https://www.faz.net/-gqe-9gx5b

Staatsfonds-Sumpf in Malaysia : „Betrug stimmt mit der Kultur von Goldman Sachs überein“

Jho Low ist nicht eben beliebt in Malaysia. Auf Demonstrationen wird er als Pirat dargestellt. Bild: AP

Goldman Sachs steckt tief im Korruptionssumpf um den malaysischen Staatsfond 1MDB. Der Aktienkurs der Bank geht in die Knie. Ein Deutscher steht im Mittelpunkt. Doch welche Rolle spielt der Ex-Chef Lloyd Blankfein?

          Nun, da Goldman Sachs nach Jahren in den Mittelpunkt der weltumspannenden Betrugsaffäre um den malaysischen Staatsfonds gerückt ist, brechen die Dämme. Von allen Seiten werden neue Einzelheiten bekannt und Klagen eingereicht.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Amerikaner hat das schleichende Aufdecken ihrer Rolle beim Verschwinden von rund 4,5 Milliarden Dollar unter Mithilfe ihrer Manager schon Milliarden Dollar an Börsenwert gekostet. Der Aktienkurs ist in den vergangenen beiden Wochen um mehr als 15 Prozent gefallen.

          Schwerer dürfte noch der Vertrauensverlust wirken: Gerade Schwellenländer und deren Regierungen werden, wenn sie einen globalen Partner für ihre Finanzgeschäfte suchen, etwa für das Ausgeben von Anleihen, einen Bogen um Goldman Sachs machen.

          Das große Rad des Jho Low

          Der Staatsfonds 1 Malaysia Development Berhad (1MDB) hat ein großes Rad gedreht. Im Mittelpunkt der malaysischen Malaise steht der chinesisch-stämmige Low Taek Jho – Bewunderern, Geschäftspartnern, Stars und Sternchen nur als Jho Low bekannt. Er soll den mit Steuergeldern finanzierten Fonds in gewaltigen, erdumspannenden Transaktionen um mindestens 2,7 Milliarden Dollar erleichtert haben. Der nun in Amerika Angeklagte scheint in China untergetaucht. Ab und zu – etwa während der Konfiszierung seiner Luxusyacht – meldet er sich über seine Anwälte.

          GOLDMAN SACHS

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Seine Helfer bei den Transaktionen aber saßen bei Goldman Sachs. Die Bank kassierte gewaltig mit. Nach amerikanischen Gerichtsunterlagen bestachen die Banker vom tropischen Finanzplatz Singapur aus und wuschen Geld, um sich den Auftrag für eine Anleihe im Wert von 6,5 Milliarden Dollar zu sichern, die ihnen 600 Millionen Dollar Gebühren einbrachte.

          Deutscher Drahtzieher

          Drahtzieher war dabei ihr früherer Südostasien-Chef Tim Leissner. Der Deutsche hatte die Bank im Sommer 2016 verlassen, nachdem das Board von 1MDB aufgelöst worden war und sich im August schuldig bekannt hatte. Leissner hatte Low jahrelang begleitet, beraten und war mit ihm befreundet.

          Auf der Sonneninsel Singapur ließ er die Puppen tanzen: Zurückzahlen soll er allein 43,7 Millionen Dollar, die ihm aus den dunklen Geschäften zugeflossen waren. Für eine Kaution von 20 Millionen Dollar ist er derzeit noch auf freiem Fuß.

          Sein früherer Stellvertreter, der Südostasien-Geschäftsführer Roger Ng, hatte Goldman schon 2014 verlassen, und wurde jüngst in Malaysia festgenommen. Auch gegen ihn wird in Amerika Anklage erhoben.

          Und schließlich soll auch Andrea Vella, einst einer der Chefs des asiatischen Investmentbanking bei Goldman, in die Vorgänge eingeweiht gewesen sein. Gegen ihn erhoben die Amerikaner freilich keine Anklage. Allerdings ist er von Goldman Sachs kaltgestellt worden.

          Schadenersatz von Goldman

          In Malaysia steht der frühere Ministerpräsident und 1MDB-Aufseher, Najib Razak, vor einem umfassenden Prozess. Sein Nachfolger Mahathir Mohamad hatte die Wahl unter anderem dank der Verbrechen um 1MDB – in dessen Umfeld es sogar zum Mord einer mongolischen Prostituierten kam – gewonnen; Mahathir versprach aufzuräumen.

