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Luftverkehr : Flughafenbetreiber BAA vor der Zerschlagung

London-Heathrow, der größte Flughafen Europas, bleibt in spanischem Besitz Bild: dpa

Der spanische Baukonzern Ferrovial muss sich aus Wettbewerbsgründen von drei seiner sieben britischen Flughäfen trennen. An Heathrow will der Konzern aber in jedem Fall festhalten, obwohl Ferrovial mit Europas größtem Flughafen bisher wenig Freude hatte.

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          Der größte Flughafenbetreiber in Großbritannien, BAA, steht vor der Zerschlagung. Das zum spanischen Baukonzern Ferrovial gehörende Unternehmen solle sich von drei seiner insgesamt sieben Flughäfen trennen, teilten die britischen Wettbewerbshüter am Mittwoch in London mit. Nach Empfehlung der Behörde wird die British Airport Authority (BAA) in London die beiden Flughäfen Gatwick und Stansted auf die Verkaufsliste setzen. Außerdem steht in Schottland einer der drei Standorte in Aberdeen, Edinburgh und Glasgow zur Disposition.

          Michael Psotta

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Ergebnis der mehrmonatigen Untersuchung wurde mit Spannung erwartet. Mitte 2006 teilte die staatliche Regulierungsbehörde OFT mit, dass sie die vermeintliche Dominanz von BAA im heimischen Luftfahrtgeschäft durchleuchten wolle. Denn der 1987 privatisierte Staatskonzern wickelt als Eigentümer von drei der insgesamt fünf Londoner Flughäfen immer noch mehr als 90 Prozent des Passagieraufkommens in der britischen Hauptstadt mit ihren 7,5 Millionen Einwohnern ab. Unter Hinzunahme des BAA-Stützpunktes in der Hafenstadt Southampton beläuft sich der Marktanteil des Betreibers im Südwesten des Landes auf 63 Prozent. In Schottland liegt dieser Wert sogar bei 80 Prozent.

          Ziel: mehr Wettbewerb

          Der Besitz von sieben wichtigen Flughäfen des Landes in einer Hand wirke sich negativ auf den Umgang mit Fluglinien und Passagieren aus, sagte Christopher Clarke, Untersuchungsleiter der zuständigen Wettbewerbskommission in London. Die Vorwürfe sind an das nationale Management von BAA sowie an den Eigentümer Ferrovial gerichtet. Der spanische Baukonzern hatte den britischen Konzern vor mehr als zwei Jahren für rund 15 Milliarden Euro erworben. Unter der Regie des neuen Hausherren aus Madrid agierte die Führung von BAA glücklos. Zu Jahresbeginn musste der von Ferrovial eingesetzte Vorstandsvorsitzende Stephen Nelson seinen Hut nehmen. Dem 45 Jahre alten Briten wird intern die schlampige Vorbereitung für die Eröffnung des neuen "Terminal Five" am Londoner Flughafen Heathrow vorgeworfen. Nelson wurde durch den externen Neuzugang Colin Matthews ersetzt.

          Nach Auffassung der Wettbewerbshüter habe BAA auf die Anliegen der Passagiere bei Anreise oder Abfertigung ebenso zögerlich reagiert wie auf den überfälligen Ausbau der Kapazitäten. Von einer Zerschlagung verspricht sich Experte Clarke mehr nationalen Wettbewerb sowie frisches Kapital, um endlich in die Modernisierung und den Ausbau der Infrastruktur zu investieren.

          Hier ist der Nachholbedarf an den Standorten in London besonders groß. Zwar behauptet Heathrow mit knapp 70 Millionen Passagieren im Jahr noch seine Vormachtstellung als größtes Drehkreuz in Europa. Allerdings hat der Groß-Flughafen im Westen der Metropole lediglich zwei Start- und Landebahnen. Der Bau der dritten Piste ist unter lokalen Politikern und Umweltschützern heftig umstritten und dürfte sich über Jahre verzögern. Der Engpass spielt den Rivalen Paris, Amsterdam oder Frankfurt in die Hände.

          Hochtief und Fraport gelten als mögliche Käufer

          Konkurrenten und Finanzinvestoren haben bereits ihr Interesse am Kauf der Londoner Flughäfen bekundet. Beispielsweise prüfen die deutschen Konzerne Hochtief und Fraport den Erwerb von Gatwick (F.A.Z. vom 18. August). Beide müssen allerdings finanzstarke Mitbieter fürchten. Neben der Manchester Airport Group planen die australische Bank Macquarie und der Investor GE Credit Suisse die Übernahme eines Londoner Flughafens.

          Für den spanischen Baukonzern Ferrovial war der Erwerb von BAA ein wichtiger Schritt, um die Abhängigkeit vom spanischen Baumarkt rechtzeitig vor dessen absehbarem Niedergang zu verringern. 2006 erhöhte Ferrovial sogar zweimal das Angebot. Schließlich konnten sich die Spanier gegen den mitbietenden Investor Goldman Sachs durchsetzen. Allzu viel Freude hatte Ferrovial an BAA bisher aber nicht. So erwies sich die hohe Verschuldung für die Finanzierung des Zukaufs als starke Belastung. Für 2008 rechnet Ferrovial sogar mit einer Ausweitung des BAA-Verlustes auf 300 (217) Millionen Euro. Dazu kam das ruf- und geschäftsschädigende Desaster zur Eröffnung des fünften Heathrow-Terminals mit wochenlangen Verzögerungen bei der Gepäckverteilung. Dennoch will Ferrovial an Heathrow in jedem Fall festhalten; der Konzern versteht sein Engagement als langfristig. Das Baugeschäft trägt inzwischen weniger als die Hälfte zum Konzernumsatz von zuletzt 14,6 Milliarden Euro bei. Ein starkes Standbein ist auch der Straßen- und Parkhausbetreiber Cintra.

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