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Gerichtsverfahren : Machtkampf bei Aldi Nord geht weiter

Berthold Albrechts Witwe Babette kämpft im Rechtsstreit bei Aldi Nord um ihren Einfluss (Bild aus dem Jahr 2015) Bild: dpa

Vor Gericht streiten die Firmenerben von Aldi Nord weiter um ihren Einfluss auf die Führung des Discounters. Wie steht es um die Entscheidung im Machtkampf der Nachfahren von Theo Albrecht?

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          Der Familienstreit bei Aldi Nord geht weiter. Wider Erwarten traf das Schleswig-Holsteinische Oberverwaltungsgericht am Donnerstag keine Entscheidung in dem Machtkampf der Firmenerben. Nach achtstündiger Verhandlung wurde das Verfahren auf den 7. Dezember vertagt. Dann will die Vorsitzende Richterin Birgit Voß-Güntge den früheren Aldi-Nord-Chef Hartmuth Wiesemann als Zeugen hören. Wiesemann war einst Vorstandmitglied der Jakobus-Stiftung, bei der ein Teil des Eigentums von Aldi Nord liegt.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          Die zwei Berufungsverfahren in Schleswig drehen sich um die Frage, wie viel Einfluss die Familie des verstorbenen Gründersohns Berthold Albrecht bei Aldi Nord bekommen soll. Mit einem Urteil könnte möglicherweise ein juristischer Schlussstrich unter den Familienstreit gezogen werden, der auch die Zukunft des verschwiegenen Lebensmitteldiscounters berührt. Die Erben des Unternehmensgründers Theo Albrecht tragen seit Jahren eine Fehde um die Kontrolle in dem Konzern aus. Dabei geht es im Kern darum, wie die Macht zwischen den zwei Albrecht-Familien und dem Management ausbalanciert werden soll.

          Auf der einen Seite stehen Theo Albrecht junior, einer der beiden Söhne des Gründers, und seine Mutter Cäcilie Albrecht. Mit ihnen im Konflikt liegen die Erben von Theo juniors Bruder Berthold: Seine Witwe Babette Albrecht und ihre fünf mittlerweile erwachsenen Kinder. Juristischer Dreh- und Angelpunkt ist die Besetzung des Vorstands der Jakobus-Stiftung. Sie ist eine von drei Stiftungen, die das milliardenschwere Vermögen des Discounters verwalten. Die Stiftungen müssen alle wichtigen Entscheidungen des Managements von Aldi Nord einstimmig genehmigen. Bei der strategischen Ausrichtung des Unternehmens, das im vergangenen Jahr 12,7 Milliarden Euro umgesetzt hat, spielen sie eine entscheidende Rolle.

          In zwei Stiftungen namens Markus und Lukas haben Theo Albrecht junior, seine Mutter und die Konzernspitze das Sagen. Heftig umstritten ist die Besetzung der Jakobus-Stiftung, hinter der Babette Albrecht und ihre Kinder stehen. Gut zwei Jahre vor seinem Tod hatte Berthold Albrecht die Satzung der Jakobus-Stiftung zuungunsten seiner eigenen Familie geändert. Dominierte zuvor die Familie Bertholds im Jakobus-Vorstand, entstand nun eine Pattsituation: zwei Vertreter der Familie sahen sich zwei Vertretern des Unternehmens gegenüber – wie auch in den beiden anderen Stiftungen. Die Familie solle in keinem der drei Stiftungsgremien das Sagen habe, sondern sich stets mit der Unternehmensführung auf einen gemeinsamen Weg einigen, argumentiert die Seite Theo Albrecht junior mit Verweis auf den Stiftungszweck.

          In beiden Verfahren liegt noch kein Ergebnis vor

          Nach dem Tod von Berthold Albrecht im Jahr 2012 entbrannte die Fehde in der zurückhaltenden Unternehmerfamilie. Seine Nachfahren wehrten sich gegen ihre Entmachtung und klagten gegen den Kreis Rendsburg-Eckernförde, der als Aufsichtsbehörde die Satzungsänderung genehmigt hatte. Unter anderem stellte Babette Albrecht die Geschäftsfähigkeit ihres damals schwer erkrankten Mannes in Frage. Ihr Mann habe die Tragweite der Entscheidung krankheitsbedingt nicht verstanden. Diese Darstellung wird von Theo Albrecht junior bestritten.

          Vor dem Verwaltungsgericht Schleswig bekamen Babette Albrecht und ihre Kinder im vergangenen Jahr Recht. Die Richter erklärten die Satzungsänderung aus formalen Gründen für unwirksam. Berthold Albrecht habe die Änderung in unzulässiger Weise für den erkrankten Stiftungsvorstand Hartmuth Wiesemann mitunterschrieben. Dagegen legte der Kreis Berufung ein, über die am Donnerstag in zweiter Instanz verhandelt wurde. Im Dezember soll Wiesemann vor allem zu der strittigen Frage gehört werden, ob er Berthold Albrecht damals eine wirksame Vollmacht erteilt hat.

          In einem zweiten Verfahren begehren die Erben von Berthold Albrecht Einsicht in die Satzung der Markus-Stiftung. Das Verwaltungsgericht hatte die Klage in erster Instanz mit der Begründung abgewiesen, die Akten enthielten schützenswerte Inhalte. Die Markus-Stiftung kontrolliert mit 61 Prozent den Großteil des Aldi-Nord-Vermögens. Die Nachkommen von Berthold Albrecht sind Destinatäre dieser Stiftung, können also Ausschüttungen erhalten. Auch in diesem Verfahren gab es am Donnerstag noch kein Ergebnis. Für eine Entscheidung müsse das Gericht zunächst die betreffenden Akten einsehen.

          Neues Gestaltungskonzept für Aldi Nord und Aldi Süd

          Im Sommer hatte es Befürchtungen gegeben, die Familienzwistigkeiten könnten das milliardenschwere Modernisierungsprogramm von Aldi Nord behindern. Während die Markus- und die Lukas-Stiftung dem Projekt schon zugestimmt hatten, fehlte zunächst noch das Plazet der Jakobus-Stiftung. Doch auch die Erben von Berthold Albrecht willigten schließlich ein, mehr als 5 Milliarden Euro in das „Aniko“ genannte Innovationskonzept zu investieren. Das neue Konzept für die rund 2300 Läden im Inland und rund 2400 Märkte im europäischen Ausland sieht einen ansprechendere, hellere Gestaltung, eine bessere Übersichtlichkeit und mehr Frischeprodukte vor.

          Auch in einem weiteren wichtigen Punkt wurden sich die Stiftungen kürzlich einig. Aldi-Nord-Chef Marc Heußinger erhielt eine Vertragsverlängerung um weitere fünf Jahre. Heußinger ist seit 1998 für den Discounter tätig und hat seit 2011 die Gesamtverantwortung inne.

          Auch das Schwesterunternehmen Aldi Süd mit Sitz in Mülheim an der Ruhr investiert derzeit Milliarden in die Aufwertung der Filialen. Bis 2019 sollen alle deutschen Geschäfte umgestellt sein. Die Discounter mussten auf das Erstarken der klassischen Supermärkte reagieren, nicht zuletzt um neue Kundengruppen zu erschließen und jüngere Konsumenten anzusprechen. Im vergangenen Jahr gelang es den Billiganbietern, den rückläufigen Trend zu stoppen.

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