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Mamma mia : Das Geschäft mit den Musicals

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Schöne, Biest: Holiday on Ice Bild: dpa

Neue Musicals aufzulegen ist, wie nach einer Goldader zu graben. Wer sie findet, wird schnell reich. Doch nur wenige große Inszenierungen bringen Gewinne. Sicheres Geld lässt sich in der Provinz verdienen. Mit billigen Imitaten großer Shows, die dann in Siegen, Aschaffenburg oder Wetzlar auf die Bühne kommen.

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          Die Schneekönigin tanzt eine Pirouette, der Zottelbär zottelt, Asiatinnen fliegen an Bändern durch die Eishalle, und Copacabana-Damen mit Orangenhüten schwingen die Kufen. „Holiday on Ice“ ist mal wieder in Frankfurt, wie seit 1951 Jahr für Jahr. „Tropicana“ heißt diese 58. Auflage der Eistanzshow. 700.000 bis 750.000 Gäste hat die Tourproduktion in Deutschland jährlich - „krisenfest, stabil“, wie ihr Geschäftsführer Michael Duwe sagt.

          Holiday on Ice gehört zur Unternehmensgruppe Stage Entertainment (SE), die in Deutschland Marktführer im Segment vergleichbarer Massen-Amüsements ist. Sie hat bundesweit elf eigene Bühnen und schickt Musicalsänger und Eistänzer auf Städtetouren. Im Krisenjahr 2009 betrug der Besucherrückgang drei bis vier Prozent, sagt ein Sprecher. Zuletzt gab es in der Musical- und deren vielen Schwesterbranchen, wie denen der Tanz- oder Pferdeshows, einerseits unerfreuliche Zeichen. Das gigantische Theaterprojekt Ben Hur, mit vielen Millionen Euro von der Firma Art Concerts vorfinanziert, ist am Beginn seiner Tournee, die durch Fußballarenen führen soll, für zwei Monate ausgesetzt worden, angeblich aufgrund technischer Defekte. Doch Zeitungen schreiben, es gebe Verzögerungen bei der Auszahlung der Gehälter. Das Musical Marie Antoinette spielte 2009 in Bremen einen Millionenverlust ein. Und „Wind of Change“, ein vor Jahren angekündigtes Stück über die deutsche Wiedervereinigung, wird es nun doch nicht geben. Kein Autor habe ein überzeugendes Drehbuch vorgelegt, heißt es dazu bei SE.

          Andererseits ist die Branche rege. Der Marktführer SE bringt im Herbst in Hamburg „Sister Act“ auf die Bühne, und im November startet das Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“. Der zweite große deutsche Veranstalter BB Promotion aus Mannheim schickt derzeit „Thriller live“, in dem eine Frau Michael Jackson spielt, durchs Land und kündigt dieser Zeitung an, künftig ein eigenes Theater in Hamburg erwerben zu wollen. Und dann feiert in einer Woche in Frankfurt auch noch ein Musical namens „Hope - die Obama Musical Story“ Premiere.

          Schöne, Biest: Holiday on Ice Bilderstrecke

          Die Inszenierungen kosten zum Teil zweistellige Millionenbeträge

          Neue Musicals aufzulegen ist, wie nach einer Goldader zu graben. Stage Entertainment hat mit dem „König der Löwen“ in Hamburg eine solche gefunden. Das Stück läuft dort bereits seit mehr als acht Jahren und wurde von mehr als sechs Millionen Menschen gesehen. BB Promotion erzielte mit „We Will Rock You“ in Köln einen ähnlich großen Erfolg. Wer ein so erfolgreiches Musical produziert oder die Lizenzen zur Aufführung erwirbt, kann sich dann auch einige schwächer besuchte Shows leisten. „Wir haben mit unseren großen Investitionen zum Glück immer ins Schwarze getroffen“, sagt Michael Brenner, Geschäftsführer von BB.

          Eine neue Musicalinszenierung kostet viel Geld, die Hamburger Tarzan-Produktion etwa war SE rund 20 Millionen Euro wert. Denn nur wer auf dem unübersichtlichen Markt ein Alleinstellungsmerkmal anbietet wie freischwingende Affen (Tarzan), fallende Kronleuchter (Phantom der Oper), besonders schöne Kostüme (König der Löwen, Holiday on Ice), lockt genügend Zuschauer. Stage Entertainment hat nun erstmals auch eine neue Einnahmequelle aufgetan: das „Theaterbranding“. Ein Musicalhaus in Hamburg wurde zum „Tui Operettenhaus“, dort läuft das Musical „Ich war noch niemals in New York“, zu dem der Reiseveranstalter wiederum Städte-Trips anbietet.

          Sicheres Geld aus der Provinz

          Am sichersten aber ist das Geschäft in der Provinz. Viele kleinere Agenturen schicken zweitrangige Ensembles mit Auszügen aus verschiedenen Musicals oder an große Vorbilder angelehnten Eigenproduktionen durch die kleineren Hallen, dafür fallen keine Lizenzgebühren an. Nach Castrop-Rauxel, Salzwedel, Ratingen und Bautzen kommt dann etwa eine Manhattan Music Company, und statt Riverdance gibt es „Moondance“ oder „Best of Irish Dance“, statt „Mamma mia“ ist eine „Abba Mania“, „Abbafever“ oder „Abba - The Concert“ zu sehen. Wie gut das Geschäft in der Provinz läuft, zeigt der Erfolg von Agenturen wie Aktiv Event Ltd. aus Thüringen. Vor sieben Jahren mit wenigen Veranstaltungen gestartet, brachte Aktiv Event im vergangenen Jahr rund 450 Shows auf die Bühnen, vorwiegend in Städten wie Siegen, Aschaffenburg, Wetzlar. Die Show „Musical Fieber“ reist in gleich drei Besetzungen durchs Land. Um nicht mit den Justitiaren der Rechteinhaber zu tun zu bekommen, dürfen Bühnenbild und Kostüme nicht zu nahe am Original sein. Deshalb trägt das Phantom der Oper seine Maske zum Beispiel auf der falschen Gesichtshälfte.

          Wie in jedem Winter hat Holiday on Ice auch wieder einen Gast-Schlittschuhläufer unter Vertrag. In diesem Jahr ist das Anna Maria Kaufmann, die vor 20 Jahren durch eine Rolle im Hamburger Phantom der Oper berühmt wurde. Das feierte kürzlich am Broadway seine 9000. Aufführung. Und auch für Holiday on Ice wird es weitergehen - und sei es auf Kreuzfahrtschiffen wie der Oasis of the Seas, die dazu eine Eisfläche unterhält.

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