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„Made in Germany“ : Vom Warnzeichen zum Aushängeschild

Deutsches Meisterstück aus Wetzlar: eine Fotokamera aus dem Hause Leica Bild: dapd

Gemeint war es als Kampfbegriff gegen die sich ausbreitenden deutschen Exportwaren. Doch der Warnhinweis „Made in Germany“, den die Abgeordneten des britischen Unterhauses vor 125 Jahren zur Pflicht machten, hat sich längst in ein Qualitätssiegel erster Güte verwandelt.

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          Ernest Edwin Williams war nicht nur empört, der britische Essayist war ganz und gar außer sich. Er konnte es nicht fassen, dass die deutsche Industrie in ihrem Expansionsdrang nicht zu stoppen war. Nicht durch die 1883 in Paris geschlossene Internationale Konvention zum Schutz des gewerblichen Eigentums, nicht durch die 1886 in Rom verabschiedeten Warenschutzverträge und auch nicht durch das britische Wareneinfuhrgesetz, das 1887 vom Unterhaus in London verabschiedet worden war und die Kennzeichnung aller importierten Warten zur Pflicht erhoben hatte.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Williams’ Verärgerung galt diesen seinen Worten nach deutschen Pfuschern und Fälschern, diesen Nachahmern und Betrügern, die ihren Messern den Schriftzug „Sheffield made“ gaben, die ihre Uhren mit Londoner Silberstempeln versahen und ihre Textilien als britisch ausgaben, um sie teuer zu verkaufen. Er griff zum Stift und schrieb ein trotziges Pamphlet. Der Titel: „Made in Germany“ - eine Kampfansage.

          Porsche und Daimler, Fissler und Loewe

          Wie Williams dachten viele Briten. Schutzzölle waren für die bekennenden Freihändler in der Londoner Regierung ausgeschlossen. Sie setzten auf Qualität und Marken und verabschiedeten deshalb am 23. August 1887 jenes Gesetz, das auf jedem importierten Produkt einen Herkunftsnachweis forderte. Doch weder dieses Gesetz noch Williams’ Kampfschrift konnten verhindern, dass sich Produkte deutscher Herkunft wachsender Beliebtheit erfreuten.

          In den zwanziger Jahren machte Oscar Barnack seine Leica-Kameras zu einer Weltmarke, Zeiss-Objektive wurden in den dreißiger Jahren bis nach Japan verkauft, in den fünfziger Jahren schwang sich der VW-Käfer zum Exportschlager der jungen Bundesrepublik auf. Heute zählen Produkte aus Deutschland zu den besten der Welt, ist „made in Germany“ kein Warnzeichen mehr, sondern ein Gütesiegel. Besonders in Asien sind die Verbraucher nur allzu gerne bereit, viel Geld für deutsche Ingenieurskunst auszugeben. Dass so manches deutsche Unternehmen in der Produktion Materialien aus dem Ausland verwendet, gar Teile der Produktion ins Ausland verlagert hat, tut dem Glanz keinen Abbruch.

          Es sind Namen wie Porsche und Daimler, wie Fissler und Loewe, BMW und Audi, die sich im Ausland hoher Beliebtheit erfreuen. Sie alle produzieren größtenteils, wenn auch nicht vollständig in Deutschland. Die für ihre hochwertigen Kochtöpfe bekannte Fissler GmbH fertigt rund 90Prozent ihrer Produkte hierzulande. Lediglich sogenannte Aktionsware werde im Ausland produziert. Der Fernsehgerätehersteller Loewe AG aus Kronach schätzt, dass 80Prozent seiner Produkte in Deutschland hergestellt werden, verweist aber auch darauf, dass zum Beispiel die Displays der Fernseher in Asien eingekauft würden. Der Kofferhersteller Rimowa GmbH aus Köln - Werbeslogan „Germany since 1898“ - stellt seine Aluminiumkoffer weitgehend in Deutschland her, die Modelle aus Polycarbonat im Ausland.

          Ein nicht mehr wegzudenkendes Werbeargument

          Auch bei den Autoherstellern gibt es eine Mischung aus inländischer und ausländischer Produktion. Die Porsche AG hat seit den neunziger Jahren kontinuierlich die Auslandsproduktion ausgebaut. Zuerst gab es eine Auslagerung an den Hersteller Valmet. In Finnland wurden diejenigen Boxster-Modelle gebaut, für die es in Stuttgart keine Kapazität mehr gab. Auf diese Weise entstand die „atmende Fabrik“. Dem Image schadete das nicht, denn der Motor wurde nach wie vor in Stuttgart gebaut, und das wurde den Kunden gegenüber als das Wesentliche kommuniziert. Der Vertrag mit Valmet ist mittlerweile ausgelaufen, er wurde durch einen Vertrag mit Volkswagen ersetzt: Jetzt bietet das ehemalige Karmann-Werk Osnabrück diese Flexibilität. Für die Baureihe Cayenne gibt es in der Slowakei ein gemeinsames Werk mit VW. Die fertige Karosse wird dann mit der Bahn nach Leipzig transportiert und dort mit den Motoren zusammengeführt. Porsche setzte Ende der neunziger Jahre mit seinem Werk in der sächsischen Messestadt bewusst und gezielt auf einen deutschen Standort für die Endmontage, BMW folgte.

          Die Daimler AG produziert überwiegend in Deutschland, daneben gibt es auch Werke im Ausland: in Südafrika für die Rechtslenker, in Amerika für Geländewagen, in Frankreich für den Smart und in China für jene Fahrzeuge, die für den chinesischen Markt bestimmt sind. Der frühere Grundsatz, dass Motoren nur in Deutschland gefertigt werden, wird in China neuerdings durchbrochen. Das Hauptmotorenwerk liegt nach wie vor in Stuttgart, der größte Standort ist das Werk Sindelfingen mit 25.000 Mitarbeitern.

          Besonders für relativ unbekannte Mittelständler ist „made in Germany“ ein nicht mehr wegzudenkendes Werbeargument, um in fernen Ländern Käufer zu erreichen. Aber auch unter deutschen Verbrauchern hat nach Jahren des „Geiz ist geil“-Mantras ein Umdenken eingesetzt. Geschäfte wie Manufactum ziehen zahlungskräftige Verbraucher an, die auf deutsche Handarbeit setzen. Ein umfangreicher Katalog erklärt ausführlich, wo und wie die Produkte hergestellt werden.

          Vom Makel zur Marke

          Mit dem Schriftzug „made in Germany“ schmücken kann sich im Prinzip jeder, der seine Ware im Wesentlichen in Deutschland verarbeitet oder ihr hier zumindest den letzten Schliff gibt. Im vergangenen Jahr hatte die EU-Kommission laut darüber nachgedacht, ob man die Anforderungen für „made in Germany“ nicht verschärfen sollte, ob maximal 45 Prozent der Bestandteile aus dem Ausland kommen dürfen. Das führte zu einem Aufschrei in der deutschen Industrie, seitdem ist es um dieses Vorhaben still geworden.

          Der Bleistift, mit dem Ernest Edwin Williams 1896 seine Kampfschrift gegen die deutsche Industrie in einem ersten Entwurf niederschrieb, war übrigens „made in Germany“. Williams konnte es nicht fassen und sah das britische Empire wanken, ein halbes Jahrhundert und zwei Weltkriege später fiel es, große Teile der britischen Industrie sanken zu Boden. „Made in England“ ist heute vielen allenfalls noch als Lied von Elton John bekannt; „made in Germany“ hat sich vom Makel zur Marke gemausert.

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