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Management : So viele Chefwechsel wie nie zuvor

Dramatische Figur: Wendelin Wiedeking Bild: AP

Mehr als jeder fünfte Vorstandsvorsitzende hat 2009 seinen Posten aufgegeben - freiwillig oder gezwungenermaßen. So viele Wechsel an der Spitze von Unternehmen gab es einer Studie zufolge bisher noch nie. Die Fluktuation ist in Deutschland deutlich höher als in anderen Ländern.

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          Im vergangenen Jahr haben im deutschsprachigen Raum so viele Vorstandsvorsitzende gewechselt wie nie zuvor. Mehr als jeder fünfte Unternehmenslenker verließ 2009 seinen Posten - freiwillig oder gezwungenermaßen. Die Fluktuationsrate belief sich auf 21,3 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt die Unternehmensberatung Booz & Company in der aktuellen Auflage ihrer Studie, die sie jedes Jahr unter den 2500 größten Unternehmen auf der Welt durchführt, davon 150 aus dem deutschsprachigen Raum.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Mit den aktuellen Zahlen liegen Deutschland, Österreich und die Schweiz deutlich über dem europäischen Durchschnitt. In Europa betrug die Fluktuationsrate im Schnitt 15,2 Prozent, auf der ganzen Welt 14,3 Prozent. Besonders viele Wechselfälle gab es in allen Ländern in der Finanzbranche und in Telekommunikationsunternehmen. Vergleichsweise ruhig blieb die Lage in der Pharmabranche.

          Mehr Fluktuation als in anderen Ländern

          Schon in den vergangenen Jahren waren die Fluktuationsraten in Deutschland höher als in anderen Ländern. Booz-Chef Stefan Eikelmann erklärt das unter anderem mit dem öffentlichen Druck, der auf den Aufsichtsratsvorsitzenden laste. „Sie reagieren viel schneller, wenn ein Vorstandschef in die Kritik gerät.“ Von einem Schleudersitz will Eikelmann trotz der hohen Wechselquote hierzulande nicht sprechen. Immerhin betrage die durchschnittliche Amtsdauer der ausscheidenden Vorstandschefs 6,7 Jahre. Das seien zwar rund anderthalb Jahre weniger als noch vor sieben Jahren, der Unternehmensberater hält dies aber für einen ausreichenden Zeitraum, in dem Vorstandschefs ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen können: „Das entspricht in der Regel zwei Amtsperioden.“

          Thomas Middelhoff
          Thomas Middelhoff : Bild: AP

          Noch ein weiteres Detail aus der Studie spricht gegen die vielfach verbreitete These vom Schleudersitz auf den Vorstandsetagen: Rund die Hälfte der Nachfolgeregelungen kam nicht überraschend, sondern war von langer Hand geplant - etwa aus Altersgründen. Wilhelm Bender war so ein Fall: Der ehemalige Fraport-Chef ging im Frühjahr vergangenen Jahres nach 17 Jahren an der Spitze des Flughafenbetreibers in den Ruhestand und gab seine Position an seinen Stellvertreter Stefan Schulte ab.

          Neubesetzungen nach anderen Pioritäten

          Während in den vergangenen Jahren als Nachfolger der ausscheidenden Vorstandsvorsitzenden vor allem Manager mit Restrukturierungserfahrung gefragt gewesen seien, setze nun ein Umdenken ein, berichtet Eikelmann. In den Vordergrund rücke wieder mehr, welcher Manager für ein Unternehmen neue Wachstumsmärkte erschließen könne. Als Beispiel führt er die Personalie Heinrich Hiesinger an. Der Siemens-Vorstand wird im kommenden Jahr Ekkehard Schulz an der Spitze von Thyssen-Krupp ablösen. Hiesinger leitet bei Siemens das wichtigste Geschäftsfeld: die Industriesparte. Er soll Thyssen-Krupp unabhängiger vom Stahl machen.

          Dass Hiesinger von außen kommt, ist nach Einschätzung von Booz eine Ausnahme. Im Allgemeinen gäben die Aufsichtsräte internen Kronprinzen den Vorzug. Insgesamt legten die Kontrollgremien mehr Wert darauf, dass Vorstandschefs über internationale Erfahrung verfügten. Die im vergangenen Jahr in Deutschland eingeführte gesetzliche Regelung, wonach ein Vorstandsmitglied erst nach einer Wartezeit von zwei Jahren in den Aufsichtsrat wechseln darf, begrüßt Eikelmann. "Es ist für einen Vorstandschef schwer, Veränderungen durchzusetzen, wenn der eigene Vorgänger den Aufsichtsrat führt."

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