https://www.faz.net/-gqe-885cd

Abgas-Skandal : Manipulationssoftware in elf Millionen VW-Dieselautos

  • Aktualisiert am

Bild: AP

Europas größter Autohersteller räumt ein, dass die Software zur Manipulation der Abgaswerte in noch mehr Autos eingebaut worden ist. Der Konzern rechnet mit zusätzlichen Kosten von 6,5 Milliarden Euro. Die VW-Aktie stürzt weiter ab.

          2 Min.

          Der Skandal um manipulierte Abgasmessungen bei Dieselautos weitet sich aus. Die Software zur Manipulation der Abgaswerte ist nach Angaben des Volkswagen-Konzerns in mehr Dieselfahrzeugen eingebaut als bislang bekannt: Weltweit seien elf Millionen Fahrzeuge betroffen, teilte Volkswagen am Dienstag mit.

          Die Affäre zwingt Europas größten Autobauer zu höheren Rückstellungen in der Bilanz, weil vermutlich hohe Kosten auf den Konzern zukommen, die noch nicht genau beziffert werden können:  Für „notwendige Servicemaßnahmen“ und weitere Anstrengungen, um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen, wolle Volkswagen im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahrs 6,5 Milliarden Euro zurückstellen. Die Ergebnisziele für das Jahr 2015 würden „dementsprechend angepasst“.

          Angesichts der Ausweitung des Skandals ist die Aktie des Konzerns am Dienstag weiter dramatisch abgestürzt. Sie gab an der Frankfurter Börse zeitweise um über 20 Prozent nach.

          Der Skandal kam ins Rollen, nachdem in Amerika festgestellt wurde, dass einige VW-Diesel-Modelle auf dem Prüfstand deutlich geringere Abgaswerte anzeigten als im normalen Fahrbetrieb auf der Straße. Die amerikanische Umweltbehörde EPA hatte am Freitag bekannt gegeben, dass Volkswagen eine Software entwickelt hat, die merkt, wann das Auto getestet wird und dann den Motor anders steuert, so dass er im Test besser abschneidet. Die Dieselfahrzeuge stießen folglich im regulären Straßenverkehr mehr gesundheitsschädliche Stickoxide aus als in den Tests.

          Mehrere Länder wollen Dieselfahrzeuge jetzt auf Manipulationen untersuchen

          Wörtlich heißt es in einer Mitteilung der Wolfsburger: „Auffällig sind Fahrzeuge mit Motoren vom Typ EA 189“. Sie seien in rund elf Millionen Fahrzeugen weltweit eingebaut. Bei diesem Motortyp sei eine „auffällige Abweichung zwischen Prüfstandswerten und realem Fahrbetrieb“ festgestellt worden. Volkswagen arbeite daran, diese Abweichungen „mit technischen Maßnahmen“ zu beseitigen. Volkswagen betonte, der Konzern treibe die Aufklärung von Unregelmäßigkeiten „mit Hochdruck“ voran. Das Unternehmen stehe dazu in Kontakt mit den zuständigen Behörden und dem deutschen Kraftfahrtbundesamt. Neben den Vereinigten Staaten wollen Deutschland, Süd-Korea, die Schweiz und Frankreich Dieselfahrzeuge auf Manipulationen untersuchen.

          Der Skandal beunruhigt auch die Mitarbeiter in Wolfsburg. Die Geschäftsführung hat bislang noch nicht mit der Belegschaft gesprochen, berichten Arbeiter auf dem Weg zu den Fließbändern. „Es wird gemunkelt, dass in den nächsten Tagen eine Führungsperson zurücktreten wird“, sagt ein Angestellter, der nach eigenen Angaben im Werk eine höhere Position bekleidet. Viele Mitarbeiter in Wolfsburg fürchten, dass der Skandal auch für sie Konsequenzen haben könnte: „Langfristig könnten Arbeitsplätze in Gefahr sein“, erklärt ein Angesteller aus dem Service. Entscheidend sei, ob sich der Imageschaden des Unternehmen wieder wett machen ließe. Ein Kollege aus der Fahrzeugdiagnose fügt hinzu: „Ich glaube nicht, dass es in diesem Jahr noch Bonuszahlungen für uns geben wird“. Ein anderer Arbeiter, der seine Abteilung lieber nicht nennen will, kritisiert vor allem die Informationspolitik des Unternehmens: „Wir erfahren alles nur aus den Zeitungen.“

          Nicht wenige Mitarbeiter sind trotz des Skandals für einen Verbleib von Vorstandschef Martin Winterkorn: „Er hat sich immer für die deutschen Standorte eingesetzt und mehrmals unsere Arbeitsplätze gerettet“, sagt ein Karosseriebauer am Eingang des Wolfsburger Werks. Ein anderer Mann, der im Personalwesen des Autoherstellers arbeitet, stellt jedoch klar: „Wenn Winterkorn von der Manipulation wusste, muss er zurücktreten“.

          Am Mittwoch berät das Präsidium des VW-Aufsichtsrats über die Konsequenzen aus der Affäre.

          Weitere Themen

          Staatsanwaltschaft durchsucht Geschäftsräume

          Volkswagen : Staatsanwaltschaft durchsucht Geschäftsräume

          Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat am Dienstag Geschäftsräume von VW in Wolfsburg durchsucht. Hintergrund sind laut Konzern Ermittlungen gegen Einzelpersonen „weit unterhalb des Vorstands“, die sich auf Dieselfahrzeuge mit Motoren des Typs EA 288 bezögen.

          Topmeldungen

          SPD unter neuer Führung : Auf Linkskurs

          Unter Esken und Walter-Borjans wird die SPD einen Linkskurs einschlagen, mit dem sie vor die „Agenda 2010“ zurückfällt. Damit gibt sie allerdings auch den Anspruch auf die „Mitte“ auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.