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Luftverkehr : Lufthansa übernimmt Austrian Airlines

  • -Aktualisiert am

Zwei Österreicher: Wolfgang Mayrhuber (l.) und Peter Michaelis Bild: REUTERS

Nach dem Sanierungsfall Swiss erwirbt Lufthansa nun den Verlustbringer Austrian Airlines (AUA) zu einem symbolischen Preis. Für die österreichische Fluglinie bleiben zunächst die Marke, das Streckennetz und die Unternehmenszentrale in Wien erhalten. Doch mit tiefen Einschnitten ist zu rechnen.

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          Der finanziell schwer angeschlagene österreichische Luftfahrtkonzern AUA wird Teil der Lufthansa. Die Verträge zu der bereits von den Gremien der beiden Gesellschaften in dieser Woche gebilligten Transaktion wurden am Freitag in Wien unterzeichnet. Der Vorstandsvorsitzende der Lufthansa, Wolfgang Mayrhuber, sagte vor Journalisten in Wien, dass die AUA in Zukunft von den Größenvorteilen, der Marktpräsenz und der Wettbewerbsstärke der Lufthansa profitieren könne, und fügte hinzu: „Allerdings muss Austrian Airlines wieder profitabel werden.“

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Im Bieterverfahren hat sich Lufthansa gegen Air France-KLM und die russische S7 durchgesetzt. Demnach zahlt Lufthansa den symbolischen Preis von 366 268 Euro für die Staatsanteile von 41,6 Prozent, bessert im Falle einer günstigen wirtschaftlichen Entwicklung aber mit bis zu 162 Millionen Euro nach. Die Republik Österreich übernimmt als Vorbedingung bis zu 500 Millionen Euro an Schulden der Gesellschaft und damit fast die Hälfte der gesamten Verbindlichkeiten. Dem AUA-Streubesitz sollen 4,44 Euro je Aktie geboten werden, das wären rund 200 Millionen Euro.

          Minimaler Streubesitz

          Das entspricht dem Durchschnittskurs der zurückliegenden sechs Monate und damit dem gesetzlichen Minimum. Als „aufschiebende Bedingungen“ nennt Lufthansa die kartellrechtliche Freigabe, die Genehmigung des Schuldennachlasses durch die Europäische Kommission und das Erreichen einer Grenze von mindestens 75 Prozent nach dem Ende der regulären Annahmefrist. Zum Eigentumswechsel (Closing) wird es daher erst in ein paar Monaten kommen. So lange dürfte es dauern, bis von der EU alle wettbewerbs- und beihilferechtlichen Fragen rund um die Transaktion geklärt sind - auch Klageandrohungen von Mitbewerbern und unterlegenen Bietern muss bis dahin beigekommen sein.

          Aus zwei mach eins: Lufthansa übernimmt Austrian Airlines

          Sichergestellt wurde für die AUA die in den Privatisierungsbedingungen festgehaltene Aufrechterhaltung der Marke, des auf Osteuropa ausgerichteten Streckennetzes sowie der Unternehmenszentrale in Wien. Der Flughafen Wien soll seine Drehscheibenfunktion für Verbindungen nach Osteuropa behalten. Eine Standortgarantie hat die Lufthansa nicht abgegeben. Ebenso wurde die Sperrminorität von 25 Prozent plus einer Aktie unter österreichischem Eigentum über eine Stiftungskonstruktion für fünf Jahre gesichert. Über diese Stiftung wahrt die Republik Mitspracherechte. Ungeachtet dessen dürften auf die österreichische Fluglinie mit der Übernahme größere Einschnitte zukommen. Das Einsparungspotential wurde von Lufthansa jährlich mit 80 Millionen Euro angesetzt, wobei der Großteil auf der Kostenseite kommen soll.

          Weniger Langstrecken, weniger Personal

          Neben einer weiteren Ausdünnung des Langstreckennetzes wird bei der tief in die Verlustzone gerutschten Fluggesellschaft auch eine Straffung des Personalstandes erwartet. Doch ohne Partner wäre die AUA nicht mehr überlebensfähig. Ohne einen rettenden Käufer hätte die Gesellschaft nach eigenen Schätzungen auf die Hälfte ihrer Größe schrumpfen müssen, um zu bestehen. Zudem wäre frisches Geld vom Staat nötig gewesen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Auch Mayrhuber hat die Beschäftigten bereits auf Einschnitte eingestimmt. „Alle Beteiligten müssen einen Beitrag leisten“, sagte er. Die restliche Privatisierung der maroden Gesellschaft wurde damit innerhalb von vier Monaten abgeschlossen. Notwendig wurde sie wegen der rasant zunehmenden Ergebnisverschlechterung, die in diesem Jahr zu einer Verfünffachung des Verlustes gegenüber der Planrechnung auf bis zu 475 Millionen Euro führen wird.

          Damit setzt die Deutsche Lufthansa ihre Einkaufstour in Euro fort. Schon seit vielen Monaten hatte Mayrhuber immer betont, die Fluggesellschaft wolle eine „aktive Rolle in der Konsolidierung in Europa spielen“. Mitte September hatte die Lufthansa die belgische Gesellschaft Brussels Airlines gekauft. Zudem übernimmt sie die Mehrheit an ihren Beteiligungen an der britischen BMI und an Eurowings. Die AK Industriebeteiligung, die 50,9 Prozent der Anteile an Eurowings hält, hat ein Kaufangebot der Lufthansa angenommen. Zum Jahresende würden die Unternehmensanteile auf die Lufthansa übertragen, die damit Alleineigentümerin von Eurowings wird. Zu Eurowings gehört auch der Billigflieger Germanwings. Auch der Mehrheitseigner der britischen Fluglinie British Midland (BMI), Michael Bishop, hat seine Verkaufsoption gegenüber der Lufthansa ausgeübt. Damit ist Lufthansa verpflichtet, die Mehrheit an BMI zu erwerben. Lufthansa ist schon mit 30 Prozent an BMI beteiligt, die Kaufoption stammt aus dem Jahr 1999.

          Der Kurs der Lufthansa-Aktie verlor am Freitag gut 1 Prozent auf 10,27 Euro, die der AUA verbesserte sich um zwei Prozent auf 3,83 Euro. Die Analysten sind sich in der Bewertung uneins. Goldman Sachs hat Lufthansa von „neutral“ auf „verkaufen“ abgestuft, während andere zum Halten (Nord LB) oder gar zum Kauf der Aktie (Unicredit) raten.

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