          Inzwischen hat er öffentlich den Stab gebrochen über die Amerikaner: „Goldman Sachs hat Dinge getan, die falsch sind und die sie nicht getan haben sollten.“ Sein Finanzminister erklärte, dass er Schadenersatz von Goldman Sachs verlangen werde – woraufhin der Aktienkurs so stark zurückging wie zuletzt im Zuge der Finanzkrise.

          Diese Ankündigung öffnete Tore: Mitte der Woche erklärte Abu Dhabi’s International Petroleum Investment Co. (IPIC) ihrerseits, ebenfalls Klage gegen Goldman Sachs eingereicht zu haben. Es geht um Verluste, die die Scheichs über Geschäfte mit 1MDB erlitten haben.

          Die Amerikaner sollen eine „zentrale Rolle gespielt haben bei einem lange währenden Versuch, frühere Manager von IPIC und deren Tochtergesellschaft Aabar Investments zu bestechen.“ Im vergangenen Jahr hatte 1MDB nach einem Schiedsspruch in London IPIC schon 1,2 Milliarden Dollar erstattet.

          Najib wälzt die Schuld ab

          Nun ging auch der bedrängte Najib erstmals in die Offensive: In einem Interview mit der malaysischen Zeitung „Sinar Harian“ versuchte er, sich reinzuwaschen – indem er die Schuld auf seine hochbezahlten Berater von Goldman Sachs abwälzte: „Zu jener Zeit hatten wir Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und Goldman Sachs engagiert, eine wohl bekannte, globale Investment Bank. Die Verantwortung der Bank und aller anderen war, Malaysias Interessen zu schützen. Versagte sie dabei, wie sollte ich das erkennen?“

          Das ist ein Satz wie Sprengstoff, wenn es um die Reputation einer beratenden Investmentbank geht. Und dies zu einer Zeit, in der in allen Schwellen- und Entwicklungsländern rund um die Erde die Finanzierung mit Staatsanleihen ganz hoch im Kurs steht.

          Doch für die Amerikaner kommt es noch schlimmer: Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, der die Affäre vor wenigen Tagen noch mit dem „Fehlverhalten einiger Angestellter“ vom Tisch hatte wischen wollen, war wohl selbst involviert. Heute ist Blankfein Vorsitzender des Verwaltungsrates von Goldman Sachs.

          2009 soll es im Four Seasons Hotel in New York zu einem Treffen zwischen ihm und Najib gekommen sein, das Leissner und Jho Low eingefädelt und geführt hatten. Eine Woche nach dem Treffen erklärte die malaysische Finanzaufsicht, Goldman Sachs erhalte das Recht, ein Fondsgeschäft in Malaysia aufzubauen. 2013 soll es zu einem weiteren Treffen von Najib mit einem „hochrangigen Manager von Goldman“ in New York gekommen sein, wobei unklar ist, ob dies Blankfein selber war.

          2013 waren die letzten goldenen Monate für die Bank in Asien: Gemessen an den eingenommenen Gebühren, notierte sie an zweiter Stelle in Südostasien. Als dann der Skandal um 1MDB durch Journalisten an die Öffentlichkeit kam, stürzte sie innerhalb von zwei Jahren auf Rang 24. Leissner gab nun zu Protokoll, dass das Versagen der Bank, das er sich mit krimineller Energie zunutze machte, strukturell war: Es „stimmte ganz mit der Kultur von Goldman Sachs überein, Fakten von bestimmten Mitarbeitern in der Unternehmensaufsicht fern zu halten“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Iran-Konflikt : Amerika schickt weitere Soldaten in den Nahen Osten

          Die Spannungen zwischen Iran und Amerika nehmen zu. Zwar betont man in Washington, man suche nicht die Konfrontation mit Teheran – dennoch verstärkt Amerika seine Truppen im Nahen Osten. Eine Ankündigung des Irans verschärft die Lage weiter.
          Ehemaliger Lebensmittelladen in Loitz: Der Solidaritätszuschlag dient in erster Linie zur Finanzierung der Kosten, die die deutsche Wiedervereinigung verursacht hat. (Archiv)

          Wortbruch der Union : Soli-Schmerzen

          Dass ein Teil des Soli bleibt, dürfte für die Betroffenen finanziell zu verschmerzen sein. Nicht aber der Wortbruch der Union – und das bittere Gefühl, dass ihr Sondereinsatz für das Land nicht einmal wertgeschätzt wird.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.