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Luftverkehr : Den Billigflughäfen gehen die Passagiere aus

Der Flughafen Hahn im Hunsrück ist seit 1993 in Betrieb und hat noch nie Gewinn gemacht. Bild: dpa

Ryanair zieht sich Stück für Stück aus Deutschland zurück. Hahn, Weeze & Co. verlieren bis zu 40 Prozent der Fluggäste. Das wird teuer für den Steuerzahler.

          5 Min.

          Knapp 200 Einwohner leben im Dörfchen Hahn. Die Nachbargemeinden sind auch nicht viel größer. Die nächste Stadt ist Simmern mit gerade 8000 Einwohnern - und schon 20 Kilometer entfernt. Mainz liegt eine Stunde weg.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So ist das eben im Hunsrück: schön und kaum bewohnt. Aber mit einem internationalen Flughafen. Das kann wohl kein Dorf in Deutschland bieten. Der Flughafen Hahn ist der größte Airport für Billigflieger in Deutschland. Ryanair hat hier ein wichtiges Drehkreuz aufgebaut. Ganz Europa ist von Hahn aus zu erreichen. 3,5 Millionen Menschen flogen 2010 von dort ab, etwa so viele wie von Nürnberg. Sie mussten naturgemäß weit anreisen - aber wegen der günstigen Ticketpreise nehmen das viele in Kauf.

          Doch in diesem Jahr bleiben sie immer öfter zu Hause. Die Fluggastzahlen brechen dramatisch ein. Im August, wegen der vielen Ferienreisenden der wichtigste Monat des Jahres, flogen ein Fünftel weniger als im Vorjahresmonat, wie eine Umfrage dieser Zeitung unter den Billigflughäfen ergab. Den Konkurrenten geht es nicht anders. Weeze in Nordrhein-Westfalen verlor sogar über ein Viertel, Memmingen 17 Prozent, Lübeck gar 40 Prozent. Im Juli lief es ähnlich schlecht. Die großen Drehkreuze wie Frankfurt und München legten hingegen zu (siehe Karte).

          Ryanair begründet Rückzug mit Ticketsteuer

          Der Einbruch an den kleinen Flughäfen begann mit dem Sommerflugplan im April. Dann machten sich an den Flughäfen die vielen Flugstreichungen bemerkbar, die Ryanair vorgenommen hat. Die irische Airline ist an allen Billigflughäfen praktisch Monopolist. In Hahn stellte sie rund 30 Prozent der Verbindungen ein, in Weeze 22 Prozent. Auch in Lübeck, Berlin-Schönefeld und Bremen reduzierte sie das Angebot.

          Ryanair begründete die Streichungen mit der Ticketsteuer, die seit Jahresanfang in Deutschland gilt. Für jede Strecke, die hierzulande startet, sind acht Euro zusätzlich fällig, bei innerdeutschen Zielen plus Mehrwertsteuer, also zusammen etwa 10 Euro. Bei Ticketpreisen von zuweilen 19 oder 29 Euro fällt das stärker ins Gewicht als bei Lufthansa-Tarifen, die bei 99 Euro beginnen - auch wenn das Ryanair-Ticket später durch allerlei Gebühren oft teurer wird. "Wenn die Tickets nicht mehr ganz so billig erscheinen, gibt es den Kurzbesuch bei Freunden oder die Städtereise über das Wochenende eben einmal weniger", sagt Matthias Hanke, Partner und Transportexperte bei der Unternehmensberatung Roland Berger. Dann würden oft sowieso schon defizitäre Strecken noch schlechter ausgelastet und zum Streichobjekt. Zumal auch Billigflieger nicht mehr so hemmungslos wachsen können wie in den vergangenen Jahren.

          Die Billigflughäfen leiden unter dieser Entwicklung stärker als die großen Drehkreuze. Denn es gibt kaum andere Fluggesellschaften, die für Ryanair einspringen könnten. Der Anteil der Geschäftsreisenden, die weniger auf den Preis schauen müssen, ist gering. Und schließlich haben die Minilandeplätze keine Umsteigepassagiere, die die Ticketsteuer nicht bezahlen müssen und zum Beispiel in Frankfurt rund die Hälfte der Fluggäste ausmachen. Grenznahe Flughäfen leiden zudem noch darunter, dass die Passagiere in die Nachbarländer ausweichen können.

          Das spürt besonders Weeze, das direkt an der niederländischen Grenze liegt und bisher 50 Prozent Kunden aus den Niederlanden hatte. Die fliegen jetzt lieber von Eindhoven oder Maastricht. Dort schossen die Passagierzahlen in diesem Jahr in die Höhe. "Wir legten im August um 29 Prozent zu. Wir profitierten dabei von der deutschen Flugsteuer, weil Ryanair seine Verbindungen bei uns ausbaute und Germanwings Strecken eröffnete, zum Beispiel nach Berlin", sagt Sander Heijmans, Chef des Maastrichter Flughafens nahe der deutschen Grenze bei Aachen. Auch andere grenznahe Flughäfen wie Saarbrücken oder selbst der deutlich größere Flughafen Köln-Bonn, den auch viele Billigflieger ansteuern, erlitten Einbußen. In Memmingen kam hinzu, dass sich Air Berlin zurückzog, das wegen seiner wirtschaftlichen Schwierigkeiten Strecken streichen muss.

          Kleinstflughäfen entstanden meist aus ehemaligen Militärflughäfen

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