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Machtkampf im Industriekonzern : Bei Siemens fallen die Würfel

Langfristig gesehen ist vieles kurzfristig: Der bisherige Siemens-Vorstandsvorsitzende Peter Löscher Mitte Juli bei der Grundsteinlegung für die neue Konzernzentrale in München Bild: dpa

Unterirdisch und ohne Fahrer - das kann man nicht nur über das neue Bahnprojekt aus dem Hause Siemens sagen, sondern auch über den Konzern selbst. Heute entscheidet der Aufsichtsrat, wohin die Reise geht.

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          Schon vor zwei Wochen schien es den Herren am Wittelsbacher Platz schwer zu fallen, den Hammer auf Kommando im gleichen Takt zu schwingen. Noch war Peter Löscher vorne dran. Er schlug als Erster. Joe Kaeser folgte ihm, schon im fast gleichen Takt, während Gerhard Cromme erst ganz zuletzt das Mauerwerk berührte. Doch die Laune war bestens - noch. Die drei von Siemens legten den Grundstein für die neue Siemens-Zentrale in der Münchner Innenstadt, die Ende 2016 fertig sein soll. Ein Prachtbau der Moderne entsteht dort. Und die für einen solchen Grundstein üblichen Beigaben sind bedeutungsschwer.

          Rüdiger Köhn
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.
          Carsten Knop
          Herausgeber.

          Stolz legte der Vorstandsvorsitzende Löscher einen Satz von Unternehmensgründer Werner von Siemens bei: „Für einen kurzfristigen Erfolg gebe ich die Zukunft nicht auf.“ Mit mahnenden Worten fügte Finanzvorstand Kaeser ein Säckchen mit Geld hinzu: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.“ Bedeutungsschwer kam der Aufsichtsratsvorsitzende Cromme mit einer Plakette daher, auf der die Werte eines der größten deutschen Industriekonzerne stehen: „Verantwortung, Exzellenz, Innovation“.

          Die Geschehnisse der vergangenen Monate, Wochen und Tage aber stehen im eklatanten Widerspruch zu all jenem, was die Herren über den Siemens-Konzern erst vor wenigen Tagen auf der Baustelle deponiert hatten. Vielleicht sollten sie die Aufsichtsratssitzung an diesem Mittwoch deshalb damit beginnen, den Grundstein wieder auszugraben. Dafür allerdings, dass seit fast einer Woche der Streit um die Absetzung von Peter Löscher und die Kür seines Nachfolgers zu eskalieren drohte, wird es in der Sitzung am Mittwoch vermutlich vergleichsweise sachlich und zügig zugehen.

          Einen solch abrupten Machtwechsel hat es bei Siemens noch gegeben

          Löscher, 55 Jahre alt, Österreicher, im Juli 2007 als Aufräumer im vom Korruptionsskandal erschütterten Konzern angetreten, wird nun einvernehmlich ausscheiden. Den befürchteten Schlagabtausch vermeidet er. Joe Kaeser wird nach 33 Jahren Zugehörigkeit zum Unternehmen und nach sechs Jahren Tätigkeit als Finanzvorstand als neuer Chef versuchen müssen, das in Unordnung geratene Unternehmen zu beruhigen und die Gräben wieder zu schließen. Das klingt plötzlich sehr unspektakulär. Und doch wird es eine historische Sitzung sein: Einen solchen abrupten Machtwechsel inmitten der Amtszeit eines Vorstandsvorsitzenden hat es in der Historie des vor fast 166 Jahren gegründeten deutschen Vorzeigeunternehmens Siemens noch nicht gegeben. Auch Löschers Vorgänger, der heutige Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Aluminiumkonzers Alcoa, Klaus Kleinfeld, war bei seinem Abschied nicht mehr wohlgelitten. Er ging aber ohne großes Getöse.

          Gerhard Cromme
          Gerhard Cromme : Bild: dpa

          Weil die Sitzung an diesem Mittwoch eine Sitzung von großer Bedeutung ist, blieben in den Tagen zuvor Machtspiele einzelner Personen nicht aus. Sie haben dem Konzern damit erheblichen Schaden zugefügt. Das gilt vor allem für den Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme, der auf keine Freunde mehr bauen kann und offenbar nur noch in dem Interesse agiert, sein letztes wichtiges Amt in der deutschen Unternehmenslandschaft so lange wie möglich zu behalten. Die demoralisierte Stimmung im Unternehmen von Siemens wurde nämlich erst möglich, nachdem sich auch Gerhard Cromme, der so viel von „Verantwortung“ und „Exzellenz“ hält, von Löscher abgewendet hat. Der Oberaufseher, der im März diese Funktion im schwer angeschlagenen Thyssen-Krupp-Konzern jäh verloren hatte, hielt lange an Löscher fest - bis Cromme las und spürte, dass er nun auch bei Siemens seine Haut retten muss.

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