktionsfähigen Flughäfen Schönefeld und Tegel verwaltet, sondern auch als Bauherrin der Groteske namens Flughafen Berlin Brandenburg (BER) tätig ist. Der damalige Amtsinhaber Ulrich Nußbaum (parteilos) hatte die Juristin zur Staatssekretärin ernannt, und sie blieb es auch unter Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD).

          Sudhof klingt frohen Mutes. „Selbstverständlich muss man auf das Haus zugehen“, sagt sie im Gespräch mit der F.A.Z. Lambrecht habe nun einmal umsortiert auf der Leitungsebene, das habe ihr früherer Chef Peter Struck im Verteidigungsministerium nicht anders gehandhabt. Sie vertraut auf die Mitarbeiter. „Im Haus arbeiten Profis, die wissen damit umzugehen.“ Im Übrigen nötige das Amt ihr durchaus „allergrößten Respekt ab“, sagt Sudhof. Dabei gehe es vor allem um spezifisch juristische Themen – nicht so sehr die Budgetverantwortung. Tatsächlich hatte sie zuvor einen 29-Milliarden-Euro-Haushalt mitverantwortet.

          Sudhof bringt reichlich innenpolitische und verfassungsrechtliche Erfahrung mit und sieht sich strikt als Beamtin, nicht als Politikerin. Sie begann ihre Laufbahn als Richterin am Verwaltungsgericht in Frankfurt, wurde dann Leiterin des Referats Recht und Verfassung in der hessischen Staatskanzlei. Von dort wechselte sie an die Spitze des Verfassungsreferats im Bundeskanzleramt unter dem damaligen Amtsinhaber Gerhard Schröder (SPD). Sie gastierte als Unterabteilungsleiterin im Bundesinnenministerium unter Otto Schily (SPD) und kehrte als Gruppenleiterin wieder ins Kanzleramt zurück, bis Schröders Amtszeit im Jahr 2005 endete. Nach einer Zwischenstation als Vertreterin des Bundesinteresses beim Bundesverwaltungsgericht im Bundesinnenministerium unter Wolfgang Schäuble (CDU) wurde sie Referentin beim früheren Verteidigungsminister Peter Struck (SPD). Dort erlebte sie aus nächster Nähe mit, wie sich das Verhältnis von Bund und Ländern durch die Föderalismusreform wandelte. Danach war sie stellvertretend zuständig für Krisenmanagement und Bevölkerungsschutz unter den Unionsministern Thomas de Maizière (CDU) und Hans-Peter Friedrich (CSU).

          Einer früheren Mitarbeiterin fallen zu Sudhof die Adjektive „klug und schnell“ ein – und sie staunt angesichts der beeindruckenden Berufserfahrung, die Sudhof zudem mit einem ausgefüllten Familienleben unter einen Hut bringen konnte. Die 60-Jährige hat drei inzwischen erwachsene Kinder und ist mit einem deutsch-amerikanischen emeritierten Hochschullehrer verheiratet. Neben ihrem Hauptberuf schreibt sie noch heute gelegentlich Fachaufsätze – sowie bisweilen auch ihre eigenen Reden und Gastbeiträge, wie die Literaturliebhaberin betont. Sie unterhält auch heimlich einen Twitter-Kanal, wie sie einräumt, der allerdings nicht auf ihren Namen läuft.

          Im Ministerium wird sie für Justizthemen zuständig sein, während das Verbraucherrecht weiter der frühere Verbraucherzentralen-Chef Gerd Billen (Grüne) bearbeitet. Neben dem Strafprozessrecht und dem Projekt, Kinderrechte ausdrücklich ins Grundgesetz zu schreiben, wird sie daher das von der Wirtschaft mit bangem Blick erwartete Unternehmensstrafrecht mit verantworten. Sudhof gibt sich optimistisch, was die großen gesellschaftlichen Umwälzungen angeht. „Das sollte nicht so schwer sein“, sagt sie, „ein Großteil der Gesellschaft setzt sich mit Themen wie Zuwanderung, Digitalisierung und familiären Veränderungen auseinander – es sind nur nicht immer diejenigen, die mit der lautesten Stimme sprechen.“

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