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Manroland : Aufgespalten und zerstritten

  • -Aktualisiert am

Beschäftigte von Manroland in Offenbach demonstrieren vor dem Werk Bild: dapd

Erst im Nachhinein zeigt sich, wie tief die Gräben innerhalb des insolventen Druckmaschinenkonzerns Manroland waren. Nun blühen die Verschwörungstheorien auf.

          Der Abschied vom Arbeitgeber war für die Beschäftigten des insolventen Druckmaschinenkonzerns Manroland ein beklemmender Gang. Jeder einzelne Mitarbeiter an den drei Standorten Augsburg, Offenbach und Plauen musste am Montag in seinem Betrieb einen Briefumschlag abholen, in dem sinngemäß „gehen“ oder „bleiben“ stand. Während sich die knapp 1400 Auserwählten in Augsburg, die ihre Stelle behalten dürfen, nun zumindest auf einen halbwegs gesicherten Neuanfang unter dem Dach der Lübecker Possehl-Gruppe einstellen können, bleibt in Offenbach die bange Frage, ob der bisherige Insolvenzverwalter und künftige Mitgesellschafter Werner Schneider wirklich einen Investor für die dortige Produktion von Bogendruckmaschinen finden kann.

          Und mit dieser Unsicherheit wächst in Offenbach auch das Gefühl, im Insolvenzprozess von Anfang an die schlechteren Karten gehabt zu haben. Das macht sich zum einen an der Wahl des Insolvenzverwalters fest. Denn ursprünglich war für das vorläufige Insolvenzverfahren der Gerichtsstandort Offenbach vorgesehen gewesen, weil Manroland hier seinen Sitz hat. Die Heidelberger Kanzlei Wellensiek war dafür schon ausgesucht gewesen.

          Die Pistole auf die Brust

          Doch das Manroland-Management, das in Augsburg residiert, drängte darauf, den Insolvenzantrag an dem bayerischen Standort zu stellen. Und damit nicht genug; zudem setzte man offenbar der dortigen Insolvenzrichterin die Pistole auf die Brust. Nur wenn die Kanzlei von Werner Schneider zum Zug komme, sei das Management bereit, eine Insolvenz in Eigenverantwortung mitzumachen, so lautete die Forderung, sagt Christiane de Santana, die geschäftsführende erste Bevollmächtigte der IG Metall in Augsburg. „Wir hatten uns einen anderen Insolvenzverwalter vorgestellt“, bestätigt Marita Weber, die erste Bevollmächtigte der IG Metall in Offenbach. Aber juristisch war am Vorgehen des Manroland-Vorstands nichts zu rütteln.

          Insolvenzverwalter Schneider, der schon den insolventen Augsburger Kuvertiermaschinenhersteller Böwe Systec an Possehl verkauft hatte, nahm dann unverzüglich mit Lübeck Kontakt auf - zwei Tage nach dem Insolvenzantrag, wie er sagt. Und Possehl trat wiederum rasch auf die IG Metall zu, ergänzt Santana. Schon bei Böwe Systec hatten die Lübecker einen Ergänzungstarifvertrag vorgefunden und diesen in veränderter Form übernommen. Ähnliches sollte auch bei Manroland in Augsburg geschehen. Das führte am Ende dazu, dass es zwischen Possehl und der IG Metall schon zu intensiven Gesprächen kam, bevor der Gläubigerbeirat Mitte vergangener Woche seine Entscheidung über die Aufspaltung des Konzerns überhaupt getroffen hatte. Ein zumindest ungewöhnlicher Vorgang, wie Insolvenzfachleute sagen. Und für so manchen „Manroländer“ in Offenbach ein weiterer Beleg dafür, dass die Konzernspitze in erster Linie das Überleben des Standorts Augsburg im Sinn hatte und dafür alle Hebel in Bewegung setzte - auch im Zusammenspiel mit der dortigen Gewerkschaft. Noch aber sei nichts unterschrieben, über die Forderungen von Possehl - ein weiterer Gehaltsverzicht der Beschäftigten von 8 Prozent im ersten Jahr - werde nun erst verhandelt, betont Santana. Und in der Possehl-Zentrale wird betont, man habe keinerlei Einfluss auf die Wahl des Insolvenzverwalters genommen und sei von Anfang an nur am Geschäft mit Rollendruckmaschinen interessiert gewesen - aus strategischen Gründen. Der Bogendruck in Offenbach habe in den Überlegungen nie eine Rolle gespielt.

          Überraschender Abgang des Vorstandsmitglieds Rall

          Dass man sich am Main nun schwer benachteiligt fühlt, zeugt auch von einem Konzern, dessen tiefe innere Gräben erst jetzt so richtig deutlich werden. Mitarbeiter berichten von tiefem Misstrauen und Sprachlosigkeit zwischen den beiden Produktionsstandorten, teure Doppelstrukturen wurden aufrechterhalten und ganz offensichtlich ist es der Konzernspitze nie gelungen, die beiden Lager zu versöhnen oder eine gesamtheitliche Unternehmenskultur zu schaffen. In einem solchen Umfeld blühen nun natürlich auch Verschwörungstheorien auf. Einige davon ranken sich um den überraschenden Abgang des Vorstandsmitglieds Markus Rall im Oktober vergangenen Jahres, der den Geschäftsbereich Bogendruck verantwortete. Rall habe den Konzernchef Gerd Finkbeiner auf dessen Fehler aufmerksam gemacht und deshalb musste er gehen, sagen die einen. Rall habe einen Einjahresvertrag mit Sonderkonditionen gefordert und sei damit nicht mehr tragbar gewesen, sagen die anderen.

          Nicht mehr tragbar war der gesamte Manroland-Komplex ganz offensichtlich für den Alteigentümer Allianz. Schon im September vergangenen Jahres hatte der Versicherungskonzern intern die Alarmanlagen geläutet, dass man kein weiteres Kapital mehr nachschießen wolle. Ende November, als die Marktlage sich partout nicht bessern wollte, war es dann so weit: Ohne eine abermalige Unterstützung aus München blieb Manroland nur noch der Gang zum Insolvenzrichter. Schon an den voran gegangenen Verhandlungen der Manroland-Spitze mit dem Schweizer Finanzinvestor Capvis über einen Verkauf sei die Allianz nicht mehr sonderlich interessiert gewesen, sagen Beobachter.

          Die Aufspaltung in drei Teile ist für Offenbach nun die bessere Lösung als der ebenfalls mögliche Gesamtverkauf an den amerikanischen Finanzinvestor Platinum Equity, findet Marita Weber. „Als alleiniger Standort sind unsere Überlebenschancen größer“, sagt sie. Und Werner Schneider, so heißt es, müsse ja auch noch ein großes Interesse daran haben, schlussendlich einen Käufer auch für die Bogendruckmaschinen zu finden.

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