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Hilfen für Lufthansa : „Wir brauchen keine staatliche Geschäftsführung“

Lufthansa-Maschinen, geparkt am Frankfurter Flughafen Bild: Reuters

Europas größte Fluggesellschaft braucht Staatshilfe, sieht eine Mitsprache des Bundes aber weiter skeptisch. Das will Lufthansa-Chef Spohr kommende Woche noch einmal deutlich machen.

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          Am Dienstag will Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr den Aktionären ein neues Wort vorstellen: die „Prachter“. Doch prachtvoll ist zur ersten digitalen Hauptversammlung im Geschäft nichts. Der Konzern macht nach vorläufigen Zahlen im ersten Quartal 1,2 Milliarden Euro bereinigten operativen Verlust, Staatshilfe ist nötig. „Alleine werden wir es nicht schaffen. Wir brauchen Unterstützung“, wird Spohr laut vorab veröffentlichtem Redemanuskript sagen.

          Timo Kotowski
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Pracht bleibt im Wort „Prachter“. Es steht für vier A330-Flieger, aus denen Sitze ausgebaut wurden, um Waren zu laden. Weil die Passagierflotte größtenteils steht, reichen die Kapazitäten der reinen Cargo-Flieger nicht aus. Nun gibt es Passagierjets als Frachter – kurz Prachter.

          Zur Diskussion um die Staatshilfe von bis zu 10 Milliarden Euro und eine mögliche Beteiligung des Bundes enthält das Manuskript wenig neue Worte, sondern weiter die Skepsis gegenüber staatlicher Mitsprache. „Jetzt brauchen wir staatliche Unterstützung. Aber wir brauchen keine staatliche Geschäftsführung“, will Spohr sagen. Der Konzern dürfe sich auch nicht überschulden. Dem Vernehmen waren vom Bund ein Zins von 9 Prozent für die Hilfen in Aussicht gestellt worden, was aus Lufthansa-Sicht bedrohlich hoch ist.

          „Sommer findet am Boden statt“

          „Die Politik ist aufgerufen, darauf zu achten, dass Hilfen nicht zu einer Schieflage im internationalen Wettbewerb führen“, steht im Manuskript. Die Konzernführung hat sich Unterstützung der Gewerkschaften Verdi und Vereinigung Cockpit (VC) geholt. In einem gemeinsamen Brief an Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) warnen sie vor Risiken für die Handlungsfähigkeit: „Um an unseren Erfolg als führende europäische Airline-Gruppe auch nach dieser Krise anknüpfen zu können, müssen wir sowohl die Wettbewerbs- und Investitionsfähigkeit der Lufthansa erhalten, als auch Beschäftigung sichern.“

          Sollte es eine Einigung bis Dienstag geben, wird Spohr seinen Redetext noch ändern – wahrscheinlich ist das nicht. Zwar soll es mittlerweile im Austausch mit dem Bund Annäherungen geben, doch die Gespräche dauern an. Der Staat peilt dem Vernehmen nach einen Anteil von rund 25 Prozent an, was wohl durch vorhandene und ohnehin anstehende Beschlüsse der Aktionäre zur möglichen Ausgabe neuer Aktien noch gedeckt wäre. Weiteres Geld könnte über eine stille Beteiligung und Kredite fließen. Laut Nachrichtenagentur Bloomberg ist nun die Rede von mindestens einem Aufsichtsratssitz für den Bund, bislang galten zwei als fest gefordert. Auch der 9-Prozent-Zins gilt dem Vernehmen nach nicht mehr als gesetzt.

          Lufthansa-Chef Carsten Spohr
          Lufthansa-Chef Carsten Spohr : Bild: dpa

          Lufthansa hat aber Prüfungen für ein Schutzschirmverfahren vorangetrieben haben für den Fall, dass man mit dem Bund nicht einig wird. Solch ein insolvenzähnliches Verfahren lehnt die VC ab. Vom Verzicht darauf machen die Piloten Zugeständnisse von 350 Millionen Euro abhängig, darin eine Absenkung des vom Konzern aufgestockten Kurzarbeitergeldes und eine Lohnkürzung um bis zu 45 Prozent bis Juni 2022. „Wir haben immer gesagt, dass wir uns als Personal im oberen Vergütungsbereich zu unserer besonderen Verantwortung bekennen, in guten wie in schlechten Zeiten, auch wenn dies schmerzhafte Einschnitte bedeutet. Hier ist nun der Beweis“, sagte VC-Präsident Markus Wahl. Voraussetzung sei, dass der Konzern alles tue, um die Krise partnerschaftlich mit den Beschäftigten zu überwinden, ein Schutzschirmverfahren erfülle das nicht.

          Einer Zerteilung des Konzerns oder Verkäufen erteilt Spohr derweil eine Absage. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, wolle man die Lufthansa Group zusammenhalten. 2019 wurde in der Konstellation mit einem Rekordumsatz von 36,4 Milliarden Euro und einem bereinigten operativen Gewinn von rund 2 Milliarden Euro abgeschlossen. Darauf folgte der weitgehende Stillstand. „Wir richten uns darauf ein, dass dieser Sommer gewissermaßen am Boden stattfindet“, so Spohr laut Redetext.

          Ein Neustart soll mit einer in den nächsten Jahren um 100 Jets verkleinerten Flotte gelingen. Urlauberflüge sollen mehr Bedeutung bekommen, für die Langstrecken von Eurowings gibt es ein neues Konzept, statt Tochtergesellschaften wie Sun Express und Brussels Airlines in Eurowings-Lackierung die Strecken fliegen zu lassen. „Im Zuge dessen werden wir die vier Flugbetriebe, die bislang unsere Eurowings-Langstrecken operieren, zu einem neuen touristisch ausgerichteten Flugbetrieb zusammenführen“, heißt es.

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