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Gründerszene : Manche Start-ups wollen nicht nach Berlin

Erfolgreich in der Provinz: Fabian Silberer (links) und Marco Reinbold. Bild: Sevenit

Viele Start-ups wandern in die Großstädte ab. Denn Wagnisfinanzierer investieren nur selten in Unternehmen aus der Provinz. Gründer Fabian Silberer bleibt trotzdem in Offenburg – und findet den Berlin-Hype kurzsichtig.

          3 Min.

          In Berlin wäre Fabian Silberer wahrscheinlich jeden Abend unterwegs, heute zum Gründer-Grillen, morgen zum After-Work-Netzwerken, übermorgen zu einem Vortrag. Und jeden Abend würde er jemanden treffen, der einen kennt, der ihm weiterhelfen könnte bei diesem oder jenem Thema, das ihn gerade beschäftigt. Vielleicht auch mit Geld für den nächsten Wachstumsschub. So ist das in Berlin in der Gründerszene.

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Aber Fabian Silberers Unternehmen Sevenit sitzt in Offenburg, und dort gibt es das alles nicht. Die 60.000-Einwohner-Stadt, gelegen im Rheintal in unmittelbarer Nachbarschaft zum französischen Straßburg, mag ihre Reize haben. Aber sie ist eben tiefste Provinz – jedenfalls aus der Sicht von Investoren.

          Silberer hat das bitter erfahren müssen. „Ein Unternehmen in Offenburg finanzieren wir nicht.“ Solch einen Satz hat er mehrfach gehört, als er den Kontakt zu Wagnisfinanzierern suchte, manchmal fiel der Satz ganz unverblümt, manchmal ergab er sich zwischen den Zeilen. Wenn Silberer nach Berlin ziehen würde, ja dann käme man mit ihm gern wieder ins Gespräch. Dort würde vor allem die Personalsuche viel einfacher sein, sagten Silberers Gesprächspartner, einer nach dem anderen.

          In den Metropolen geht es Gründern besser

          Seither hat sich der Jungunternehmer genauer mit dem Phänomen befasst und festgestellt: Es geht nicht nur ihm so. In den Metropolen geht es Gründern viel besser. Eine ganze Datensammlung hat der 27 Jahre alte Wirtschaftsingenieur dazu erstellt. Das Ergebnis: vom Breitband-Internet über die Finanzierungsmöglichkeiten bis hin zum Arbeitskräftepotential ist alles sehr ungleich verteilt.

          Und so wundert sich Silberer nicht mehr, dass tolle Start-ups aus seiner badischen Heimat in Richtung Berlin verschwinden. Fluffy Fairy Games nennt er als Beispiel, einen aufgehenden Stern der deutschen Gamingwelt, erst vor zwei Jahren gegründet, jetzt schon mit sechsstelligen Umsätzen am Tag. Oder Store2b, vor drei Jahren aus dem Karlsruher Inkubator Cyberlab heraus gegründet, eine Plattform für Marketing-Locations.

          „Bei uns kündigt keiner“

          Ja, räumt Silberer ein, in Berlin würde man wohl schneller die 30, 40 Leute einstellen können, die Sevenit noch bräuchte. „Aber die sind dann auch schneller wieder weg“, mutmaßt er und fügt mit Blick auf seine eigene Belegschaft hinzu: „Bei uns kündigt keiner.“ Auf knapp 70 Köpfe kommt die Sevenit GmbH jetzt, fast alles Leute, die als Werkstudenten oder nach dem Bachelor bei dem Unternehmen angeheuert haben, das unter dem Namen „Sevdesk“ eine Softwarelösung für Kleinunternehmen anbietet.

          Rechnungen schreiben, Buchhaltung machen, Umsatzsteuervoranmeldung erledigen – all das geht mit Sevdesk über eine App, und man braucht nicht einmal die legendäre Schuhschachtel, um seine Belege zu sammeln. Jede Quittung kann einfach sofort eingescannt werden, und dank semantischer Algorithmen und Künstlicher Intelligenz fragt die Sevdesk-App auch sofort nach, wenn noch etwas unklar ist: Wer alles bei dem Mittagessen dabei war, das auf Spesen abgerechnet werden soll, zum Beispiel, oder für welchen Zweck der Blumenstrauß war.

          „Kleinunternehmen kaufen ein wie Privatleute, da gibt es keine Prozesslogik“, erklärt Silberer. Man hat daher eine Menge geforscht bei Sevenit, und weil auch noch viel zu forschen ist, hätte man gern auch noch ein paar erfahrene Fachleute für semantische Erkennung, für neuronale Netze, Data-Analysten und Marketing-Spezialisten.

          Die Software läuft wie geschnitten Brot. 65.000 Kunden verwenden sie schon, vor allem im deutschsprachigen Raum, aber auch in Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien. Für die weitere Expansion bräuchte Silberer mehr Mitarbeiter, vor allem aber Geld. „Wir könnten locker 20 Millionen auf die Straße bringen“, sagt er. Die Chancen wären da. Ganz unabhängig vom Standort. Aber die Investoren für solch große Engagements findet man nicht in Baden-Württemberg, jedenfalls nicht so leicht, ist Silberer bewusst.

          Vorigen Sommer hat er mit seinem Kompagnon Marco Reinbold, mit dem er vor fünf Jahren das Unternehmen gegründet hat, 3,1 Millionen Euro eingesammelt. Die Hauptinvestoren waren damals der Karlsruher Technologiefonds Lea Partners und der frühere Softwareunternehmer Klaus Wecken, außerdem engagierten sich der Wagniskapitalfonds Baden-Württemberg und die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Baden-Württemberg (MBG).

          Silberer will nicht nach Berlin

          In Berlin hätte er es wohl leichter mit der weiteren Finanzierung, weiß Silberer und verweist zum Beweis auch auf seine Datensammlung. Während in den Regionen Karlsruhe oder Stuttgart nur jedes siebte Start-up mit Wagniskapital ausgestattet wurde, ist es in Berlin jedes dritte. Insgesamt kommt ganz Baden-Württemberg auf nur ein Zehntel dessen, was in Berlin an Wagniskapital verteilt wird.

          Silberer hält das für kurzsichtig. Gerade Baden-Württemberg lebe doch von der Vielfalt seiner mittelständischen Wirtschaft, gibt er zu bedenken – das dürfe man bei der Verteilung der Investitionen nicht übersehen. Immerhin, bei einigen Gesprächspartnern aus dem Venture-Capital-Bereich glaubt er ein Umdenken zu erkennen.

          „Wir würden gern hierbleiben“, lautet jedenfalls die Ansage von Fabian Silberer. Es macht dem Unternehmer Mut, dass er gerade erst einen erfahrenen Mitarbeiter für eine Managementposition gefunden hat, der die besondere Qualität des Lebens in Offenburg zu schätzen weiß. Die neue Führungskraft will die eigenen Kinder nicht in Berlin aufwachsen lassen – und tauscht deswegen die Metropole gegen die Provinz.

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