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Rüdiger Köhn (kön.)

MAN-Chef Samuelsson : Ein ehrenwerter Abgang

Håkan Samuelsson hat seinen Chefsessel bei MAN geräumt. Zu begreifen ist dieser Rücktritt auf den ersten Blick nicht. Klar ist aber: Jetzt ist der Weg frei, für die von Ferdinand Piëch geplante Lastwagen-Allianz.

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          Zu begreifen ist der Rücktritt von Håkan Samuelsson auf den ersten Blick nicht. Der Vorstandsvorsitzende des Lastwagenherstellers MAN hatte nach der Amtsübernahme Anfang 2005 schnell neue Richtlinien und Kontrollmechanismen eingeführt, die eine regelgerechte Unternehmensführung sichern sollten. Da aber war die Korruption schon im Gange, von der er aber wohl keine Kenntnis hatte. Nach Bekanntwerden der verdeckten Zahlungen im Lastwagen- und Busgeschäft im Mai dieses Jahres hat Samuelsson versucht, die Missstände zügig aufzuklären und den Imageschaden für MAN zu begrenzen.

          Der Schlussstrich sollte schon auf der Aufsichtsratssitzung am 11. Dezember gezogen werden, nach nur acht Monaten. Was für ein Unterschied zur Siemens-Korruptionsaffäre, die seit drei Jahren schwelt und die derzeit im Streit zwischen Aufsichtsratschef Gerhard Cromme und seinem Widerpart Heinrich von Pierer, dem früheren Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden des Münchener Elektro- und Industriekonzerns, kulminiert. Schneller als von Pierer hat Samuelsson jetzt durch seinen Rückzug von der Unternehmensspitze die Verantwortung für die Affäre übernommen. Das ehrt den 58 Jahre alten schwedischen Manager.

          Schockwelle im Unternehmen

          Samuelssons Entscheidung hat im Unternehmen eine Schockwelle ausgelöst, passte sie doch nicht recht zu den Fortschritten, die er in der Aufklärung gemacht hatte. Das wirft Fragen auf, die unbeantwortet bleiben und damit an der Integrität kratzen. Warum geht Samuelsson just drei Wochen vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung urplötzlich? Hat es neue Erkenntnisse gegeben, die ein größeres Ausmaß der Affäre zeigen, als es der Schwede erahnen konnte? Bislang wurde dies immer strikt verneint. Doch ist die Untersuchung, die sich einst nur auf die Nutzfahrzeuge erstreckte, auf den gesamten Konzern ausgeweitet worden.

          Vorwürfe werden Samuelsson bisher nicht gemacht. Er gilt der Staatsanwaltschaft nicht als Beschuldigter. Aber ein schwer durchschaubares Bestechungssystem mit Briefkastenfirmen im Ausland könnte noch für böse Überraschungen sorgen. Da spielt es keine Rolle, dass es bei MAN „nur“ um 16 Millionen Euro ging, während Siemens fragwürdige Zahlungen von 1,3 Milliarden Euro ausgemacht hat.

          Es liegt nahe, dass mit dem Abgang ein Signal gesetzt werden soll, das MAN einen Neuanfang ermöglicht. Die moralische Schuld kann so auf jemanden abgeladen werden, der nicht mehr im Unternehmen ist. MAN gewinnt dadurch Luft für die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen. So rückt ein anderer Aspekt in den Blick, der maßgeblich zum Rücktritt geführt haben dürfte: Samuelsson hat die Konsequenzen aus einem seit Jahren währenden Machtkampf mit Ferdinand Piëch gezogen, dem Herrn über den Volkswagen/Porsche-Konzern und Aufsichtsratsvorsitzenden von MAN.

          Offenbar war Samuelsson zu selbstbewusst

          Der Schwede muss sich eingestehen, dass er vielleicht doch zu selbstbewusst gegenüber dem Hauptaktionär, der knapp 30 Prozent an MAN hält, aufgetreten ist. Samuelsson wollte Chef einer neuen großen Lastwagen-Allianz werden, die VW zusammen mit Scania geplant hatte. In dieser Konstellation wollte Samuelsson mit MAN die führende Rolle übernehmen. Schon einmal musste er dabei eine Niederlage hinnehmen, als Piëch den Übernahmeversuch von Scania durch MAN torpedierte. Doch dann hat Piëch Samuelssons weitere Schritte auf die Allianz hin zunächst unterstützt. Die Bereiche Dieselmotoren und Turbomaschinen wurden zusammengelegt, um sie vom Lastwagengeschäft abzuspalten. Rückendeckung erhielt Samuelsson auch für die strategische Allianz mit dem chinesischen Nutzfahrzeughersteller Sinotruk, mit dem eine Expansion auf den asiatischen Markt gelungen ist. Besonders begrüßt hat Piëch die Übernahme der brasilianischen Lastwagengesellschaft VW Truck & Bus durch MAN, die dem Wolfsburger Autokonzern viel Geld beschert hat.

          Piëch passte es jedoch nicht, dass Samuelsson zu oft und zu laut auf die Unabhängigkeit von MAN als börsennotiertem Dax-Konzern pochte. Das war offenbar zu viel Selbstbewusstsein, mögen Samuelssons operative Führungsqualitäten selbst Piëch beeindruckt haben. Es hat sich in den vergangenen Monaten schon abgezeichnet, dass Samuelssons Chancen, Chef einer Lastwagen-Gruppe unter dem VW-Dach zu werden, schrumpften. Zu groß waren die Verstimmungen zwischen ihm und Piëch geworden; auch mit dem 62 Jahre alten Scania-Chef Leif Östling gab es Ärger. Eine veritable Feindschaft ist zwischen ihnen gereift. Östling, der nah an Piëch dran ist, hatte seine Machtposition mit der Vertragsverlängerung im vergangenen Jahr schon gefestigt.

          Mit dem Abtritt von Samuelsson wird nun ein Hindernis für eine reibungslose Zusammenführung der Unternehmen aus dem Weg geräumt. Piëch hat mit Hilfe der Korruptionsaffäre eine elegante Methode gefunden, einen unliebsam Gewordenen aus dem Weg zu räumen. Håkan Samuelsson bleibt nicht mehr als der ehrenwerte Abgang, indem er Verantwortung übernimmt.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

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